Im Aargau gibt es noch 2595 Bauern. Zusammen bewirtschaften sie rund 60'000 Hektaren Land. Weil sie vom Verkauf ihrer Produkte aber nicht leben können, werden sie vom Staat unterstützt. Rund 140 Mio. Franken erhalten die Aargauer Landwirte zurzeit pro Jahr, das sind durchschnittlich 54'000 Franken pro Betrieb. «Direktzahlungen sind keine Schweizer Erfindung», erklärte Matthias Müller, Leiter Landwirtschaft Aargau im Finanzdepartement, an einer vom Freiämter Landwirtschafts-Verein organisierten Podiumsveranstaltung zum Thema. «Ich komme soeben von einer Reise durch Kanada und die USA zurück. Obwohl ihre Betriebe deutlich grösser sind, können auch diese Bauern nicht von dem leben, was sie für ihre Produkte lösen. Die Lebensmittel werden weltweit mit Beiträgen von den jeweiligen Staaten vergünstigt. Eigentlich ist das eine verrückte Geschichte», sagte Müller.

Der Staat zahlt aber nicht einfach so. Es gibt klar definierte Bedingungen für den Erhalt von Direktzahlungen. So müssen die Bauern nicht nur die Tierschutzverordnung einhalten, sondern auch ökologische Leistungsnachweise erbringen. Die Erfüllung der Auflagen wird streng kontrolliert. Landwirtschaft Aargau macht das nicht selber, sie hat die Firmen Argricon GmbH, bio inspecta und Bio Test Agro damit beauftragt. Werden Verstösse festgestellt, gibt es Sanktionen. Den betreffenden Bauern werden die Direktzahlungen gekürzt. Rund 300'000 bis 400'000 Franken würden im Aargau im Durchschnitt pro Jahr nicht ausbezahlt, weil Landwirte die strengen Auflagen nicht erfüllten, erklärte Müller am Podium in Waltenschwil. Das sei eine tiefe Quote, über 99 Prozent der Bauern hielten sich an die Vorgaben, sagte er weiter. Dennoch sind die Landwirte verärgert: «Es ist richtig, dass streng kontrolliert wird. Und es ist ebenfalls richtig, dass bei Verstössen Direktzahlungen gekürzt werden», sagte der Rottenschwiler Bauer Franz Hagenbuch. «Aber so, wie es jetzt läuft, geht es nicht. Wir werden schikaniert.»

Mais drei Tage zu früh geerntet

«Kürzung der Direktzahlungen – verhältnismässig oder wahnsinnig?» war denn auch der Titel, unter dem auf dem Podium diskutiert wurde. Er habe die Auflagen des Bundes zu erfüllen und praktisch keinen Spielraum, erklärte Matthias Müller auf die Eingangsfrage von Ralf Bucher, Grossrat und Geschäftsführer des Bauernverbandes Aargau, der die Diskussion leitete. Müller sagte aber auch, dass man in Aarau wisse, dass wegen der Komplexität der Vorschriften die Bauern da und dort mit der Materie überfordert seien. Es gehe bei den Verstössen meist nicht um grobe Sachen. Genau da hakte Bauer Hagenbuch ein: «Es kann doch nicht sein, dass mir die Direktzahlungen um 2299 Franken gekürzt werden, nur weil ich meinen Mais drei Tage zu früh geerntet habe.» Die Bauern würden vom Staat für Leistungen bezahlt, die sie für den Staat beziehungsweise für die Bevölkerung erbrächten. Ergo seien sie in gewisser Weise auch Staatsangestellte. «Ich habe noch nie gehört», sagte Hagenbuch, «dass einem Staatsangestellten der Lohn um die Hälfte gekürzt wurde, weil er einen Fehler gemacht hat.»

Mit auf dem Podium stand auch Christian Hofer, Vizedirektor des Bundesamtes für Landwirtschaft. Dieses steht wegen seiner rigorosen Sanktionspraxis seit ein paar Monaten am Pranger. Hofer gab zu, dass die aktuelle Regelung Schwächen hat und überarbeitet werden muss. Das betrifft vor allem den möglichen Totalausschluss: Erreicht ein Landwirt bei einer Kontrolle eine gewisse Anzahl Strafpunkte, können ihm die Direktzahlungen ganz gekürzt werden. Das kann zu absurden Situationen führen. Allenfalls entscheidet eine Kuh mehr oder weniger im Stall, ob die Sanktionen für den betreffenden Landwirt am Ende lediglich 10 bis 20 Prozent Einbusse bei den Direktzahlungen bedeuten oder den gänzlichen Verlust. Es könne doch nicht sein, dass ein Bauer 90 Prozent aller Auflagen erfülle und ihm nur deshalb sämtliche Direktzahlungen gestrichen würden, weil er in einem Bereich nicht ganz korrekt gehandelt habe, wurde aus den Reihen der Bauern argumentiert.

Die Veranstaltung endete in Minne. Das Problem, versicherten Christian Hofer und Matthias Müller unisono, sei erkannt, man suche nach Lösungen, damit bei den Sanktionen künftig wieder mehr Augenmass möglich sei.