Ennetbaden
Wo es kein Asylproblem gibt – und die SVP wenig zu melden hat

Die Gemeinde Ennetbaden hat die tiefste SVP-Waehlerdichte im Kanton Aargau. Hier an der Limmat wird links-grün gewählt – weil die Menschen, die hier wohnen, Akademiker oder berufliche Weltenbummler sind.

Mario Fuchs
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Ennetbaden ist die Aargauer Gemeinde mit dem kleinsten SVP-Anteil.
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Impressionen aus Ennetbaden
Impressionen aus Enntbaden.
Impressionen aus Enntbaden.
Impressionen aus Enntbaden.
Impressionen aus Enntbaden.

Ennetbaden ist die Aargauer Gemeinde mit dem kleinsten SVP-Anteil.

Chris Iseli

Vor dem Schulhaus Grendel spielen Kinder mit Papierflugzeugen. Ein Bub fragt den anderen: «Wo ist es denn jetzt gelandet?» – und erhält eine kreative Antwort: «Es ist abgestürzt, in Bern über dem Bundeshaus.» Was die Kindergärtler im Spiel so dahersagen, trifft auf Ennetbaden irgendwie zu. Denn: Der Grossteil jener, die hier am Sonntag wählen gingen, sahen ihre Lieblingsparteien und -kandidierenden über dem Bundeshaus abstürzen.

Die Wählerstatistik zeigt: Ennetbaden ist die Aargauer Gemeinde mit dem kleinsten SVP-Anteil. Nur magere 16,4 Prozent wählten die sonst so erfolgreiche Volkspartei. Das sind 3621 Stimmen, die SP hingegen holte 5918. Ennetbaden wählt – nebst der FDP als zweitstärkste Partei – stark links-grün: Grüne und GLP konnten im Vergleich zu kantonalen und nationalen Werten gross punkten. Wie ticken die Menschen auf dieser Seite der Limmat?

Eine Gemeinde zeigt ihr Gesicht meistens dort, wo sie sich präsentieren will: auf den Plakaten im amtlichen Anschlagkasten. Im «Treffpunkt» gastiert nächste Woche Aron Hitz, Schauspieler, Mellingen. Thema seines Referats: «Arbeiten im Scheinwerferlicht». Daneben: «Publi Ride Baden – Gemeinsam fahren wir – Jetzt anmelden und Platz schaffen.» Oberhalb: Theater im Kornhaus Baden, Kurtheater Baden, Teatro Palino Baden. Wer etwas erleben will, muss meistens über die Brücke.

Gemeindeammann Pius Graf (SP) sagt am Telefon, man sei eben städtisch-urban, «auch wenn das so plakativ klingt». In Ennetbaden wohnten «viele internationale Leute», wegen der Industrie, zudem viele Akademiker, diese wählten «tendenziell links». Vor einem Mehrfamilienhaus am Flussufer schneidet Franz Reinstadler, Brille, Arbeiterhände, eine Thuja-Hecke. «Ja, hier ist es sehr ruhig», sagt er. Warum man hier links-grün wähle, könne er nicht beurteilen: «Ein Asylproblem jedenfalls gibt es hier nicht.»

Restaurants gehen der Reihe nach ein, ein gesellschaftliches Zentrum fehlt, der letzte Laden ist die Bäckerei-Konditorei «Café Préstige». Dafür werden neue Wohnhäuser gebaut, jene mit grossen Fenstern und grossen Garagen.

Mit ihrem Hund spaziert Verena Bernhart, alt Grossrätin der SP, vorbei. Ihre Antwort auf die Frage, warum die SVP hier nicht obenaus schwinge, ist direkt: «Weil es hier noch normale Leute gibt.» Vor zwei Wochen habe sie eine 17-jährige Eritreerin aufgenommen. «Das ist eine gute Antwort und nicht, Ängste zu schüren.» In der «Ennetbadener Post», September-Ausgabe, sinniert FDP-Gemeinderat Michel Bischof, geboren in Stockholm als Sohn eines BBC-Monteurs und einer Belgierin, über Fernweh. Für Banken war er jahrelang im Ausland tätig. Sydney, Singapur, São Paulo. Geheiratet hat er eine Brasilianerin, die jetzt in Ennetbaden jedes Jahr ein Benefiz-Feijoada-Essen organisiert, zugunsten brasilianischer Kinder.

Bischofs Fazit: «Wussten Sie, dass in Ennetbaden Menschen aus 63 verschiedenen Nationen leben? Vermutlich fühle ich mich deshalb so wohl hier!»