Der Aargau habe bisher überproportional viele Bundesräte gestellt – das schrieb die «NZZ» kürzlich. Der Befund basiert auf der Anzahl der Bundesratsmitglieder im Vergleich zur Bevölkerungszahl. Doch rechnet man nach, lässt sich dies nicht erhärten. Die Zahlen: Der Aargau stellte fünf der bisher 116 Bundesratsmitglieder, das entspricht einem Anteil von 4,3 Prozent. Gemäss den neuesten Zahlen des Bundesamtes für Statistik lebten Ende März 665'096 Personen im Aargau – und 8,432 Millionen Menschen in der Schweiz. Damit weist der Aargau einen Anteil von 7,9 Prozent an der gesamten Landesbevölkerung auf. Daraus ergibt sich, dass der Kanton neun Bundesräte hätte stellen müssen, um dem Bevölkerungsanteil zu entsprechen.

Aargau verliert Bundesratssitz

Nach dem angekündigten Rücktritt von Doris Leuthard dürfte der Aargau aber vorerst ohne Vertretung in der Landesregierung dastehen. Gegenüber dieser Zeitung sagte CVP-Kantonalpräsidentin Marianne Binder, es gebe andere Kantone, die bei der Nachfolge von Leuthard vorher an der Reihe seien. Aus der CVP dürfte der nächste Aargauer oder die nächste Aargauerin im Bundesrat also kaum kommen. Doch es gibt durchaus Konstellationen und Szenarien, bei denen sich Chancen für eine erneute Aargauer Vertretung in der Landesregierung ergeben. Ueli Maurer (SVP, 66) und Johann Schneider-Ammann (FDP, 65) haben das Pensionsalter erreicht. Beide gelten als Rücktrittskandidaten, und für beide stünde Ersatz aus dem Aargau bereit.

Bei der SVP könnte Nationalrat Hansjörg Knecht zum Thema werden, der schon 2015 monatelang als Bundesratskandidat gehandelt wurde. Knecht, der im Aargau letztlich erfolglos als Ständerat kandidierte, wurde von der parteiinternen Findungskommission als einer der Kandidaten für die Nachfolge von BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf vorgeschlagen.

Ruth Humbel nach Leuthards Rücktritts-Ankündigung: «Jetzt ist es an den Freisinnigen, eine Frau zu stellen»

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Die Aargauer Politikerinnen und Politiker sind sich nach der Rücktrittsankündigung der Aargauer CVP-Bundesrätin Doris Leuthard grösstenteils einig: die Nachfolge muss weiblich sein. CVP-Nationalrätin Ruth Humbel hat da konkretere Vorstellungen – sie fordert die FDP heraus. (1.8.2017)

Chance für Knecht und Burkart?

Der Zurzibieter profitierte im Ständeratswahlkampf von den Schlagzeilen, verzichtete aber kurz vor Ablauf der Nominationsfrist auf eine Bundesratskandidatur. Gewählt wurde schliesslich Guy Parmelin. Obwohl die Verfassungsklausel, die zwei Bundesräte aus dem gleichen Kanton untersagt, 1999 aufgehoben wurde, wären Knechts Chancen klein gewesen, weil mit Doris Leuthard schon eine Aargauerin in der Regierung sass. Nach ihrem Ausscheiden und einem allfälligen Rücktritt von SVP-Bundesrat Ueli Maurer würde dies künftig wieder anders aussehen.

Auch für die Aargauer FDP könnten sich Chancen ergeben, einen Bundesrat zu stellen. Wohl eher nicht für Ständerat und Ex-Parteipräsident Philipp Müller, der im September selber 65 wird und damit altersmässig als Nachfolger von Johann Schneider-Ammann eher unwahrscheinlich ist. Besser dürften die Chancen für Thierry Burkart stehen: Der 40-jährige Nationalrat hat sich in Bundesbern in kurzer Zeit als Verkehrspolitiker profiliert, ist bestens vernetzt – doch eine vielleicht entscheidende Hürde steht auch Burkart im Weg: Er ist ein Mann. Wird Didier Burkhalter im September durch einen freisinnigen Mann (Ignazio Cassis?) ersetzt, ist der Druck in der FDP gross, für die Nachfolge von Schneider-Ammann auf eine Frauenkandidatur zu setzen.

Bruderer schon 2010 angefragt

Wenn es in absehbarer Zeit wieder ein Aargauer Bundesratsmitglied gibt, ist dieses wahrscheinlich nicht männlich und nicht bürgerlich, sondern eine SP-Frau. Konkret: Pascale Bruderer. Die mittlerweile 40-jährige SP-Ständerätin wurde 2010 schon von ihrer Kantonalpartei als Bundesratskandidatin angefragt, als es um die Nachfolge von Moritz Leuenberger ging. Bruderer war damals 33, präsidierte den Nationalrat und lehnte ab. In einem Interview mit der dieser Zeitung hielt die Sozialdemokratin 2010 fest: «Es ist für mich nicht der richtige Zeitpunkt für eine Kandidatur.» Sie sei sich bei dieser Entscheidung durchaus bewusst gewesen, «dass es eine solche Ausgangslage vielleicht kein zweites Mal geben wird», sagte sie damals.

Doch die zweite Chance für die SP-Politikerin, die im Herbst 2015 glanzvoll als Ständerätin bestätigt wurde, könnte irgendwann kommen. Wenn SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga (57) dereinst zurücktritt, könnte sich eine Türe öffnen. Pascale Bruderer, die übrigens einst mit Thierry Burkart liiert war, ist bis weit ins bürgerliche Lager hinein akzeptiert und hätte wohl gute Chancen auf einen Sitz in der Landesregierung – wenn sie denn will. Und wenn die Konstellation aufgeht.

Da es bei einer Bundesratswahl auf viele Faktoren ankommt und die Kantonsfrage nur einer von vielen ist, kann auch ein bevölkerungsreicher Kanton wie der Aargau in der Landesregierung einmal über- und dann wieder über längere Zeit untervertreten sein. So sass zwischen 1848 und 1891 immer ein Aargauer im Bundesrat, danach gab es aber Pausen von 23 und 26 Jahren. Und vor der Wahl von Doris Leuthard sass gar 37 Jahre lang kein Aargauer in der Landesregierung.

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