65 Prozent der Aargauer Beizen sind defizitär. 90 Prozent der neu eröffneten Lokale schliessen im ersten Jahr. Alte Restaurants müssen Neubauten weichen. Und Wirte, die zuvor einen Gasthof auf dem Land führten, weichen in die Stadt aus.

«Viele klassische Beizen sterben aus», sagt Corinne Dobler. Die 40-Jährige ist seit zwölf Jahren reformierte Pfarrerin in Bremgarten und seit vier Jahren Gastroseelsorgerin des Aargaus. Die wohl letzte ihrer Art, andere Kantone verfügen kaum noch über ein seelsorgerisches Angebot für Gastronomen. Und das sicher nicht, weil den Wirten die Sorgen ausgehen. Dobler kümmert sich hauptsächlich um die kleinen Beizer. Familienbetriebe, bei denen der Wirt nonstop im Lokal anzutreffen ist. «Viele haben finanzielle und existenzielle Sorgen», sagt Dobler. «Manche haben aber so viel Geld in den Betrieb reingesteckt, dass sie nicht aufhören wollen und den grossen Verlust nicht verkraften wollen oder können.» Einige Wirte fallen dann in Depressionen.

Manchmal kommen auch Beziehungsprobleme dazu: «Viele bewirtschaften das Lokal zusammen mit dem Ehepartner. Heisst, man ist eigentlich ständig zusammen. Wenn die Beziehung kriselt und dann noch das Geschäft schlecht läuft, sind die Probleme ernsthafter als in anderen Ehen. Im Falle einer Scheidung steht zudem einer von beiden ohne Job da oder kann den Betrieb nicht weiterführen.» Auch Sorgen wie Krankheiten oder die Nachfolgeregelung bei Todesfällen belasten die Aargauer Wirte.

«Gott» wird nur selten gesagt

Wenn Corinne Dobler solche Geschichten erzählt werden, hört sie meist nur zu, lässt die Leute ihren Ballast abladen. Und wenn sie merkt, dass die Wirte etwas an ihrer Lebenssituation ändern wollen, gibt sie Denkanstösse. Dobler probiert, neue Perspektiven aufzuzeigen. «Etwas zu verändern, braucht Mut und Kraft. Und dafür müssen die Leute erst bereit sein.»

Die Antwort von Dobler auf die Frage, welche Rolle Gott in den Seelsorgegesprächen spielt, überrascht: «Ich verwende das Wort ‹Gott› nicht sehr oft», sagt die Pfarrerin. Sie selbst sei mit einem moralisierendem Gott aufgewachsen. Einem Gott, der wertet und stets drohend den Zeigefinger ausstreckt. «Ich denke, dass viele Leute das Wort ‹Gott› mit dieser Vorstellung in Verbindung bringen.» Aber dieser Gott, oder «wie auch immer man ihn nennen mag», sei viel mehr. «Ich will die Leute von negativen Gedanken wie Verzweiflung und Ohnmacht hin zur Hoffnung und zur Kraft leiten», sagt Wirteseelsorgerin Dobler. «Das Leben ist gut und das Leben macht Sinn.»

Ob die Aargauer Wirte oder ihr Personal tendenziell eher gläubig sind oder nicht, kann Dobler nicht beantworten: «Ich denke, die Wirte sind ein Querschnitt der Gesellschaft. Da gibt es die ganz Frommen, für die ich viel zu liberal bin. Dann gibt es die, die christliche Traditionen leben, oder die, die gar nichts mit dem Glauben anfangen können.» Eine Rolle spielt das aber nicht. Dobler ist für alle da.

Gastro-Seelsorgerin hilft, wenn Beizern der Schuh drückt

Gastro-Seelsorgerin hilft, wenn Beizern der Schuh drückt

Tele-M1-Bericht vom März 2018.

Wirte sollen Vertrauen fassen

Die Gastroseelsorge wurde in den 50er-Jahren gegründet, da Wirte und ihre Angestellten zu Gottesdienstzeiten meist arbeiten mussten. Das Problem: Wirte kleiner Lokale arbeiten fast immer, so Corinne Dobler. Meist haben sie nicht mal Zeit für spontane Besuche der Gastroseelsorgerin. Dobler hat ihre Erfahrungen mit den komplexen Arbeitszeiten der Gastronomieangestellten gemacht: «Am Anfang bin ich einfach in die Lokale hereingeschneit, habe aber oft gestört, einige haben mich gleich rausgeworfen. Andere hingegen haben sich mit mir an den Tisch gesetzt und Bier oder Kaffee getrunken.»

Jetzt verschickt Dobler Mails an die Wirte mit Nachfragen oder telefoniert, um mit ihnen einen fixen Termin abzumachen. Sie engagiert sich auch bei Anlässen der Organisation «Gastro Aargau», mit dem Ziel, dass die Wirte sie sehen, Vertrauen fassen und sich bei ihr melden.

«Ich habe eine dicke Haut»

Stellt man sich den Stereotyp-Wirt vor, denkt man wohl kaum an eine Person, die besonders gern über Gefühle spricht. Eher im Gegenteil. Wirte sind doch Menschen, die gerne mal über den Durst trinken und es mögen, sich in Rage zu reden. Oder? «Man darf nicht empfindlich sein», sagt Dobler. «Ich habe eine dicke Haut, raue Sprache macht mir nichts aus.»

Das könnte in ihrem Fall auch daran liegen, dass sie zwei Jahre im Militär diente, zuletzt als Kompanie-Kommandantin. «Egal wie forsch die Wirte rüberkommen, sie haben einen weichen Kern.» Das merkt sie vor allem, wenn sie zum Beispiel an Wirte-Reisen teilnimmt und viel Zeit mit ihnen verbringt: «Am Anfang kommen viele Sprüche und Witze. Wartet man aber genug lang, kommen die tieferen Gespräche über Schicksalsschläge und den Sinn des Lebens», so Dobler.

Der Reiz an der Gastronomie

Manchmal braucht aber auch die Gastroseelsorgerin Zeit zum Durchatmen. Dann meditiert die zweifache Mutter, geht im Wald spazieren oder spielt Schlagzeug. Trotz der Belastung hält Dobler fest: «Ich liebe meinen Job. Er ist zwar anstrengend, dafür sehr bereichernd. Und ich kann die Leute ausserhalb der Kirche treffen.»

In der Gastronomie fühlt sich Corinne Dobler absolut heimisch. Sie ist die Tochter einer Restaurationsangestellten und eines Kochs, während des Studiums jobbte sie im McDonald’s und in einer alkoholfreien Cocktail-Bar. «Das Gastrogewerbe ist eine eigene Welt», sagt sie. Stammtisch-Atomsphäre mochte sie schon immer. «Feiern und Genuss, aber auch Schwierigkeiten und viel Arbeit – das macht die Gastronomie aus.» Eine Kombination, die Corinne Dobler gefällt.