Esti nähert sich dem Melkroboter. Das Metalltor schwenkt zur Seite, die Kuh mit dem Transponder Nr. 62 darf melken kommen.

«S’Esti», wie Bauer Hans-Ueli Lüscher sie nennt, hat den Vormittag draussen auf der Weide verbracht. Viel Gras gefressen.

Der Roboter putzt mit einer feinen Bürste die Zitzen. Laser messen aus, wohin die Melkbecher müssen.

Dann wird angesetzt. Auf dem Touchscreen-Display zeigt Hans-Ueli Lüscher, wie der Zähler zu laufen beginnt.

Am Schluss sind es 16,3 Kilogramm Milch, die in Tank 1 gepumpt wurden. Und Esti hat unterdessen 1,3 Kilogramm Energiefutter und 130 Gramm Lockfutter gefressen.

Vorne kauen, hinten abliefern. So geht das. Dann setzen die Melkbecher ab, der Roboter desinfiziert mit einem Strahl die Zitzen und Esti will sich erst einmal im Stall hinlegen.

24 Stunden freier Tierverkehr

Esti ist eine von 68 Kühen im Stall von Hans-Ueli und Stefan Lüscher auf der Egg in Muhen. Seit drei Jahren bewirtschaften der 57- und der 30-Jährige den Hof als Generationengemeinschaft.

Sie halten Mastsauen, betreiben Ackerbau, produzieren Erdbeeren und Christbäume. Aber 50 bis 60 Prozent des Einkommens macht nach wie vor die Milch aus.

Und für die beiden ist klar: Sie wollen Milchbauern bleiben, so lange es geht. Allzu gut sind die Aussichten derzeit nicht.

Noch nie wurde in der Schweiz so viel Milch produziert – und gleichzeitig war der Milchpreis noch nie so tief.

Es war deshalb ein gut durchdachter Entscheid, als sich Lüschers 2009 dafür entschieden, einen neuen Stall zu bauen, einen Melkroboter zu installieren und so weiterhin auf die Milchproduktion zu setzen. Investitionskosten: Rund eine Million Franken, allein der Roboter kostete 230 000 Franken.

Jetzt herrscht im Stall «24 Stunden freier Tierverkehr», wie es Hans-Ueli Lüscher nennt. Die Kühe können sich bewegen, wie es sie gerade gelüstet: Zur Futtermischung, auf die direkt angrenzende Weide zum frischen Gras und der frischen Luft, zum Melken oder zur «Wellnessanlage», einer drehenden Bürste, von der sie sich nach Wunsch putzen lassen können.

Derweil putzt ein zweiter Roboter alle zwei Stunden den Stallboden, ein dritter schiebt das Kraftfutter nach.

«Nicht, dass die Starken fressen, alles verstreuen und die weniger Starken dann nur noch die Resten zusammenkratzen können», erklärt Hans-Ueli Lüscher.

Er sitzt jetzt in einer Kabine mit Blick auf den ganzen Stall. Sie ist gleichzeitig Kommandozentrale, Büro und Pausenraum.

An der Wand hängen Plaketten von den leistungsfähigsten Tieren. Auf einem Computerbildschirm sieht Lüscher, wie es seinen Kühen geht.

Die Software heisst «Time for Cows» und zeigt, was der Roboter alles an Daten erfasst. 2117 Kilogramm hat er in den letzten 24 Stunden gemolken.

Jede Kuh war im Schnitt 2,6 Mal im Roboter – und wurde im Schnitt 0,8 Mal abgewiesen. Das heisst: Fast jede wollte einmal melken, wurde aber nicht mehr eingelassen, weil der Transponder meldete, dass sie noch nicht melkberechtigt ist.

Dieser Wert freut den Landwirt: «Für mich heisst das: Sie gehen also sehr gern zum Melken. Ein gutes Zeichen.»

Auf dem Bildschirm kann Lüscher aber auch erkennen, wenn es einem Tier nicht gut geht. So hatte Ananas in den letzten Tagen eine schwere Lungenentzündung. Der Tierarzt musste ihr Antibiotika verabreichen. Gemerkt hat’s Lüscher unter anderem, weil Ananas’ Statistik anzeigte, dass ihre Milchmenge stark vom Schnitt abwich.

Schwieriges Thema

Dann klingelt Lüschers Telefon. Der Nachbar ist dran. «Ich be grad no imene Interview», sagt er in den Hörer. «Milchwirtschaft. Wetsch au no öppis säge?» Der Nachbar will nicht. «Schwierigs Thema, gäll», sind sich die zwei einig.

Pro Tag liefern Lüschers rund 2000 Liter an die Annahmestelle in Muhen. Sie gehören damit zu den «Exoten», wie Hans-Ueli Lüscher erklärt: Üblich ist heute eine Hofabfuhr, nur noch wenige Bauern bringen ihre Milch in eine Sammelstelle. Davon profitieren alle Müheler Milchbauern: Die Mittelland Molkerei Suhr, die ihre Milch abholt, zahlt wegen der so grösseren Abholmenge 5 Rappen Lademengenzuschlag pro Liter.

«Aktuell erhalten wir zwischen 54 und 56 Rappen pro Kilogramm», erklärt Lüscher. «Das ist in Anbetracht der Situation momentan ein guter Preis.»

Er habe Kollegen, die erhielten nur noch 47 Rappen. Der Durchschnitt liegt um die 50 Rappen. Lüscher sagt: «Ich begreife jeden, der neu gebaut und jetzt Mühe hat.»

Sogar er müsse die Milchwirtschaft zu einem Teil aus den anderen Standbeinen quersubventionieren.

Christoph Beyeler, Lehrer und Berater Betriebswirtschaft am Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg, sagt: «Es kommen immer mehr Milchbauern zu uns, weil sie betriebswirtschaftlich am Limit laufen.»

Es gebe einzelne Betriebe, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen könnten – es gebe aber auch Betriebe, die sehr gute Abschlüsse zeigten.

Beyeler unterstützt Landwirte dabei, ihre Vollkosten aufzulisten und zu analysieren, ob sich die Milchproduktion noch lohnt und wo es Verbesserungspotenzial gibt. Er sagt: «Man muss versuchen, an jeder einzelnen Kostenschraube zu drehen.»

Der Preisdruck werde nicht abnehmen. Während viele wie die Familie Lüscher ausbauen, stellen immer mehr die Milchproduktion ganz ein und satteln beispielsweise auf Mutterkuhhaltung um.

Wie gewinnbringend die Milchwirtschaft betrieben wird, ist von Betrieb zu Betrieb verschieden, weil es von individuellen Kostenfaktoren abhängt.

«Die meisten arbeiten aber nicht mehr selbsttragend», sagt Beyeler. Die Lage sei «sehr angespannt». Grundsätzlich seien die Aargauer Milchbauern aber «sehr professionell und sehr spezialisiert». Sie lieferten stets hohe Qualität.

Hans-Ueli Lüscher steigt aus der Kommandozentrale wieder runter in den Stall. Schaut zu, wie sich Fortuna dem Melkroboter nähert, und sagt: «Ich kann mir aber keinen schöneren Beruf vorstellen.» Dann muss er los, die letzten hundert Weihnachtsbäume setzen.