Aarburg, oder «Aarbig», wie die Einheimischen sagen, das ist ein Städtli mit Charme, eine alte Festung mit Jugendheim, ein Naturphänomen namens «Woog». Aarburg verschickt seinen Namen in die Welt: Franke-Küchen, Zimmerli-Unterwäsche, Bernina-Nähmaschinen.

Doch zuletzt schickte die Welt mehr nach Aarburg als umgekehrt: hunderte Flüchtlinge haben sich hier niedergelassen.

Vor allem, weil Wohnungen und Häuser günstig zu mieten sind. Das freut den Kanton, der hier Asylsuchende einquartiert – und das freut anerkannte und vorläufig aufgenommene Flüchtlinge, die, wenn sie aus den Asylunterkünften ausziehen müssen, in der Gemeinde eine günstige Anschlusslösung finden. So etwa an der Kloosmattstrasse, gelegen zwischen der Aare und der Coop-Tankstelle.

An diesem Mittwochmorgen pickt eine Krähe etwas aus der Wiese. Eine Frau kommt vom Einkaufen, stellt eine Lidl-Tasche ab, pflückt eine Rose aus dem Beet vor ihrem Haus. Gefragt nach den Eritreern in der Nachbarschaft sagt sie, vermutlich ohne die Frage verstanden zu haben: «Nein danke, ich nicht brauchen.» Der Pöstler rauscht auf seinem Elektro-Dreirad vorbei.

Freut sich über die Schweizer Gastfreundschaft: Samuel, anerkannter Flüchtling aus Eritrea.

Freut sich über die Schweizer Gastfreundschaft: Samuel, anerkannter Flüchtling aus Eritrea.

Sultan und die drei Schweizer

Eine Schweizer Mutter kommt mit ihrem Kind auf den Quartierspielplatz. Ja, sie habe gehört von den Eritreern, aber sie wohne nicht hier, sondern vorne im Städtli, darum könne sie nichts sagen.

Aus der Haustür nebenan tritt ein Eritreer, seine Tochter an der Hand. Er habe keine Zeit, müsse gleich zur Arbeit, sagt er – und spricht dann doch gerne zehn Minuten über Aarburg und Integration.

Sultan, 28, Lagerist bei einem Grossverteiler, sagt: «Du kommst hierher und fragst mich etwas. Aber wenn ich zu einem Schweizer gehe und ihn etwas fragen möchte, dreht er sich ab und geht weg.»

Natürlich habe er viele eritreische Freunde, ich als Schweizer habe wohl auch viele Schweizer Freunde. «Das ist normal. Aber ich habe auch Arbeitskollegen, egal, ob weiss oder schwarz, egal, welche Religion, alles kein Problem.»

Er wolle nicht nur mit Eritreern untereinander bleiben, aber es sei eben schwierig eine Wohnung zu finden, so sei auch er nach Aarburg gezogen. «Ich habe über ein Jahr lang gesucht.»

Im Haus, in dem Sultan mit seiner kleinen Familie seit vier Jahren wohnt, lebt auch Erkan mit seiner Freundin Laura (beide Namen geändert). Sie sind Schweizer, er mit türkischem Migrationshintergrund, sie mit italienischem.

Das Paar sitzt auf dem ebenerdigen Balkon, trinkt ein Glas Vitaminsaft, raucht eine Zigarette. Und dann sagt Erkan zwei Sätze, von denen er zuerst gar nicht bemerkt, wie brillant sie sind: Vor 40 Jahren, erklärt er, sei sein Vater der einzige Ausländer im Block gewesen. «Und jetzt sind mein Vater, der obenan wohnt, und wir zwei hier noch die einzigen Schweizer.»

Wäre es Abend, erzählen sie, würde man jetzt die eritreischen Frauen mit ihren Kindern draussen auf dem Spielplatz sehen, «dann ist hier alles voll».

Die Nachbarschaft sei friedlich, obschon es in der Waschküche manchmal Meinungsverschiedenheiten gebe. Laura: «Weil sie kein Deutsch können, beachten sie den Waschplan nicht oder verstehen nicht, wenn man ihnen etwas erklärt, das sie anders machen müssen.»

Hochuli rief zur Krisensitzung

Es sind Quartiere wie die Aarburger Kloosmatte, die der grünen Regierungsrätin Susanne Hochuli Sorgen bereiten. Denn, so sagte sie vergangene Woche in der «Schweizer Illustrierten»: «Sobald die Eritreer ihren Wohnsitz frei wählen können, ziehen sie dorthin, wo bereits ihre Landsleute leben.»

Dort entstehe «eine Parallelgesellschaft von Eritreern, die sich von uns abschotten und die man kaum erreichen kann.»

Explizit als Beispiel genannt hatte sie Aarburg, Ober- und Unterkulm – mitgemeint hatte sie aber auch Aarau, Buchs, Frick, Gränichen, Küttigen, Lenzburg, Oberentfelden, Oftringen, Reinach, Suhr, Wohlen und Zofingen. Dies sind jene 14 Gemeinden, die derzeit am meisten Eritreer im Kanton beherbergen.

Die Gemeindevertreter sind genauso besorgt wie Hochuli und waren deshalb am Dienstagabend zu einer Informationsveranstaltung geladen – oder eher: zu einer Krisensitzung.

Hochuli stellte bestehende Integrationsangebote vor und liess mit sich über die Faktoren diskutieren, «die für die schulische, soziale, berufliche Integration hinderlich beziehungsweise förderlich sind».

Dazu gehören unter anderem Alphabetisierungs- und Sprachkurse oder auch Massnahmen zur anschliessenden Arbeitsintegration, wie Hochulis Sprecher Balz Bruder sagt. Finanziert werden diese teilweise durch eine einmalige Integrationspauschale von 6000 Franken, die der Bund pro Flüchtling bezahlt.

Integration im Quartierbüro

Mohammed Mahmoud, 48, ist ein Beispiel dafür, wie eine solche «berufliche Integration» funktionieren kann. Der Eritreer kam vor vier Jahren in die Schweiz, lebt seit drei Jahren in Aarburg.

Als gelernter Elektriker machte er in seiner Heimatstadt Asmara einen Bachelor in Verwaltung und Buchhaltung – und erhielt kürzlich von der Fachhochschule Nordwestschweiz die Zusage für das Masterstudium in Business Information Systems. Der Kanton zahlt ihm ein Stipendium. Mohammed strahlt beim Gedanken an den Studienbeginn im September: «Ich liebe die Schweiz. Das ist meine Chance mich zu integrieren.»

Die Gemeinde Aarburg hat für drei Jahre ein Projekt namens «Quartierbüro» finanziert: Ausländer aller Couleur und Nationen treffen sich, um gemeinsam einen Garten zu bewirtschaften, die Gemeindewege zu putzen, Deutsch zu sprechen.

Mohammed hilft mit, wo er kann. Er sagt aber auch, jetzt mit traurigem Blick: «Die meisten Eritreer kommen nicht.» Es brauche nicht mehr Geld, sondern mehr Wille. «Du musst halt fragen, aktiv sein. Das ist so in der Schweiz, das musste ich auch lernen.»

Ende Jahr läuft die Finanzierung des Quartierbüros durch die Gemeinde aus, jetzt soll ein Verein gegründet werden.

Mohammed hat dann kaum mehr Zeit, weil er in Vorlesungen muss. «Ich werde trotzdem noch kommen, wann immer ich kann», sagt er. Auch das ist «Aarbig».

Lesen Sie HIER die Geschichte von Samuel, einem Asylbewerber, der seit zwei Wochen bei einer Familie in Möriken lebt.