Gastbeitrag
«Wir werden die Solidarität nach Corona noch stärker brauchen»

Gedanken zu Ostern und Corona von Christoph Weber-Berg, Kirchenratspräsident der Aargauer Reformierten.

Christoph Weber-Berg
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Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg: «In Zeiten von Abstands- und Hygienevorschriften merken wir noch mehr als sonst, wie sehr wir menschliche Nähe brauchen.»

Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg: «In Zeiten von Abstands- und Hygienevorschriften merken wir noch mehr als sonst, wie sehr wir menschliche Nähe brauchen.»

Sandra Ardizzone

Heute geht die Fastenzeit zu Ende, die viele Christinnen und Christen in den 40 Tagen vor Ostern begehen. Diese Zeit ist für sie die Zeit des Verzichts, der Einkehr, des Rückzugs. Die Fastenzeit schärft die Augen des Herzens für die Fülle des Lebens, die wir oft als selbstverständlich, wohlverdient betrachten.

In diesen Wochen mussten nicht nur freiwillig Fastende Verzicht üben: Verzicht auf Begegnungen, Verzicht auf Bewegungsfreiheit, Verzicht auf Versammlungsfreiheit und vieles mehr schränkte uns alle ein. Das unfreiwillige Fasten dominierte die letzten Wochen. Es blieb nicht beim vorübergehenden Verzicht auf lieb gewonnene Gewohnheiten. Viele Menschen wurden in dieser Passionszeit konkret mit Leid und Leiden konfrontiert. Ihr Geschäft steht vor dem Nichts oder ihr Arbeitsplatz ist bedroht. Sie kämpfen in Spitälern um das Leben von Menschen, haben gar jemanden verloren. Da hört es auf mit religiös erbaulichem, freiwilligem Verzicht. Hier wird es konkret: Die letzten Wochen sind für sie eine Tragödie, ein einziger Schmerz, ein Trauma, oft erfüllt von einem Gefühl von Aussichtslosigkeit und Leere.

Lernen von den Christinnen und Christen der ersten Stunde

Es ist ein eigenartiger Zufall, dass sich die Zeit der ausserordentlichen Lage bisher weitgehend mit der Fasten- und Passionszeit deckte. Es liegt mir fern, daraus einen Bedeutungszusammenhang konstruieren zu wollen. Aber die Bedeutung liegt nicht in den Ereignissen selbst, sondern in der Art, wie wir mit ihnen umgehen. Und da können wir von den Christinnen und Christen der ersten Stunde etwas lernen.

Für sie war das, was sie an Ostern erlebten, ein Zeichen in die Trauer, dass ihr Gott lebt, dass Christus lebt, obwohl alles dagegensprach. Die Gewalt von Menschen hatte ihn zugrunde gerichtet, getötet. Dem war grundsätzlich kein Sinn, keine Bedeutung abzugewinnen. Was sie glaubten, war für viele Menschen schlicht Unsinn. Aber wenn sie Gemeinschaft lebten, wenn sie zusammen assen und sich an die Zeit mit Jesus erinnerten, wenn sie beteten und die Schriften lasen, spürten sie eine Kraft, die stärker war als sie selbst: Hoffnung, die stärker war als die offensichtliche Ausweglosigkeit. Trost, stärker als die Trauer. Leben, stärker als der Tod. Am meisten Kraft gab ihnen die Gemeinschaft: Sie erlebten Gottes Nähe in ihrer menschlichen Nähe. Zum Beispiel in der Solidarität, in Zuwendung, Aufmerksamkeit und Anerkennung oder in der Versöhnung nach einem Streit.

In Zeiten von Abstands- und Hygienevorschriften merken wir mehr als sonst, wie sehr wir menschliche Nähe brauchen. Vielleicht haben wir sie in der beschleunigten, vernetzten, auf Effizienz getrimmten Gesellschaft schon vor Corona vermisst, es im gewohnten Alltag aber kaum wahrgenommen.

Wertschätzung für Gesundheitsberufe

Früher oder später kommt die Zeit nach der Coronapandemie, die Zeit nach dem unfreiwilligen Beziehungsfasten und der erzwungenen Einsamkeit. Wir werden die Gemeinschaft und die Solidarität, die sich in diesen Tagen an vielen Orten zeigen, danach noch dringender brauchen. Zum Beispiel in Form von Wertschätzung und Anerkennung für Menschen in den Gesundheits- und Pflegeberufen. Durch neue Zukunftsperspektiven für Arbeitslose und Unternehmerinnen, Unternehmer, die aufgeben mussten oder schwer angeschlagen sind. Durch Trost und Zuwendung für Trauernde, die in der Zeit der grössten persönlichen Not von niemandem in den Arm genommen werden durften. Durch Anrufe und Besuche bei Menschen, die auch nach der Coronazeit weiter einsam in Wohnungen oder Heimen sind. Durch Einkäufe für die betagten Nachbarn. Der Fantasie zur beherzten Tat sind keine Grenzen gesetzt.

Die Coronazeit ist noch nicht ausgestanden. Aber ich wünsche mir, dass wir nicht nur während, sondern auch nach dieser Krise erleben, wie viel wir als einzelne Menschen und als Gesellschaft bewegen können, wenn wir etwas über den heutigen Tag und über uns selbst hinaus für Mitmenschen tun. Gelegenheiten dazu gibt es genug. Für mich als Christ ist Ostern auch da, wo menschliche Zuwendung die weit verbreitete Sehnsucht nach der Fülle des Lebens, nach Begegnung und Beziehung stillt.