Lenzburg/Hunzenschwil

Wird der Aargau zum Wasserstoff-Kanton? «Mit Elektroautos beruhigt man nur das Volk»

Hans Michael Kellner sagt: «Mit den Elektroauto-Batterien verlagert sich die Verschmutzungsproblematik einfach in den Boden.»

Hans Michael Kellner sagt: «Mit den Elektroauto-Batterien verlagert sich die Verschmutzungsproblematik einfach in den Boden.»

Die Messer Schweiz AG in Lenzburg stellt Wasserstoff her. Coop betreibt in Hunzenschwil die einzige H2-Tankstelle der Schweiz. Obwohl es in der Schweiz nur 25-Wasserstoff-Autos gibt, ist der Messer-Geschäftsführer Hans Michael Kellner fest überzeugt, dass in 25 Jahren die Elektromobilität nicht mehr die Hauptrolle spielen wird.

Ein lautes Zischen, Wasserdampf qualmt aus dem Boden neben dem ­Steamreformer. Hier am Ufer des Aabachs in Lenzburg spaltet die Messer Schweiz AG Erdgas auf und stellt so Wasserstoff her. Sie ist Marktführerin hierzulande. Geschäftsführer Hans Michael Kellner posiert für unser Foto neben der Anlage. Jetzt verschwindet er in der Dampfwolke. Als er wieder auftaucht, ist seine Brille beschlagen. Den Weitblick aber raubt ihm das nicht.

Sie sagen, in 25 Jahren ist Wasserstoff für unsere Mobilität wichtiger als Elektrizität. Heute aber gibt es nur eine einzige H2-Tankstelle im ganzen Land. Sind Sie von Sinnen?

Hans Michael Kellner: (Lacht) Nein, das bin ich nicht. Natürlich ist das derzeit schwer vorstellbar. Denn die Elektromobilität boomt. Aber sie ist in erster Linie eine schnelle Lösung in einem Augenblick, in dem der Druck aus der Gesellschaft stark zunimmt.

Wie meinen Sie das?

Im Vergleich zu Autos mit Verbrennungsmotoren haben Elektrofahrzeuge einen besseren Wirkungsgrad. Der verwendete Strom kommt hauptsächlich aus thermischen Kraftwerken und diese haben nun mal den besseren Wirkungsgrad. Was vergessen geht, ist das Vorher und das Nachher.

Also der Abbau seltener Erden und Metalle wie Kobalt und Lithium für die Batterien und irgendwann die Entsorgung derselben?

Genau. Während ein konventionelles Auto eine Batterie von vielleicht 6 Kilogramm braucht, wiegt die eines Elek­troautos rund 600 Kilogramm. Für den Abbau der Rohstoffe werden Unmengen an Chemie eingesetzt. Wenn man sich die Bilder der Minen in Südame­rika, Asien oder Afrika anschaut, stehen einem die Haare zu Berge. Anstatt der Luft verschmutzt man den Boden.

Eine Problemverlagerung?

Ja. Und später kommt die Entsorgungsproblematik dazu. Stellen Sie sich vor, ganz Europa würde komplett auf Elektro umrüsten. Jedes Auto mit einer 600-Kilogramm-Batterie, das macht Millionen von Tonnen Chemieabfall.

Gibt es bis dahin nicht längst eine Recyclinglösung?

Glauben Sie, dass bis dahin all die Recyclingfirmen genehmigt und gebaut sind? So viele Giftstoffe, wie da im Spiel sind, dauert es Jahre. Das klappt bis 2030 nicht und auch nicht bis 2050. Und zu 100 Prozent kann man die Batterie nicht recyceln. Sonst hätten wir den unendlichen Kreislauf.

Warum boomen Elektroautos, wenn sie nicht die Lösung sind? Die Tesla-Aktie ist so hoch wie nie.

Sie sind ein Teil der Lösung. Denn der CO2-Ausstoss wird ja tatsächlich reduziert. Deshalb haben sie auch ihre Berechtigung, aber es ist nicht die endgültige Mobilitätslösung.

Sondern der Wasserstoff?

Ja, den gibt es praktisch unbegrenzt. Kein anderes Element kommt auf der Erde und im Universum häufiger vor. Wir kennen es in der Regel gebunden im Wasser. Spaltet man das H2 ab, hat man ein Gas mit extrem hohem Energiegehalt. Es lässt sich verdichten, verflüssigen, transportieren. Unter 600 bis 700 bar Druck ist ein Wasserstofftank mit einer Reichweite von bis zu 500 Kilometern ähnlich gross wie der eines Benziners. Und man kann in drei bis fünf Minuten volltanken – im Gegensatz zu den ewig langen Ladezeiten bei den Elektroautos.

Der hohe Druck macht vielen Menschen Angst. Steigt dadurch nicht die Explosionsgefahr?

Das ist relativ. Wasserstoff wird immer mit der Hindenburg-Zeppelin-Katastrophe in Verbindung gebracht. Oder mit den Knallgas-Experimenten aus der Schule. Dabei geht vergessen, dass es nur bei gewissen Konstellationen des Gemischs von Sauerstoff und Wasserstoff zu Explosionen kommt. Wissen Sie, was passiert, wenn man mit dem Gewehr in einen Wasserstofftank schiesst?

