Die Plakate waren schon gedruckt: «Urs Hofmann wieder in den Regierungsrat». Da sass nun also SP-Nationalrätin Yvonne Feri am 12. August vor diesen Plakaten, auf denen von ihr nicht die Rede war und verkündete den versammelten Medien: «Ich bin überzeugt, dass ich mich aufgrund meiner breiten politischen Erfahrung und meinem vielseitigen Engagement besonders gut für das Regierungsamt eigne.» Besser hätte sich nicht veranschaulichen lassen, dass es sich bei der Kandidatur um eine improvisierte Übung handelt.

Verübeln kann man das weder der SP noch Kandidatin Feri. Wie alle wurden sie von Susanne Hochulis Verzichtserklärung buchstäblich auf dem linken Fuss erwischt. Nichts gegen den Grünen Robert Obrist, aber seine Wahlchancen tendieren gegen null.

Will man sich nicht dem Vorwurf aussetzen, kampflos zugesehen zu haben, wie die Regierungsmacht vollends an das rechtsbürgerliche Lager abgetreten und auch ein so starker Regierungsrat wie Urs Hofmann auf verlorenen Posten gesetzt wurde, blieb gar nichts anderes übrig, als eine eigene zweite Kandidatur aus dem Hut zu zaubern. Das ist das – freilich unausgesprochene – Statement der SP-Führung zur Nomination von Yvonne Feri.

Spider von Yvonne Feri (SP)

Spider von Yvonne Feri (SP)

Zu ihrem Schaden wird es so oder so nicht sein, sich auf das Wagnis eingelassen zu haben, sie wird nicht als Verheiz-Kandidatin ins Rennen geschickt. Verliert sie die Wahl, hat sie wenigstens heroisch gegen die definitive SVP-Hegemonie im Aargau angekämpft.

Wird sie tatsächlich gewählt, steigt Yvonne Feri definitiv zur Ikone der Linken auf, deren Name in einem Atemzug mit dem von Pascale Bruderer genannt wird. Und erst noch dürfte der 2015 abgewählte Max Chopard wieder nach Bern, so viel hätten die Sozialdemokraten schon lange nicht mehr zu feiern gehabt im Aargau.

Die Ausdauerläuferin

Es brauchte einen langen Schnauf, bis Feri zu diesem Punkt kam, wo sie die grosse Hoffnungsträgerin für die Linke im Aargau ist. Kaum jemand hatte sie auf dem Radar gehabt, als sie 2011 in den Nationalrat nachrutschte, weil Pascale Bruderer in den Ständerat gewählt wurde.

Dabei war sie da schon vier Jahre Einwohnerrätin, zehn Jahre Grossrätin und sechs Jahre Gemeinderätin in Wettingen gewesen. Sie hätte sich schon gewünscht, «von den Medien aktiver wahrgenommen zu werden», sagte Feri damals.

7 Fragen, 7 Mal nur Ja oder Nein als Antwort

7 Fragen, 7 Mal nur Ja oder Nein als Antwort

Das sagen die Kandidaten zu Atomausstieg, integrativer Schule und mehr Polizisten.

Vier Jahre später dann hat sie es allen gezeigt, die sie bis dahin womöglich noch immer unterschätzt hatten: Die SP verlor bei den Nationalratswahlen 2015 einen Sitz, das Nachsehen hatten aber nicht die «Neuen» Yvonne Feri oder Cédric Wermuth, sondern Max Chopard.

Den nötigen langen Schnauf hat Yvonne Feri im wahrsten Sinn des Wortes. Aargau Marathon im Mai, vor zwei Wochen der Charity Run am Powerman in Zofingen, nächstes Wochenende Greifenseelauf und eine Woche vor den Wahlen im Oktober Hallwilerseelauf – Schlussspurt quasi.

Die SP-Kandidatin läuft und läuft und läuft. Als engagierte Läuferin liebe sie Herausforderungen und setze sich immer wieder neue Ziele, sagt Feri über Feri. Schon deshalb habe sie die Kandidatur für den Regierungsrat gereizt: «Sportliche Leistungen brauchen Ausdauer und Disziplin – beides Eigenschaften, die mir auch in der Politik zugutekommen.»

Feri politisiert linker als Wermuth

Und nun also Zieleinlauf am 23. Oktober beim Regierungsgebäude am Aargauerplatz in Aarau? Dummerweise musste sich Feri Zusatzgewicht in den Rucksack packen lassen, bevor sich überhaupt die Frage stellte, ob sie ins Rennen um einen Sitz in der Aargauer Regierung steigen soll.

Eine Auswertung des Abstimmungsverhaltens sämtlicher Parlamentarierinnen und Parlamentarier seit Beginn der neuen Legislaturperiode Ende 2015 ergab: Es gibt weniger als eine Handvoll Nationalrätinnen und Nationalräte unter der Bundeskuppel, die noch konsequenter links politisieren als Yvonne Feri. Cédric Wermuth, bei den Bürgerlichen als Enfant terrible verschrien, gehört übrigens nicht dazu.

Das ist nicht gerade die Referenz, die man für die bei einer Majorzwahl zwingend benötigten Stimmen aus der politischen Mitte gebrauchen kann.

Die SP-Kandidatin steht selbstverständlich zum sozialdemokratischen Gedankengut, sieht sich selber aber innerhalb der Partei eher eingemittet. Feri betont im Wahlkampf denn auch ihre Erfahrung als Exekutivpolitikerin.

Seit bald elf Jahren ist sie Gemeinderätin in Wettingen und führt das Sozialressort der zweitgrössten Aargauer Gemeinde. Das geht nicht ohne Kompromisse einzugehen und die Kollegialbehörde zu respektieren, darauf weist die SP-Kandidatin zu Recht hin. Sie wisse sehr wohl, wann Pragmatismus vor Parteiprinzipien zu stellen ist, so Feri.

Nahtloser Übergang

In ihrem Aufgabenbereich sind das Asylwesen, die Fachstelle für Altersfragen und die Sozialhilfe angesiedelt. Da kaum mit einer Departementsrochade zu rechnen ist, würde Yvonne Feri also genau die Dossiers betreuen, die sie aus der Praxis bereits bestens kennt.

«Ich kenne die gesetzlichen Grundlagen aus der Praxis, kenne die Nöte und Wünsche der älteren Bevölkerung und bin kompetent im Asylbereich», erklärte sie bei der Präsentation ihrer Kandidatur selbstbewusst.

Kompromissfähigkeit ist nicht mit fehlender Prinzipientreue zu verwechseln. Und obwohl sie sich politisch nahe stehen, scheut sich Feri auch nicht, die amtierende Sozialdirektorin zu kritisieren, wenn ihr das angezeigt scheint. Als die Gemeinde Riniken damit Schlagzeilen machte, dass sie Hausbesitzer aufforderte, nicht an Sozialhilfeempfänger zu vermieten, warf Feri dem Kanton mangelnde Leadership für eine professionellere Führung der Gemeinde-Sozialdienste vor. Und kritisierte Susanne Hochuli dafür, dass sie keine Stellung bezog.

Feri brachte das Thema dann in der Fragestunde des Nationalrats aufs Tapet: Der Bundesrat bestätigte, dass das Vorgehen in Riniken «der Grundidee des Abschiebeverbots widerspricht und indirekt die Umsetzung des Grundrechts auf Niederlassungsfreiheit vereitelt».