Coronavirus im Aargau

Gallati: «Es wird eine dritte Welle geben, Hinweise dazu gibt ein Blick in die Geschichtsbücher»

Gesundheitsdirektor Gallati mit passender Aargauer Maske.

Gesundheitsdirektor Gallati mit passender Aargauer Maske.

Der Aargauer Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati erklärt im Interview mit der Aargauer Zeitung, warum er ein abendliches Alkoholverkaufsverbot weiterhin als sinnvoll erachtet und wie es mit dem an Anschlag laufenden Contact Tracing im Kanton weitergeht.

Herr Gallati, Sie haben in der Medienkonferenz gesagt, die Massnahmen seien nötig, um den Anstieg der Infektionen abzubremsen. Ist das nicht zu wenig, sie müssen doch sinken?

Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati: Derzeit erleben wir wöchentlich eine Verdoppelung der Zahlen. Die Ansteckungen auf Null zu bringen, wäre eine Illusion. Ausrotten können wir das Virus nicht, es wird wohl gar eine dritte Welle geben. Jetzt muss es darum gehen, das Virus abzubremsen und wenigstens auf 50 bis 100 Neuansteckungen pro Tag hinunter zu kommen.

Wann rechnen Sie denn mit einer dritten Welle?

Die wird kommen. Wann, vermag ich nicht zu sagen. Hinweise dazu kann ein Blick in die Geschichtsbücher geben, etwa über die Grippepandemie von 1918-1920.

Der Bund hat nicht alle vom Aargau vorgeschlagenen Massnahmen beschlossen. So gibt es kein Alkoholverkaufsverbot ab 20 Uhr. Bedauern Sie das?

Jetzt konzentrieren wir uns auf die Umsetzung der beschlossenen Massnahmen. Dieses Verkaufsverbot wäre eine flankierende Massnahme gewesen, um der Regionalpolizei die Arbeit zu erleichtern. Sollten wir bis in ein, zwei Wochen sehen, dass es erneut zu Zusammenrottungen und Ausschreitungen betrunkener Personengruppen kommt, würden wir aber so ein Verbot beschliessen.

Wäre es nach dem Aargau gegangen, gäbe es dafür weiterhin Grossveranstaltungen. Die sind jetzt gestrichen.

Wir haben vorgeschlagen, sie beizubehalten, weil es dort keine Ansteckungen gegeben hat. Der Bundesrat hat anders entschieden. Das akzeptieren wir.

Die Contact Tracer werden durch den Zivilschutz verstärkt. Droht nicht der Moment, wo es wegen der hohen Zahlen einfach nicht mehr geht?

Im Frühling ist es aus dem Ruder gelaufen – übrigens in allen Kantonen. Da hatten wir auch noch viel kleinere Kapazitäten als jetzt. Unser Ziel ist natürlich, dass sich das nicht wiederholt. Falls die Zahlen trotz aller Anstrengungen noch mehr zunehmen sollten, wäre irgend wann der Punkt erreicht, wo es wieder nicht mehr ginge. Wir können aber im Extremfall nicht die ganze Bevölkerung in Quarantäne schicken. Selbst wenn wir aktuell einen gewissen Kontrollverlust haben, machen wir mit dem Tracing weiter. Das ist auf jeden Fall besser, als keine Rückverfolgung zu machen.

In letzter Zeit konnte man vielerorts im Umgang mit Corona Nachlässigkeiten beobachten. Wie ist Ihr Eindruck heute: Ist die Bevölkerung bereit, die jetzigen Massnahmen mitzutragen?

Mein Eindruck gestern Morgen war derselbe wie bisher: Die Leute tragen in Zug und Bus diszipliniert die Masken. In der Stadt sah ich einige, die nicht mitgemacht haben. Es kann sein, dass der eine oder andere Umstellungsschwierigkeiten hat. Ich sehe aber in Aarau jeden Tag viele Junge auf dem Bahnhofplatz, denen offenbar alles egal ist. Die haben es nicht begriffen.

Reut es Sie, dass der Bundesrat Ihrer Empfehlung nicht gefolgt ist, in solchen Fällen eine Ordnungsbusse verhängen zu können?

Die Polizei kann hier leider keine Busse aussprechen. Es läuft dann auf ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen diesen Leuten und der Polizei hinaus.

Stellen Sie dem Bund dafür noch einmal einen Antrag?

Unseres Erachtens haben wir diesen Antrag gut begründet. Er wurde nicht aufgenommen. Der nächste Schritt könnte sein, via Justiz- und Polizeidirektorenkonferenz nochmals in Bern vorstellig zu werden. Sollte die Situation aus dem Ruder laufen, würden wir das in ein, zwei Wochen tun. Wir als Kanton können das Ordnungsbussenverfahren dafür nicht selbst einführen, das kann nur der Bund tun.

Dann sind wir also gespannt auf die nächste Regierungssitzung.

Wir machen auf Regierungsebene jede Woche eine Lagebeurteilung, auf Fachebene täglich. Wir schauen laufend, was funktioniert und was nicht, und wo man korrigieren muss. Die meisten Massnahmen gelten aber schon länger, und sie funktionieren gut.

Zum Beispiel?

Etwa die Kontaktdatenerhebung oder die Maskenpflicht im Schulzimmer. Lehrer oder Lehrerin sehen ja ständig die ganze Klasse. Nicht kontrollieren können wir die Bestimmung von maximal zehn Personen im Privatbereich. Wir wollen ja auch keinen Polizeistaat. Da appelliere ich an die Selbstverantwortung jedes Einzelnen. Mit dem eigenen Verhalten haben es alle selbst in der Hand, ob wir die Pandemie so eindämmen können, oder ob noch stärkere Massnahmen folgen müssen.

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