Wochenkommentar
Wir sind nicht die Deppen der Nation

Gestern hat das Bundesamt für Energie 20 Standorte genannt, wo die Eingangsanlage zum Endlager stehen könnte. Auch der Aargau ist betroffen. az-Chefredaktor Christian Dorer schreibt im Wochenkommentar über die Standort-Vorschläge zum Atomendlager.

Christian Dorer
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Atommüll aus Schweizer Anlagen: wohin damit?

Atommüll aus Schweizer Anlagen: wohin damit?

Andrew Kerr

Ein neues AKW lässt sich einfach per Volksabstimmung verhindern, und die Sache ist erledigt. Anders ein Endlager für radioaktive Abfälle: Auch ein solches lässt sich zwar verhindern, bloss verschwinden damit die ausgebrannten Brennstäbe aus den AKW nicht, die sich in den vergangenen Jahrzenten angesammelt haben.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Schweiz braucht ein Endlager, eine Kaverne in einer stabilen Gesteinsschicht 600 bis 900 Meter unter der Erdoberfläche. Denn es dauert bis zu 1 Million Jahre, bis von diesen Altlasten keine Gefahr mehr ausgeht.

Angesichts dieser klaren Ausgangslage ist es mehr als betrüblich, dass man seit einer halben Ewigkeit nur streitet und nicht entscheidet. Jede Generation von Politikern gibt die heisse – oder eher: strahlende – Kartoffel an die nächste weiter.

Denn leider denken auch in der Schweiz die meisten Politiker nicht über den nächsten Wahltermin hinaus. Und Wahlen lassen sich mit einem Endlager ganz sicher nicht gewinnen.

Gestern hat das Bundesamt für Energie zwanzig Standorte genannt, wo die Eingangsanlage zum Endlager stehen könnte. Was nun folgen wird, ist absehbar: Gegenkomitees, Bürgerbewegungen, Lobbying.

Ein frühzeitiger Einbezug in Ehren – aber: Warum werden mögliche Standorte vorgeschlagen, bevor feststeht, ob die Region geologisch geeignet ist?

Das Bundesamt hofft, damit frühzeitig Akzeptanz zu schaffen. Passieren wird das Gegenteil: Die betroffenen Gemeinden werden mit viel Geld und Engagement dagegen ankämpfen.

Sieben der zwanzig Standorte stehen im Aargau. Der Regierungsrat liess gestern im Chor mit den anderen Kantonsregierungen verlauten, dass er «grundsätzlich kein geologisches Tiefenlager» auf seinem Gebiet will.

Schön. Dumm nur, dass FDP-Baudirektor Peter Beyeler bereits im Dezember zumindest halb eingeknickt ist, als er sagte: «Sollte sich herausstellen, dass unsere Standorte die sichersten sind, dann ändert sich die Ausgangslage.» An diese Worte wird man sich erinnern.

Natürlich soll das Endlager am «sichersten Standort» zu liegen kommen. Bloss: Den hatten wir bereits. Im Zürcher Weinland. Bis der damalige Zürcher SP-Bundesrat und Energieminister Moritz Leuenberger die Sache stoppte, um «Alternativvorschläge» erarbeiten zu lassen.

Wenn es wirklich um den sichersten Standort ginge, bräuchte es nicht zwanzig Vorschläge. Sondern eine nationale Abstimmung über ein Endlager am sichersten Standort.

Jetzt aber wird die Standortsuche automatisch politisch – und absehbar: Im unteren Aaretal stehen bereits drei AKW und das Zwischenlager.

Es wäre nicht verwunderlich, wenn sich ausgerechnet Villigen oder Würenlingen als besonders sicher herausstellen würden. Hier könnten die Brennstäbe direkt aus dem Zwischen- ins Endlager befördert werden. Und hier ist am wenigsten Widerstand aus der Bevölkerung zu erwarten.

Der Aargau tut viel für die Energieversorgung der Schweiz: Mehr als ein Drittel allen in der Schweiz produzierten Stroms stammt aus unserem Kanton. Bei uns lagert provisorisch der radioaktive Abfall. Der Einfachheit halber das Endlager auch hier zu platzieren, ist inakzeptabel. Wir sind nicht die Deppen der Nation.