Kantonale Statistik

Zahl der Leerwohnungen stagniert auf hohem Niveau: Ist der Bauboom vorbei oder nur gebremst?

Die Zahl der Leerwohnungen im Aargau ist erstmals leicht rückläufig. (Symbolbild)

Erstmals seit zehn Jahren ist die Zahl der leeren Wohnungen im Kanton Aargau rückläufig – es gibt aber Ausnahmen.

Die Entwicklung war besorgniserregend. Zwischen 2009 und 2018 hat sich die Zahl der leerstehenden Wohnungen und Häuser im Kanton Aargau von 3634 auf 8437 mehr als verdoppelt. Und trotzdem wurde stets weitergebaut. Bauen boomte dank tiefen Zinsen und volatilen Märkten.

Gestern nun veröffentlichte der Kanton die neusten Zahlen (Stand 1. Juni 2019). Und: Nach Jahren des ungebremsten Wachstums ist die Zahl der leeren Wohnungen erstmals leicht rückläufig (–0,7 Prozent). Verglichen mit dem Vorjahr ist auffällig, dass insbesondere die Zahl der leerstehenden Neubauten deutlich zurückgegangen ist (–11,7 Prozent).

Über die Gründe erfährt man beim Kanton nichts. Man habe noch keine Zahlen zu den Wohnungsbeständen und deshalb könne man nicht sagen, ob auch weniger gebaut wurde. Eine UBS-Studie des Immobilienmarktes Schweiz von Anfang Jahr zeigt aber, dass die Baugesuche und -bewilligungen 2018 rückläufig waren und mit 54'000 respektive 51'000 den tiefsten Stand seit 2011 erreichten. Ein Trend, der sich in der ersten Hälfte 2019 fortsetzte. Insbesondere die Baubewilligungen gingen in den letzten vier Quartalen deutlich zurück und fielen um 16 Prozent auf noch 45'000 Bewilligungen pro Jahr in der Schweiz.

Ist der Bauboom vorbei oder nur gebremst?

Ist der Bauboom also vorbei? «Wir stellen fest, dass deutlich weniger gebaut wird als vor einem Jahr», sagt Thomas Sommerhalder, UBS-Chef der Regionen Solothurn und Aargau. Deswegen von einem Ende des Booms zu sprechen, wäre jedoch verfrüht. Denn, so Sommerhalder: «Ich finde die Leerstände im Kanton teilweise dramatisch. Gewisse Gebiete im Aargau sind diesbezüglich auf dem Niveau von Jura oder Schaffhausen West. Zum Teil wurde sehr viel gebaut und ich frage mich, wer dort wohnen soll?»

Genaue Zahlen zur Entwicklung im Kanton Aargau sind, wie erwähnt, noch nicht verfügbar, aber eine deutliche Abschwächung des Booms ist spürbar. «Vor allem in den Kantonen Aargau und Solothurn haben wir einen massiven Einbruch der monatlichen Absatzzahlen festgestellt», sagt Patrick Stapfer, CEO des Beton-Produzenten Aarebeton.

Ob wegen der abnehmenden Bautätigkeit auch die Leerwohnungsbestände weiter sinken, muss bezweifelt werden. Denn obwohl die Leerstände wuchsen, wurde und wird allenfalls weiter investiert. Die UBS hielt in ihrer Studie im Januar fest: «Der Notstand im Anlageuniversum lässt selbst Investitionen in Regionen mit hohen Leerstandrisiken weiterhin in einem positiven Licht erscheinen.» Man erwartet, dass das Angebot weiterhin stärker wachsen wird als die Nachfrage nach Wohnraum. Als Folge dürften die Mieten sinken.

Fünf Mal mehr leere Wohnungen in Muri

Zwar stagniert die Zahl der leerstehenden Wohnungen im Kanton. Das heisst aber nicht, dass dies überall der Fall war. In einigen Gemeinden nahmen die Leerstände gar deutlich zu. Einer der Spitzenreiter diesbezüglich ist die Gemeinde Muri. Standen letztes Jahr im Sommer noch 40 Wohnungen leer, sind es jetzt 247 Wohnungen, die unbewohnt sind, eine Steigerung von mehr als 500 Prozent. Eine fast schon beängstigender Anstieg.

Leer stehende Wohneinheiten pro 1‘000 Einwohner (über 20-Jährige) in den Bezirken, 2002–2019

Leer stehende Wohneinheiten pro 1‘000 Einwohner (über 20-Jährige) in den Bezirken, 2002–2019

Cynthia Heule, Leiterin Baubewilligungen in Muri, aber relativiert: «Zwischen Mai und Juni sind die Wohnungen von 10 bis 15 Mehrfamilienhäusern frisch auf den Markt gekommen.» Und es geht ungebremst weiter. Die Zahl der Baugesuche habe kaum abgenommen. Trotzdem beängstigt der Anstieg Heule nicht. Denn es wird nicht nur viel gebaut, sondern es ziehen auch laufend neue Menschen nach Muri. Heule ist zuversichtlich, dass die Leerbestände schon bald wieder sinken.

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