Prognose

Wohnen, Wohlstand, Verkehr: Wie der Aargau 2030 ticken wird

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Morgen beginnt ein neues Jahrzehnt. Wie wird der Aargau am Ende der Dekade aussehen? Zukunftsforscher und Kenner ihres Fachs wagen eine Prognose. Erfreulich: Die Zuversicht ist gross, dass es uns noch besser gehen wird als heute.

Prognosen sind schwierig – vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen, lautet eine Weisheit des Schriftstellers Mark Twain. Ungeachtet dessen wagen drei Frauen und drei Männer Aussagen über das Leben im Aargau im Jahr 2030.

Architektur: Der Aargau erhält ein neues Gesicht

Cla Semadeni ist Co-Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftsforschung. Auf die Frage, wie sich der Aargau in den nächsten zehn Jahren verändern wird, antwortet der Architekt: «Der Aargau hat bis dann ein neues Gesicht bekommen. Die Bauten sehen anders aus als früher. Anstelle der geraden ist die gekrümmte Linie getreten.» Die einfarbige werde von der vielfarbigen und gemusterten Fläche abgelöst. «Und anstelle des Regelmässigen hat sich das Unregelmässige eingefunden», prognostiziert Semadeni. Diversität werde sich überall wiederfinden. «Vielerorts werden in zehn Jahren neue Stadt- und Wohnquartiere entstanden sein. Überdurchschnittlich viele Neubauten werden den Altbestand aus dem letzten Jahrhundert abgelöst haben. Die alten Siedlungsstrukturen sind bis 2030 aufgebrochen.»

Wohlstand: Wir halten das Niveau – und werden gesünder

Unspektakulärer tönt die Prognose von Georges T. Roos, Gründer eines privat finanzierten Zukunftsforschungsinstituts und der «European Futurists Conference Lucerne». Als philosophisch geschulter Zukunftsforscher lasse er sich weder von Hypes noch von apokalyptischen Bildern verführen, schreibt er auf seiner Website. Auf die Frage, wie es den Aargauern in zehn Jahren gehen wird, antwortet er: «Wirtschaftsprognosen – selbst für ein Jahr – sind kaum je zutreffend. Allerdings spricht nichts dafür, dass sich das Wohlstandsniveau in den nächsten Jahren dramatisch verändern wird, nicht zum Besseren aber auch nicht zum Schlechteren.» Gesundheitlich werde es den Aargauerinnen und Aargauern besser gehen als heute, ist Roos überzeugt. «Die Ärztinnen und Ärzte werden dank künstlicher Intelligenz bessere Diagnosen stellen können. Auf jeden einzelnen Patienten abgestimmte Therapien erhöhen die Heilungschancen.» Zugleich werden die Aargauerin und der Aargauer immer besser informiert sein, was sie selbst zu ihrer Gesundheit beitragen können, sagt Roos: «Dank Gesundheitssensoren in Smart Watches oder speziellen, mit dem Handy verbundenen Sensor-Armbändern wissen sie jederzeit über ihren Gesundheitszustand Bescheid. Dadurch motiviert, werden sie weniger rauchen, weniger Fleisch essen und sich mehr bewegen.»

Verkehr: Wir bewegen uns intelligenter fort als heute

Präzisere Prognosen geben die Demografen ab: Sie rechnen für den Aargau in den kommenden zehn Jahren mit einem Bevölkerungszuwachs von zwischen 9 und 17 Prozent. Wie wird sich diese Zunahme auf unsere Mobilität auswirken – brauchen wir mehr Geduld auf den Strassen, werden die Züge noch voller sein? Hoffnung, dass wir uns schnell fortbewegen können, macht die Aussage von Thomas Sauter-Servaes, Dozent und Studiengangleiter «Verkehrssysteme» an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. «Wir werden 2030 bedeutend intelligenter mobil sein. Ein neuer öffentlicher Verkehr ist dann das Rückgrat unserer Mobilität. Schon 2015 wohnten 50 Prozent der Aargauer Bevölkerung maximal 300 Meter von einem ÖV-Halt entfernt.» In einem kurzen Text, den er «kleine Utopie» nennt, zeichnet Sauter-Servaes folgendes Bild unserer Mobilität: «Das 2021 eingeführte Super-GreenClass-Ticket hat viele von der persönlichen Verkehrswende überzeugt. Als perfekter Privatauto-Ersatz bietet es ein eigenes E-Velo, kombiniert mit einem ÖV-Abo, das nun auch Zeitkontingente für Car- und Bikesharing sowie die E-Trotti-Nutzung in Pendlerzielen wie Zürich oder Basel umfasst.» Die virtuelle Plattform «Third Life» revolutioniere die Arbeitszeiten und entlastete damit den physischen Verkehr. «Wer trotzdem noch aufs Auto angewiesen ist, fährt dank Mobility Pricing staufrei und überwiegend elektrisch in viel kleineren und leichteren Fahrzeugen.»

