Wenn Pensionierte in Unterhosen inmitten einer betonierten Rennbahn zwischen heulenden Motoren stehen, muss das etwas mit Leidenschaft zu tun haben. So beobachtet Ende Juli in Oerlikon: Um von Chinohose und Poloshirt in den Rennanzug zu wechseln, braucht man nicht unbedingt eine Garderobe. Auf der Offenen Rennbahn findet zum 14. Mal eine Veranstaltung namens «Indianapolis Oerlikon» statt. Zwar auf Zürcher Stadtgebiet ausgetragen, ist sie eine ziemliche Aargauer Angelegenheit: Organisator Georg Kaufmann, Busslingen, Maserati 250F (1956), ist Aargauer. Und unter den 57 Teilnehmern machen die Aargauer einen Viertel aus. Ideale Gelegenheit, in eine ganz besondere Abteilung der Oldtimer-Freunde zu blicken: jene der Rennfahrer.

Zeigen statt Zeitmessung

Zwar ist «Indianapolis» gar kein Rennen, sondern eine «Präsentation historischer Rennfahrzeuge». Es geht nicht um die Zeit, sondern ums Zeigen. Fahren wie ein Rennpilot muss man trotzdem können: «Wir nehmen nur Fahrer, die wir mit Vornamen kennen», fasst Kaufmann die Anforderungen zusammen. Rennerfahren und rücksichtsvoll muss, kein Haudegen darf sein, wer mit bis zu Tempo 100 in die Steilwandkurven brausen will. «Die Sicherheit hat oberste Priorität!», sagt Kaufmann.

Vor drei Jahren hätte er aufhören, die Verantwortung nicht mehr übernehmen wollen. Doch er fand keinen Nachfolger und gab den Rücktritt vom Rücktritt. Leidenschaft und Vernunft werden sich wohl immer ein Stück weit ausschliessen. Kaufmann, der 1993 am Klausenpass sein erstes Rennen fuhr, machte weiter. Einzige Konsequenz: Jetzt wird das Fahrer- und Fahrzeuglager durch Strohballen geschützt.

«Von der Formel 1 entdeckt wird man hier nicht. Das haben wir aufgegeben.» Georg Kaufmann, Organisator.

«Von der Formel 1 entdeckt wird man hier nicht. Das haben wir aufgegeben.» Georg Kaufmann, Organisator.

Kaufmann sagt, immer im Juni merke er jeweils, wie viele «Kollegen» er habe: Alle rufen an, fragen nach einem Startplatz in Oerlikon. Von der Formel 1 entdeckt werde man hier nicht («Das haben wir aufgegeben»). Es gehe ums Erlebnis.

Die Warteliste ist lang, die Auswahl streng. Jeder muss eine Verzichtserklärung unterschreiben: Gefahren wird auf eigenes Risiko. Feuerwehr und Krankenwagen stehen bereit. Bislang blieben sie arbeitslos, bis auf etwas ausgelaufenes Öl.

Da spürt man die Fliehkraft: Rennleiter Kari Marty nimmt az-Redaktor Mario Fuchs mit auf eine Rennbahn-Runde.

Da spürt man die Fliehkraft: Rennleiter Kari Marty nimmt az-Redaktor Mario Fuchs mit auf eine Rennbahn-Runde.

«Überholt wird nur rechts!»

Um 16 Uhr, zwei Stunden vor dem Start, ist Fahrerbesprechung. «Rennleiter» Kari Marty «redet den Mannen ins Gewissen»: «Jeder fährt in dem Tempo, das ihm wohl ist. Überholt wird nur rechts! Den Flaggen wird Folge geleistet! Dies ist kein Rennen!» Halte sich einer nicht an die Regeln, werde er «ohne Vorwarnung» angehalten. Und: «Priorität haben die Velorennen. Wir sind nur zur Zierde und zur Unterhaltung hier.» In der Tat geniesst «Indianapolis» «bloss» Gastrecht – bei den Radrennfahrern, die im Sommer jeden Dienstag ihre Punkterennen in Oerlikon austragen.

Die Oldtimer drehen ihre Runden.

Die Oldtimer auf der Rennbahn.

Andy Demuth, Baden, Jaguar SS100 (1938), sagt, es tue gut, «wenn sich die Velo- und wir Autofahrer für einmal treffen und vertragen». Man schaue einander gespannt zu, respektiere die Leidenschaft des andern. Die Velofahrer profitierten von den lauten Maschinen, wie Wiesel Iten, Präsident und Betriebsleiter der Offenen Rennbahn, sagt: «Sonst können sie nie vor so grossem Publikum fahren. Und uns füllen die Eintritte die Kasse.» Man habe aber auch die Versicherung «gewaltig erhöhen müssen». Iten und Kaufmann sind sich einig: Falls es irgendwann zu einem Unfall kommen sollte, hören sie auf.

«Swissair-Piloten brachten Autos aus aller Welt nach Hause in den Aargau.»Bruno Hürlimann, Rennfahrer.

«Swissair-Piloten brachten Autos aus aller Welt nach Hause in den Aargau.»Bruno Hürlimann, Rennfahrer.

Im Oval bestaunt das Publikum die Wagen. Hie und da gibt es einen Schwatz mit dem Fahrer. Bruno Hürlimann etwa, Autosattler aus Bremgarten, hat sogar eine Erklärung für die hohe «Oldtimerdichte» im Aargau: In den 70er-Jahren hätten die Swissair-Piloten eine mechanische Ausbildung vorweisen und im Umkreis von 20 Kilometern um den Flughafen Zürich wohnen müssen. «Viele liessen sich am Mutschellen nieder und brachten Autos aus der ganzen Welt nach Hause.»

«Indianapolis Oerlikon» wird auch nächstes Jahr wieder stattfinden. Für Kaufmann gäbe es nur einen Grund, aufzuhören: «So bald jemand Elektroautos reinnehmen will.» Er steigt ins Cockpit und klappt das Visier seines Helms zu.