Stromnetz-Monopol

Wucher-Vorwurf: Kleine Energieversorger prüfen Klage gegen die AEW Energie AG

Der Streit zwischen den Energieversorgern schwelt schon länger.

Der Streit zwischen den Energieversorgern schwelt schon länger.

Der Verband Aargauischer Stromversorger (VAS), zu dem sich die rund 100 lokalen und regionalen Stromversorger zusammengeschlossen haben, prüft eine Klage gegen die AEW Energie AG. Der Vorwurf: Die AEW nutze ihr Netz-Monopol aus und verlange von den Kleinen für die Netzpreise Wucher-Gebühren.

Es ist eine Aussage von AEW-Verwaltungsratspräsident Ernst Werthmüller, die das Fass zum Überlaufen bringt. «Wir sind eines der rentabelsten Kantonswerke in der Schweiz», sagte er Ende Mai. Anlass dafür war die Publikation der Geschäftszahlen des abgelaufenen Geschäftsjahres, Werthmüller freute sich über einen satten Gewinn von 65 Millionen Franken und eine zweistellige Ebit-Marge (12,8 Prozent).

Zugleich kündete der abtretende Verwaltungsratspräsident der AEW an, weitere Energieversorger aufkaufen zu wollen. Neben dem Kantonswerk tummeln sich auf dem kantonalen Energiemarkt rund 100 weitere Energieversorger; kommunale, regionale, lokale. Sie sind es, denen es den Deckel lupft.

«Wir prüfen eine Klage gegen die AEW», sagt Ruedi Zurbrügg, Geschäftsleiter des Verbandes Aargauischer Stromversorger (VAS), zu dem sich die rund 100 lokalen und regionalen Stromversorger zusammengeschlossen haben. Der VAS stört sich an den seinen Mitgliedern verrechneten Preise für die Nutzung des Mittelspannungsnetzes der AEW. Von dort kommt der Strom auch für die Kunden der VAS-Mitglieder und der von ihnen versorgten Gemeinden. Letzte Woche kommunizierte die AEW nun die Preise für die rund 100 unabhängigen Aargauer Energieversorger für das Jahr 2021.

Warum zahlen die einen bald doppelt so viel wie die anderen?

Und da wurden Zurbrügg und VAS-Präsident Markus Blättler richtig stinkig. Denn sie haben die Sache am Beispiel eines grösseren Industriebetriebs durchgerechnet. Heute zahlt dieser in Gemeinden, in denen ein kommunaler Energieversorger (VAS-Mitglied) die Endverteilung macht, rund 860'000 Franken Netznutzungsgebühren, während er in einer Gemeinde, wo die AEW die Endverteilung mache, 680'000 Franken bezahle.

Nach den eben kommunizierten Tarifen würde der Industriebetrieb im kommenden Jahr in einer vom VAS versorgten Gebiet mehr als eine Million bezahlen, in einem AEW-Gebiet dagegen nur knapp über 500'000 Franken, also bloss halb so viel. Blättler sagt: «Wir verlangen seit Jahren Transparenz über die unterschiedliche Preisentwicklung, weil wir damit nicht einverstanden sind.»

Seit zwölf Jahren kämpfe der VAS für mehr Transparenz und gerechte Preise. «Erreicht haben wir immer noch nichts. Das ist frustrierend. Vor allem für die Stromkunden», sagt Geschäftsführer Zurbrügg. Man vermutet, dass die AEW ihre Marktmacht ausnutzt. Jetzt will man endlich wissen, wie die unterschiedlichen Preise zu Stande kommen. Notfalls mit einer Klage.

Mit den Vorwürfen der VAS konfrontiert, verweist die AEW auf ein laufendes Tarifprüfungsverfahren der nationalen Regulierungsbehörde ElCom. Initiiert vom VAS läuft das Verfahren seit April 2017. «Die AEW Energie AG geht davon aus, den definitiven Prüfbericht in den kommenden Wochen zu erhalten», teilt das kantonale Energieunternehmen mit. Zudem hebt die AEW hervor, dass es sich bei der Festlegung von Netznutzungspreise um den regulierten Monopolbereich handle, sprich die Preise würden ausschliesslich nach regulatorischen Vorgaben kalkuliert. Der Markt spiele nicht.

Weniger Rendite, dafür ist der Strom billiger

An den Aussagen zur Rentabilität stört sich Zurbrügg nicht. Es sei richtig, dass die AEW einen traumhaften Ebit ausweisen könne. Zurbrügg: «Rentabel sein und viel verdienen bedeutet auch, dass auf der anderen Seite Kunden stehen, welche diese hohen Preise bezahlen müssen. Unglücklicherweise sind es rund zwei Drittel der Aargauerinnen und Aargauer, die aufgrund der AEW-Monopolstellung im kantonalen Verteilnetz dafür bezahlen.»

Dass kleinere Werke oft weniger Rendite ausweisen, liege häufig daran, dass sie genossenschaftlich organisiert seien (39 Aargauer Stromversorger). Auch die 37 Stromversorger, welche von den Gemeinden als eigene Abteilung geführt werden, arbeiteten kostenbewusst. «Ihr Auftrag ist nicht, Rendite zu bolzen, sondern den Kunden möglichst günstigen Strom abzugeben», sagt Zurbrügg. Einige VAS-Elektrizitätsversorger hätten zum Beispiel weder Bürogebäude noch Werkhof, sondern seien bei einem örtlichen Unternehmer eingemietet. Und die Betriebsleiter arbeiteten zu ortsüblichen Löhnen. Es gibt auch Gemeinden und Städte, die von ihren Werken Dividenden wollen und Konzessionsgebühren verlangen, was den Strom verteuert.

Der Streit zwischen VAS und AEW schwelt schon seit 2008. Im Jahr darauf stand die erste Etappe der Strommarktliberalisierung an. Die Elektrizitätswerke konnten erstmals frei wählen, wo sie den Strom einkaufen. Schon damals gab es grössere Diskussionen um die Netznutzungspreise. Eigentlich würden es Verordnungen und Branchenvereinbarungen vorsehen, dass es bezüglich dieser Preise eine einvernehmliche Lösung gäbe, so die Position des VAS. Aber das würde bedingen, dass es Transparenz gäbe. «Die gibt es einfach nicht», sagt VAS-Präsident Markus Blättler. «Uns wird schlicht der Preis kommuniziert, und den müssen wir schlucken.»

Meistgesehen

Artboard 1