Bei der Gründung des Aargauischen Tierschutzes (ATs) heute vor 150 Jahren stand noch der Schutz der Pferde im Vordergrund. Heute geht es primär um die meistverbreiteten Haustiere, um Hunde und Katzen, Kaninchen, Schildkröten und weitere. Das zeigt ein Besuch im Tierheim des ATs nahe am Waldrand in Untersiggenthal. Allenthalben miaut, bellt oder wedelt es aus grosszügigen Gehegen oder aus Krankenzimmern.

Beim Gang durchs Haus stoppt Präsidentin Astrid Becker fast bei jedem Tier, insbesondere bei denen, die in Quarantäne sind, nennt sie beim Namen, fragt die Tierpflegerin nach dessen Befinden. Sie weiss, ob ein Tier sich gern streicheln lässt oder nicht und kennt seine Besonderheiten. Im Treppenhaus beäugen uns aufmerksam zwei Hunde. Im Sekretariat sind Stella und Roxy unterwegs, die Hunde zweier Mitarbeiterinnen. Zänkereien dieser Tiere hört man aber nicht. Wie schaffen sie das? Becker: «Wir achten sehr darauf, welche Tiere sich untereinander vertragen, damit sie keinen unnötigen Stress haben.»

Ausbildung in Katzenpsychologie

Becker hat eine Zusatzausbildung in Katzenpsychologie und Tierhomöopathie, Spezialgebiet Katzen, absolviert: «Ich liebe alle Tiere, aber Katzen haben es mir einfach angetan. Weil sie so selbstständig und eigenständige Persönlichkeiten, aber auch sehr feinfühlig sind. Sie brauchen uns Menschen eigentlich nicht, kommen mit uns aber zurande.» Becker hat selbst fünf Katzen. Manchmal, wenn wieder mal alle Katzengehege voll sind, nimmt sie vorübergehend eine oder zwei weitere mit nach Hause: «Wir halten uns streng ans Tierschutzgesetz, und können dann halt keine Tiere mehr aufnehmen, wenn die Gehege voll sind. Weil wir deswegen immer wieder ans Limit stossen, würden wir gern vergrössern. Wir brauchen dringend mehr Platz. In der Landwirtschaftszone ist das aber nicht einfach», sagt sie mit einem Seufzer. Ganz abgesehen davon, dass man dann auch zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bräuchte. Und das kostet Geld.

Kanton strich Jahresbeitrag

Geld hat der ATs nicht im Überfluss. Noch haushälterischer damit umgehen muss er, seit ihm der Grosse Rat im Rahmen eines kantonalen Sparpakets den Jahresbeitrag von 70 000 Franken gestrichen hat. Becker hofft, dass Regierung und Parlament darauf zurückkommen, zumal es den Kantonsfinanzen wieder deutlich besser geht. Natürlich hofft sie auch auf weitere Spenden Privater und auf Legate. Sie selbst ist seit dem Jahr 2000 ehrenamtlich und vollzeitlich für den Verein im Einsatz.

Die Pflegerinnen und Pfleger bekämen natürlich einen fairen Lohn, fügt Becker an. Dass sie selber ehrenamtlich arbeitet, findet sie in Ordnung: «Wir wollen jeden verfügbaren Franken für die Tiere einsetzen. Deshalb machen wir auch keinen teuren Jubiläumsanlass. Da hätten wir ein schlechtes Gewissen. Ich hoffe, dass unsere Gönnerinnen und Gönner das verstehen.» Am 14. und 15. September gibt es zwei Tage der offenen Tür. Damit verbindet man im Heim die Hoffnung, so die Besucherinnen und Besucher besser verteilen zu können. Vor zwei Jahren kamen nämlich an einem Tag 800 Personen. Dem ATs ist es sehr wichtig, dass Spenderinnen und Spender sehen können, was mit ihrem Geld geschieht.

Forderung: Chip für Katzen

Welches ist heute im Tierschutz das grösste Problem? Dass es so viele herrenlose, verwilderte und teilweise bewusst ausgesetzte Haustiere gibt, sagt Becker. Sie ist deshalb froh um die Chippflicht für Hunde. Sie fordert dies sowie eine Kastrationspflicht auch für Katzen. Dank Chip könnte man eine entlaufene Katze dem Besitzer zurückbringen.

