Aargau
«Wir dürfen nicht zu streng mit uns selber sein»

Jährlich erkranken im Aargau 10'000 Menschen an psychischen Krankheiten. Nun lanciert der Aargau ein Schwerpunktprogramm zum Tabuthema psychische Krankheit. Maria Inés Carvajal, stellvertretende Kantonsärztin spricht im Interview über unsere Psyche.

Aline Wüst
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10000 Aargauer erkranken jährlich an psychischen Krankheiten. D. Cervo

10000 Aargauer erkranken jährlich an psychischen Krankheiten. D. Cervo

10 000 Menschen erkranken jährlich im Aargau an psychischen Krankheiten. Das entspricht beinahe der Bevölkerung von Zofingen. Der Aargau will dem nun mit einem neuen Programm entgegenwirken.

Ziel: Psychische Gesundheit stärken

Gestern wurde im Kultur- und Kongresshaus Aargau das Netzwerk «Psychische Gesundheit Kanton Aargau» gegründet. Involviert sind verschiedene Organisationen von der Landeskirche über die psychiatrischen Dienste Aargau bis zu «Pro Juventute». Ihre Vertreter sollen unter der Leitung des kantonsärztlichen Dienstes daran mitarbeiten, die psychische Gesundheit der Aargauer Bevölkerung zu stärken. Ziel ist es auch die bestehenden Angebote zur Förderung oder Behandlung der psychischen Gesundheit zu vernetzen und herauszufinden, wo im Angebot Lücken bestehen. Ausserdem sind Aktionstage geplant und eine Suizidpräventions-Kampagne - pro Jahr gibt es im Aargau 1100 Suizidversuche. Das Schwerpunktprogramm läuft bis ins Jahr 2016. (AZ)

Ein Gespräch über Ursachen und Schutz vor psychischen Krankheiten mit der Programmleiterin und stellvertretenden Kantonsärztin Maria Inés Carvajal.

Frau Carvajal, wir werden immer älter und bleiben körperlich lange gesund. Unserer Psyche aber wird immer kränker. Weshalb?

Maria Inés Carvajal: Wir leben in einer Hochleistungsgesellschaft und sind deshalb einem hohen Druck ausgesetzt – das spüren schon die Kinder.

Wo erleben Kinder Druck?

Es wird erwartet, dass sie in vielen Bereichen gut sind. Im Sport, in der Musik, in der Schule und dazu kommt Privatunterricht in Frühenglisch. So sind sie später für das Berufsleben optimal vorbereitet. Bloss, wo bleibt die Zeit zum Spielen und Träumen?

Besonders viele erkranken in der Jugend oder im Alter. Weshalb?

Das sind Momente, in denen sich das Umfeld eines Menschen ändert. Bei der Pensionierung kommt plötzlich die Frage: «Wofür bin ich noch gut?»

Den Wechsel von der Schule zur Berufswelt gab es schon immer. Weshalb ist er heute schwieriger?

Früher konnten junge Menschen nach der Schule relativ schnell eine Lehrstelle finden. Heute müssen sie zuerst 100 Bewerbungen schreiben, um die gewünschte Stelle zu bekommen. Dazu kommt der eigene Druck, eine Figur wie die Miss Schweiz zu haben und möglichst noch ein Computercrack zu sein.

Auch die Arbeit macht krank.

Wir dürfen nicht vergessen: Wenn die Balance stimmt, hält uns die Arbeit psychisch gesund.

Wann macht die Arbeit krank?

Wenn immer mehr verlangt wird, ohne die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung zu stellen und wenn immer mehr geleistet wird und keine Anerkennung zurückkommt.

Der Druck wird eher zunehmen. Was passiert?

Wenn es so weitergeht, wird plötzlich nichts mehr gehen.

Wie wird der Kollaps verhindert?

Wichtig ist, dass sich der Arbeitgeber für gute Rahmenbedingungen einsetzt.

Reicht das?

Nein, die Arbeitnehmer müssen auch zu sich selber schauen. Spüren, wenn es nicht mehr geht. Den Mut haben, Nein zu sagen. Das lohnt sich.

Wie schützen wir uns?

Wir müssen die eigenen Grenzen kennen, Zeit mit Familie und Freunden verbringen und dürfen nicht zu streng mit uns selber sein.

Wie meinen Sie das?

Sich auch mal ein Glas Wein gönnen, oder das riesige Stück Schwarzwäldertorte ohne schlechtes Gewissen essen. Und wer Lust hat nichts zu machen, soll das auch mal tun.

Werden psychische Krankheiten mit dem neuen Schwerpunktprogramm des Kantons abnehmen?

Erkrankungen der Psyche wird es immer geben. Unser Ziel ist, dass sie im Aargau nicht zunehmen und nicht der Grossteil der IV-Renten an psychisch kranke Menschen geht.

Wann erwarten Sie Resultate?

Wenn die psychische Gesundheit von Jugendlichen heute gefördert wird, zeigt sich vielleicht in 30 Jahren, dass es weniger IV-Renten gibt. Gesundheitsförderung dauert lange.