Wohnen: Begehrte Lagen ausserhalb der Agglomeration

Knapp ist 2019 nicht nur der Platz in den Zügen und auf den Autobahnen, sondern auch der bezahlbare Wohnraum in den Städten, etwa in Baden. Wird der Aargau 2030 noch ein attraktiver Wohnkanton sein? Ökonomin Sara Carnazzi Weber, Leiterin «Swiss Sector and Regional Analysis» bei der Credit Suisse und Verfasserin mehrerer Regionalstudien der Neuen Aargauer Bank: «Der Wunsch nach Wohneigentum ist vor dem Hintergrund der tiefen Zinsen ungebrochen. Da eine rasche Trendwende auf der Zinsfront nicht zu erwarten ist, gehen wir davon aus, dass die Immobilienpreise in den kommenden Jahren weiter steigen werden. Auch im Aargau.» Der Kanton werde allerdings für zukünftige Wohneigentümer nicht an Attraktivität verlieren. «Im Gegenteil: Aufgrund von knappem Bauland und hohen Baulandpreisen in den und um die Grosszentren dürften gut erreichbare und verhältnismässig erschwingliche Lagen ausserhalb dieser Agglomerationen in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen.» Die Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt und die technologischen Möglichkeiten, auch ausserhalb der Unternehmen zu arbeiten, werden zudem die Schwelle zum Pendeln weiter senken, vermutete Carnazzi.

Generation Ü65: Stärkeres Selbstbewusstsein

Gemäss Bundesamt für Statistik wird sich die Gruppe der Menschen im Pensionsalter bis ins Jahr 2045 mehr als verdoppeln. «Damit steht die Gesellschaft vor einem Wendepunkt», sagt Christina Zweifel, Leiterin der Fachstelle Alter und Familie beim Kanton Aargau. Erfahrung, Kompetenz, Ideen und Energie werde die Generation der über 65-Jährigen auszeichnen. Zentral werde der Wille der Seniorinnen und Senioren sein, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. «Neue Wohnformen und gute Wohnumgebungen für das Alter werden sich deshalb in den Gemeinden etablieren», ist Zweifel überzeugt. Das steigende Alter bedeute einen grösseren Bedarf an Unterstützung und Pflege. «Dazu werden die ambulanten und stationären Angebote vernetzter und flexibler gestaltet.»

Frauen: Sie verändern die politische Agenda

Welche Rolle werden die Frauen 2030 in der Aargauer Politik, Wirtschaft und Gesellschaft einnehmen? Sandra Kohler, Präsidentin des Vereins Frauenaargau: «Obwohl auch im Aargau fast die Hälfte der Bevölkerung Frauen sind, ist die Positionierung unseres Kantons aktuell immer noch klar männlich geprägt.» Der Fokus des Aargaus liege darauf, ein attraktiver Wirtschaftsstandort zu sein. «Das wird sich in den nächsten zehn Jahren ändern», glaubt Kohler. «Der steigende Anteil von Frauen in Politik und Wirtschaft wird Themen wie beispielsweise die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Gleichstellung oder generelle Fragen des zukünftigen Zusammenlebens mehr Gewicht verleihen.» Die Aargauer Gemeinden werden zusammenwachsen, immer mehr Menschen werden auf engerem Raum zusammenleben. Sandra Kohler: «Genau hier sind Frauen stark, in dem Zusammenhalt der Gemeinschaften, dem Pflegen von Beziehungen, im Austausch – und im Entwickeln von nachhaltigen Lösungen für alle.»

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