Der Strafbefehl liest sich wie das Protokoll einer jahrelangen Folter. Die Schwestern Jessica und Jasmine (alle Namen geändert), heute 20 und 18 Jahre alt, hatten keinen einfachen Start ins Leben. Drei- und einjährig kamen sie in eine Aargauer Pflegefamilie. Ihre leibliche Mutter war drogensüchtig und depressiv. «Ich bin selbst in einer Familie aufgewachsen, die Pflegekinder hatte», antwortete die Pflegemutter auf die Frage, weshalb sie und ihr Mann im Frühjahr 2002 die Schwestern bei sich aufnahmen. Das Ehepaar hatte bereits einen Sohn.

Das Paar sitzt den Oberrichtern gegenüber. Der Vorwurf: Sie sollen während der 13 Jahre, in denen Jessica und Jasmine bei ihnen gelebt haben, mehrfach ihre Fürsorge- und Erziehungspflicht verletzt haben. Das Bezirksgericht Laufenburg hatte das Ehepaar im Sommer 2018 freigesprochen. Die bedingten Geldstrafen von je 9000 und 9600 Franken musste das Ehepaar nicht bezahlen. Die beiden jungen Frauen zogen das Urteil aber weiter.  

«Wir hatten ein Kinderzimmer, aber durften nicht im Bett schlafen», sagt die jüngere Schwester Jasmine, als sie vom Gerichtspräsidenten zu den Erziehungsmethoden befragt wird. «Wir mussten im Gang auf dem Boden schlafen.» Die Türen zu den Zimmern – ausser zum WC – seien abgeschlossen gewesen. Sie wirkt nervös. Manchmal sei die Pflegemutter nachts aufgestanden und an ihnen vorbeigelaufen, wenn sie zur Toilette musste.

Dabei habe sie die Mädchen «an den Haaren hochgezogen, so, dass sie hätten stehen müssen», steht in der Anklageschrift. Erst als ihre ältere Schwester die Pflegefamilie habe verlassen müssen, habe sich alles geändert. Es sei «friedlicher» geworden. Plötzlich habe sie im Bett schlafen dürfen: «Ich merkte erst dann, dass etwas komisch ist.» Erzählt habe sie das damals niemandem: «Ich habe das als normal angesehen», sagt Jasmine.

Jessica bricht in Tränen aus

Die ältere Schwester antwortet im Gegensatz zu Jasmine nicht so zögerlich: «Wir mussten manchmal in der Kälte draussen im Zelt schlafen», sagt die junge Frau, die mittlerweile selbstständig in Basel wohnt. «Unser Leben fand vor allem im Gang statt.» Jeden Morgen hätten sie und ihre Schwester zwischen vier und fünf Uhr aufstehen müssen, um entweder die Voliere zu putzen oder Staub zu saugen. «Wir mussten abends unsere Unterwäsche auswaschen und am nächsten morgen nass anziehen.» Sie und Jasmine hätten nur mit der Familie am Tisch essen dürfen, wenn jemand zu Besuch kam. Sonst hätten sie auf der Treppe essen müssen. Auf Nachfrage des Oberrichters, wie sie sich dabei gefühlt habe, bricht Jessica in Tränen aus. Sie habe sich damals niemandem anvertraut, weil sie sich geschämt habe.

Die ehemaligen Pflegeeltern sitzen während der ganzen Verhandlung regungslos da und hören den Schilderungen der Schwestern zu. Nachdem die ältere Schwester die Familie mit 15 Jahren verlassen hatte, kündigten sie auch das Pflegeverhältnis mit der damals 13-jährigen Jasmine: «Die Batterien waren leer», erklärt der Pflegevater den Entscheid.

Beide Schwestern waren in der Pubertät verhaltensauffällig geworden, wie in der Anklageschrift steht. Jessica hatte mehrere Diebstähle begangen, Jasmine hatte Erpresserbriefe an die Nachbarn geschickt. Dies sei ein Hilferuf gewesen, rechtfertigt sich die junge Frau. Die Pflegeeltern brachen den Kontakt zu den Mädchen ab.

Chat- und SMS-Verläufe belegen, wie beide Schwestern nach Beendigung des Verhältnisses die Nähe der Pflegeeltern gesucht haben. «Ich vermisse euch. Ich will euch sehen», hatte Jessica der Pflegemutter geschrieben. «Wenn sie jahrelang schlecht behandelt worden wäre, hätte sie das nicht geschrieben», hält der Verteidiger des Ehepaars fest. «Ich bin dort aufgewachsen, das war meine Familie», erklärt Jessica die Nachrichten. «Ich fühlte mich trotzdem zu ihnen hingezogen», fügt sie an.

Die Pflegeeltern bestreiten die Vorwürfe vehement: «Sie hätten die Möglichkeit gehabt, sich mit Bezugspersonen auszutauschen. Mit Lehrern oder mit Beiständen, in der Therapie.» Es sei aber nie etwas zur Sprache gekommen, sagt der Pflegevater. Mehrere Berichte von Behörden belegen, wie gut sich die Mädchen bei der Familie entwickelt hatten.

Das Obergericht spricht die Pflegeeltern frei. Für die schwerwiegenden Vorwürfe gebe es ausser den Aussagen der Schwestern keine Beweise. Dies soll nicht heissen, dass sie gelogen hätten, aber: «Wenn man die Berichte liest, gibt es nichts, das gegen die Beschuldigten spricht», hält der Gerichtspräsident fest.