Anders als früher findet man heute kaum noch zu Ferienbeginn auf einem Autobahnrastplatz ausgesetzte Tiere: «Die Besitzerinnen und Besitzer, die ihr Tier nicht mehr wollen, warten gar nicht mehr bis Ferienbeginn. Leider werden heute zu den Zügelterminen per 1. März und per 1. September viele Tiere ausgesetzt.» Becker ruft Menschen mit Haustieren auf, vor der Unterschrift unter einen neuen Mietvertrag unbedingt zu klären, ob Haustiere am neuen Ort erlaubt sind. Auf jeden Fall sei es im Notfall besser, ein Tier zu ihnen zu bringen, als es auszusetzen, sagt sie mit Nachdruck. Besonders berührt sie der Fall der beiden Hunde, die kürzlich in Rombach angebunden und in schlechtem Zustand aufgefunden worden sind. Die beiden Hunde sind zwar gechippt, aber in der Schweiz nicht registriert.

«Dann nehmen wir es halt mit»

Wenn der Tierschutz gerufen wird, um eine ausgesetzte Katze einzufangen, kommt man oft ins Gespräch mit Anwohnern. Sie hörten manchmal, das Tier gehöre bestimmt Familie X. Becker: «Doch wenn es nicht gechipt ist und die Besitzer es offenkundig nicht mehr wollen, können wir nichts machen. Dann nehmen wir es halt mit.» Der Tierschutz wird immer öfter geholt. Die Geduld der Anrufer hält sich manchmal in engen Grenzen. Becker: «Wir machen wirklich, was wir können, aber der Aargau ist gross, die Zahl unserer Mitarbeitenden beschränkt, ebenso der Platz. Wir können nicht 24 Stunden im Tag unterwegs sein.»

Bald voll bis im August

Derzeit ist in manchen Gehegen wenig los. Doch das wird sich ändern. Becker erwartet viele Welpen: «Dann sind wir voll bis im August.» Viel Zeit investiert man im Heim, um die Eigenheiten eines Tiers kennen zu lernen. Ziel ist, für jedes ein neues Plätzchen zu finden. Becker: «Wir untersuchen, entwurmen, entflohen, pflegen, chippen und kastrieren unsere Katzen, bevor wir sie abgeben. Wenn ein Tier eine chronische Krankheit oder besondere Befindlichkeiten hat, sagen wir das immer. Offenheit ist höchstes Gebot. Ein Tier geben wir zudem erst ab, wenn es vom Tierarzt freigegeben ist.»

Über 90 Katzen: Dem Aargauer Tierheim droht ein Aufnahmestopp

Über 90 Katzen: Dem Aargauer Tierheim droht ein Aufnahmestopp (Beitrag vom 8. August 2018)

Im Tierheim in Untersiggenthal gibt es bald keinen Platz mehr. Der Grund: zu viele unkastrierte Katzen. Über 90 Tiere suchen zurzeit ein neues Zuhause.

Viele Leute sind überzeugt, dass Tiere aus dem Tierheim «gestört» seien: «Das ist überhaupt nicht so», sagt Becker wieder mit grossem Nachdruck. Hauptaufgabe des Tierschutzes ist die telefonische Beratung, primär zu Hunden, Katzen und Kaninchen. Das Tierheim hat Mitarbeitende mit dem nötigen Fachwissen.

Nebst diesen Arten beherbergte das Tierheim auch schon Schildkröten, Ratten, Gerbils, einen Leguan oder auch unberingte Tauben. Eine besondere Herausforderung waren einmal 48 Achatschnecken. Becker sagt: «Wir hatten keine Ahnung, wie man sie halten und füttern muss, und machten einen Crashkurs. Das kam gut. Die grösste Herausforderung war dann, neue Besitzer zu finden, was schliesslich aber gelang.

Gibt es mehr Tiermessies?

Wenn immer wieder bedrückende Bilder aus Tiermessie-Haushalten publik werden, hat man den Eindruck, das nehme zu. Becker bestätigt dies aber nicht. Das Phänomen sei nicht neu: «Heute schreitet man aber ein und spricht auch darüber.» Klar ist für sie, dass jemand, auch wenn er oder sie es noch so gut mit den Tieren meint, spätestens ab 20 bis 30 Katzen überfordert ist. So viele und noch mehr Tiere hat man aber rasch, wenn man sie nicht kastriert.

Um unüberlegten Handlungen wie Tieren als Weihnachtsgeschenk vorzubeugen, hat der ATs klare Regeln: Vom 14. Dezember bis 3. Januar werden keine Tiere herausgegeben. Man könne vorbeikommen, ein Tier aussuchen und reservieren, sagt Becker. Abholen kann man es dann aber jeweils erst im neuen Jahr.

Für Astrid Becker ist klar: Um das Tierwohl nachhaltig zu verbessern, braucht es weiterhin entscheidende Anpassungen des Tierschutzgesetzes, und: «Auch nach 150 Jahren braucht es den Aargauischen Tierschutzverein ATs, weil es immer noch viele Missstände gibt.»