Bezirksgericht Bremgarten

Wollte ein Polizist den Missbrauch an seiner Tochter vertuschen?

Wollte ein Polizist den Missbrauch an seiner Tochter vertuschen?

Wollte ein Polizist den Missbrauch an seiner Tochter vertuschen?

Zwei Regionalpolizisten sollen Kollegen in einem mutmasslichen Missbrauchsfall vorgewarnt haben

Zwei Polizisten wurden beschuldigt, sexuelle Handlungen begangen zu haben. Vor dem Gericht stehen nun zwei Berufskollegen, die den mutmasslichen Tätern geholfen haben sollen, sich der Strafverfolgung zu entziehen. Einer davon ist der Vater.

Zwei Polizisten werden beschuldigt, sexuelle Handlungen mit einem Kind begangen zu haben. Es waren aber nicht die beiden, die am Donnerstag vor dem Bezirksgericht Bremgarten auf der Anklagebank sassen, sondern zwei Berufskollegen. Dies wegen versuchter Begünstigung.

Der Vorwurf: Sie sollen den mutmasslichen Tätern dabei geholfen haben, sich der Strafverfolgung zu entziehen. Besonders brisant an diesem Fall: Einer der Angeklagten ist der Vater des mutmasslichen Opfers.

Isabelle* hat psychische Probleme. Sie brauche sehr viel Aufmerksamkeit, wolle immer im Zentrum stehen, sagt ihr Vater gegenüber Gerichtspräsident Lukas Trost. Dies sei insbesondere so, seit die Mutter an Krebs gestorben sei. «Heute habe ich einen besseren Kontakt zu ihr, sie ist reifer geworden. Aber damals, damals war es die Hölle.»

Wegen der psychischen Probleme lebt die damals 15-Jährige in einem Heim. Sie hat Kontakt zu einigen Berufskollegen ihres Vaters, der bei der Regionalpolizei arbeitet. Ihr Verhalten wird allerdings immer einnehmender, grenzt an Stalking, sie erhält Kontaktverbot. Ein Polizist wechselt wegen ihr seine Natelnummer, sperrt sie auf Facebook, der andere schreibt ihr, sie dürfe ihn nicht mehr kontaktieren. Kurz darauf reicht Isabelle eine Anzeige ein.

Lügen und Suizidgedanken

Daraufhin ruft sie Hans* an, ebenfalls Polizist, und schildert ihm, dass sie mit seinem Kollegen Oralsex gehabt habe, und dass sie diesen anzeigen werde. «Ich ging von Anfang an von einer
erfundenen Geschichte aus», erklärt Hans vor Gericht. Nach dem Anruf von Isabelle bat er den Kollegen zu einem persönlichen Gespräch und erzählte ihm von den Vorwürfen. Statt Anzeige zu erstatten, habe er den Beschuldigten darüber informiert, dass ihm ein Strafverfahren drohe – das wirft ihm die Staatsanwaltschaft deshalb vor.

Dass die Anzeige von Isabelle schon eingereicht worden war, wusste er nicht. «Ich wollte nichts vertuschen, sondern den beiden die Möglichkeit geben, die Geschichte zu klären, bevor sie sich noch mehr aufbauscht», erklärt Hans. «Darf ich denn nicht mehr menschlich sein?» Wenn er nur einen Funken Wahrheit in dem erkannt hätte, was Isabelle ihm erzählt habe, dann hätte er die Beschuldigten eigenhändig auf den Posten gebracht, versichert er.

Auch Peter*, der Vater von Isabelle, glaubt seiner Tochter nicht. «Sie hatte skurrile Freunde, ritzte sich, hat viel gelogen, hatte Probleme mit dem Alkohol und hat zudem auch Suizidgedanken geäussert», beschreibt er die Vorgeschichte. Auch dass Isabelle detaillierte Angaben machen konnte, beispielsweise zum Oberkörper oder der Wohnung des Angeklagten, habe ihn nicht stutzig gemacht. «Für mich war alles erklärbar. Ich wusste, dass sie mit ihm in der Badi war. Und auch, dass sie einmal bei ihm in der Wohnung war, weil er einen Pullover holen musste.»

Heikel, aber nicht strafbar

Die Staatsanwaltschaft wirft Peter vor, dass er E-Mails seiner Tochter weitergeleitet hatte, die sie ihrer Beiständin geschrieben hatte. Darin schildert sie Details zum angeblichen Tathergang. So habe er seinen Kollegen auf die Vorwürfe vorbereiten wollen. «Ich habe die Informationen erst Wochen nach der Einvernahme weitergeleitet. Es sollte der Wahrheitsfindung dienen – das Gericht sollte erfahren, wie meine Tochter damals tickte», sagte Peter.

Gerichtspräsident Trost spricht beide Polizisten frei. «Es tönt wie in einer schlechten Telenovela: Zwei Polizisten vergehen sich an einem Mädchen, die anderen beiden decken sie», beginnt er die Urteilsbegründung. «Ob an der sexuellen Handlung mit einem Kind etwas dran ist, muss ein anderer Richter entscheiden.» Hans und Peter könne man einen Vorwurf machen, der sei aber strafrechtlich nicht relevant. «Sie wollten nicht das Verfahren stören, sondern das Gespräch suchen, das ist aus menschlicher Sicht nachvollziehbar», sagt er zu Hans.

Und zu Peter: «Es ist heikel, was Sie gemacht haben. Es gibt einen Grund, warum ihre Tochter eine Prozessvertretung hat.» Er glaube aber, dass Peter zur Wahrheitsfindung habe beitragen wollen. Er hoffe, dass es zu keinen sexuellen Handlungen zwischen Isabelle und den Polizisten gekommen sei. «Sollte sich herausstellen, dass die Vorwürfe erfunden sind, bin ich mir sicher: Sie hat das nicht gemacht, weil sie böse ist, sondern bedürftig.»

*Namen geändert

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