Nein, sagen Sie es mir!

Der Wasserstoff würde ausströmen, im schlimmsten Fall würde er sich entzünden. Dann würde eine Flamme nach oben schiessen, weil der Wasserstoff deutlich leichter ist als die Luft. Explosionen gibt’s nur im Film.

Sie sagen also: kein Grund zur Sorge. Trotz des grossen Druckes.

Wir haben das im Griff. Und zudem gibt es neue Technologien, die zeigen, dass der hohe Druck dereinst vielleicht gar nicht mehr nötig sein muss.

Wie funktioniert denn das?

Die ETH Lausanne hat letzten Herbst eine Art Metallschwamm vorgestellt, der es ermöglicht, Wasserstoff zu speichern. In der Fachsprache nennt man ihn Metallhydrid. Er neigt dazu, den Wasserstoff an sich zu binden – eine Art chemische Reaktion auf der Oberfläche. Da es sich um ein Pulver handelt, ist diese extrem gross. Auf kleinem Raum kann so viel mehr Wasserstoff gelagert werden, als in einem leeren Behälter.

Zu Besuch an der einzigen Wasserstoff-Tankstelle der Schweiz

Und wie löst man ihn wieder?

Durch Wärmezufuhr. Dabei wird der Wasserstoff wieder freigegeben. Je höher die Temperatur, umso höher ist auch der erreichbare Druck.

Warum wird er noch nicht in Autos eingebaut?

Weil er noch sehr schwer ist. Das Gewicht ist das Problem. Sobald wir das gelöst haben, kann man ihn im Kleinformat ins Auto packen. Bei derselben Grösse wie der eines heutigen Tanks könnte man bei vielleicht 5 bar tanken. Die Druckgefahr wäre praktisch gebannt. Höher müsste der Druck auch nicht werden, da die Brennstoffzelle, die das Auto antreibt, nur geringen Druck braucht.

Wie viel zu schwer ist er denn?

So genau kann ich das nicht sagen. Ich weiss aber, dass wir die Metallhybride nicht für den Strassentransport auf Lastwagen brauchen könnten, weil ansonsten das Gewicht des Transporters mit Anhänger so gross wäre, dass wir heute keine Strassenzulassungen kriegen würden.

Der Entwicklungsbedarf ist also nach wie vor gross.

Ja, das ist so. Und trotzdem gewinnt dank der Technologie der ETH Lausanne die Wasserstoff-Diskussion eine neue Dynamik. Vor allem im Bereich Infrastruktur versprechen wir uns sehr viel.

Inwiefern?

Die Technologie wird es ermöglichen, Tankstellen an beliebigen Orten aufzustellen. Bald werden wir bei uns in Lenzburg eine H2-Tankstelle haben, die auf dieser Technologie basiert. Das gleiche wäre bei fast jedem Haus möglich. Mit Hilfe von Solarenergie und Elektrolyse könnte man Wasserstoff produzieren und mit dem Schwamm speichern und wieder abgeben. Man könnte überall tanken.

Wer hat denn eigentlich in Sachen Wasserstoff derzeit die Nase vorn?

Die Asiaten, ganz klar. China, aber vor allem die Japaner. Sie setzen voll auf Wasserstoff, weil sie wissen, dass er sich am Ende durchsetzen wird. Das Elektroauto sparen sie sich. Sie bauen jetzt Know-how auf. Wenn das Wasserstoffzeitalter dann anbricht, sind sie Technologieführer.

Und wir?

Wir haben dann den Anschluss verloren.

Sie malen schwarz.

Wir werden sehen. Schon nächsten Sommer bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Tokio werden viele Europäer grosse Augen machen. Dann werden die Japaner ihr Wasserstoffnetz präsentieren, das sie parallel zum Erdgasnetz bauen. Dieses Netz wird es ihnen ermöglichen, ein breites Netz an Tankstellen direkt über Pipelines zu versorgen. Sie sparen sich dabei die Transporte mit Lastwagen.

Warum realisieren wir Europäer das nicht?

Hier ist die Klimadebatte viel heftiger als in Japan. Deshalb beruhigt man die Bevölkerung mit dem Elektroauto, verdient daran, auch an den Fördergeldern. Wenn sich der Wasserstoff durchsetzt, kann man gleich noch einmal kassieren.

Wann steigen Sie selbst auf Wasserstoff um?

Ich fahre derzeit noch einen Diesel. Aber mit unserer neuen eigenen Wasserstofftankstelle wird es sicher ein Dienstfahrzeug geben. Das wäre der Anfang. Es bringt nichts, auf die Politiker zu warten. Die tun sich schwer, trauen sich nicht, auf ein Pferd zu setzen. Es dauert zu lange, als dass es ihnen wahltechnisch helfen könnte. Darum bauen wir diese Anlagen und zeigen, dass es funktioniert.

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