Zersiedelung Aargau

Wo Baulandreserven schon 2019 erschöpft sind – und wo sie noch über Jahre reichen

DIe Baulandreserven sind von Gemeinde zu Gemeinde sehr unterschiedlich.

DIe Baulandreserven sind von Gemeinde zu Gemeinde sehr unterschiedlich.

Eine neue Auswertung zeigt: Bei einem Ja zur Zersiedelungs-Initiative am Sonntag wären die bestehenden Bauzonen einiger Aargauer Gemeinden dieses Jahr schon ausgeschöpft.

Wie würde sich ein Ja zur Zersiedelungs-Initiative, die am Sonntag zur Abstimmung gelangt, auf den Aargau auswirken? Die Initiative der Jungen Grünen verlangt, dass künftig nur noch Bauland eingezont werden darf, wenn andernorts die gleiche Fläche ausgezont wird. Damit dürften die bestehenden Bauzonen nicht mehr erweitert werden, sie würden praktisch eingefroren.

Die Auswirkungen für die Gemeinden im Aargau wären sehr unterschiedlich, wie eine Auswertung der Immobilienberatungsfirma IAZI zeigt. In einer Analyse für die AZ haben die Experten alle Aargauer Gemeinden mit mehr als 2000 Einwohnern untersucht. Unter der Annahme, dass Bautätigkeit und Bevölkerungswachstum gleich bleiben, haben die IAZI-Fachleute ermittelt, wie lange die Baulandreserven reichen würden.

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Grafik: Dominic KobeltFullscreen-Modus

Drei Gemeinden fast überbaut

Basis für die Berechnungen ist die Bauzonenstatistik 2017, die für den gesamten Kanton eine Bauzonenfläche von 20'579 Hektaren ausweist. Ende 2017 waren demnach 89 Prozent (18 239 Hektaren) überbaut und 11 Prozent (2340 Hektaren) noch nicht überbaut. In vielen Gemeinden weichen die Werte deutlich von diesen Durchschnittszahlen ab. So hätten Auw, Ennetbaden und Niederrohrdorf laut der IAZI-Auswertung ihre bestehenden Bauzonen schon dieses Jahr aufgebraucht. Am anderen Ende der Skala stehen Kaisten und Leuggern: Bei diesen Gemeinden hätte ein Ja zur Initiative keine grossen Auswirkungen, dort wären die heutigen Bauzonen erst in den Jahren 2111 bzw. 2148 vollständig ausgeschöpft.

«Gemeinden mit über 10'000 Einwohnern sind generell aussagekräftiger als kleinere Dörfer», sagt Michel Benedetti, Mediensprecher von IAZI. Auch bei den Städten im Aargau zeigen sich markante Unterschiede: Während die Landreserven in Baden und Aarau in vier Jahren überbaut wären, würden die Bauzonen in Reinach bis ins Jahr 2045, in Bremgarten bis 2038 reichen.

Juso mit Kartonhochhäusern

In der Kantonshauptstadt hat die Juso kürzlich mit einer Aktion für ein Ja zur Zersiedelungs-Initiative geworben. Mitglieder der Jungpartei stellten im Kasinopark einige Kartonhochhäuser auf und machten so auf ihre Position aufmerksam. «Wir haben die drei Hochhäuser bei der Igelweid im Park aufgestellt, um auf die Problematik der rasanten Verbauung von Kulturland aufmerksam zu machen», lässt sich Sandro Covo, Co-Präsident der Juso Aargau, in einer Mitteilung zitieren. «Den Schweizer Boden weiterhin der reinen Profitgier von Bauherrschaften so schenken ist nicht mehr zeitgemäss», ergänzt Co-Präsidentin Mia Jenni. Statt mehr Land einzuzonen, solle dichter und höher gebaut werden. Die Zersiedelungsinitiative sei eine sinnvolle Lösung, um die rasant schwindende Grünfläche der Schweiz zu schützen.

Zeiningen darf nicht einzonen

Schon jetzt erlebt Zeiningen im Fricktal, was ein Ja zur Initiative bedeuten könnte. Bei der Zonenplanrevision 2013 durfte die Gemeinde kein Land einzonen. Ende 2018 zählte Zeiningen 2315 Einwohner, das vom Kanton geschätzte Bevölkerungspotenzial liegt bei 2650 Personen, durch Verdichtung könnte es um weitere 200 steigen. Diskussionen gab es im Dorf insbesondere um die frühere Fischzucht, die vor acht Jahren der Grünzone zugewiesen wurde.
Martin Mennet, Präsident der Jungfreisinnigen Fricktal, kennt die Situation in Zeiningen. «Bei einem Ja zur Zersiedelungs-Initiative wäre die Gemeinde für die Zukunft blockiert, eine Umnutzung der ehemaligen Fischzucht, die zentral gelegen ist, wäre praktisch nicht möglich», sagt er. Eine gleich grosse Fläche am Dorfrand zu finden, die man auszonen könnte, wäre laut Mennet kaum realistisch, zumal die Landbesitzer nicht dieselben wären. «Es geht hier ja nicht darum, dass das Dorf weiter ins Grüne hinauswächst, sondern eben darum, ein Areal zu überbauen, das für diesen Zweck optimal wäre», argumentiert er. Ohne diese Perspektive verliert ein Dorf wie Zeiningen längerfristig an Attraktivität. Wenn es keine Wohnungen für Neuzuzüger mehr gebe, könnten in solchen Gemeinden auch das Vereinsleben und der Schulstandort gefährdet sein.

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