Nonstop-Überwachung
Wieso soll der Staat so viel Geld ausgeben, um den Vierfachmörder vor sich selbst zu schützen?

Wegen Suizidgefahr wurde Thomas N., der Vierfachmörder von Rupperswil, drei Monate lang Tag und Nacht überwacht. Wieso schützt man einen Verbrecher wie ihn vor sich selbst – und zu solchen Kosten?

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Der Vierfachmörder von Rupperswil wurde nach seiner Verhaftung im Zentralgefängnis Lenzburg rund um die Uhr überwacht. Die Suizidgefahr schätzen Experten als sehr hoch ein. Für die dreimonatige Sonderbehandlung fielen zusätzliche Kosten von 156'000 Franken an (die az berichtete).

In den Online-Kommentaren gaben viele az-Leser ihr Unverständnis darüber kund. Tenor: Wenn sich der Vierfachmörder das Leben will, dann soll man ihn nicht daran hindern. Wieso also soll der Staat so viel Geld ausgeben, um einen Schwerverbrecher vor dem Selbstmord zu schützen? Diese Frage thematisiert Moderator und az-Chefredaktor Christian Dorer im «TalkTäglich» auf Tele M1 vom Dienstagabend mit drei Gästen.

"Wenn einer Selbstmord begehen will, dann ist das sein gutes Recht", findet Daniel Hölzle, Präsident Grüne Aargau. Er hat allerdings Verständnis für die Nonstop-Überwachung während der Untersuchung. Es handle sich um einen Fall von grossem öffentlichen Interesse, der lückenlos aufgeklärt und mögliche weitere Taten aufgedeckt werden müssen. "Ich möchte nicht wissen, was passiert wäre, wenn er sich umgebracht hätte", sagte er. "Ich verstehe, dass man alles getan hat, damit er am Leben bleibt."

Keinen Gefallen an einem Selbstmord eines jeden Häftlings hat Fred Grob, der seit über 30 Jahren als Gefängnisseelsorger tätig ist. Selbstmord sieht er grundsätzlich als einen Fehler an und beruft sich dabei auf seinen Glauben. "Ich glaube nicht, dass Gott das möchte." Und: "Letztlich ist das Leben ein Gut, das nach meinem Glauben und meiner Ethik nicht abgebrochen werden darf." Es ist sein Auftrag, Suizide zu verhindern. So erzählte er von einem Häftling mit Selbstmordgedanken, für den er gebetet habe. "Von da an hat der Mann die Gedanken nicht mehr gehabt. Für mich war das ein Erfolg."

Das Zentralgefängnis Lenzburg: Hier sitzt Thomas N., der Täter des Vierfachmords von Rupperswil, in einer Einzelzelle. Es liegt 300 Meter von der Strafanstalt entfernt - beide gehören zur Justizvollzugsanstalt Lenzburg.
21 Bilder
Die multifunktionale Vollzugseinrichtung des Zentralgefängnisses bietet 107 Zellenplätze und soll um 60 erweitert werden.
Ein Zellengang im Zentralgefängnis in Lenzburg.
Zwei verschlossene Zellentüren
Die Abspeisklappe im Zentralgefängnis Lenzburg
Eine Zelle für Neuankömmlinge im Zentralgefängnis Lenzburg - die Matratze ist noch nicht ausgepackt.
Eine bewohnte Zelle im Lenzburger Zentralgefängnis
Essgeschirr und Handtücher
Einige Zellen bieten Aussicht auf das Schloss Lenzburg
Die pinke Zelle soll agressive Insassen beruhigen.
Die Krankenstation im Zentralgefängnis Lenzburg
Eine Badewanne für gebrechliche Insassen.
Der Aufenthaltsraum für Besucher
Durch diese Scheibe können Insassen mit Angehörigen sprechen.
In vier Freilufträumen wie diesem können Insassen ihren Ausgang geniessen.
Einer der vier Spazierhöfe im Zentralgefängnis.
Die Aussenanlage für ältere Gefangene
Ein Fahrzeug für den Gefangenentransport
Das Areal wird mit Stacheldraht abgeschirmt und per Überwachungskamera überwacht
Zum Schluss noch ein Blick auf die Strafanstalt, die 300 Meter vom Zentralgefängnis entfernt ist.
Und so sah die Justizvollzugsanstalt in Lenzburg im Jahr 1931 aus.

Das Zentralgefängnis Lenzburg: Hier sitzt Thomas N., der Täter des Vierfachmords von Rupperswil, in einer Einzelzelle. Es liegt 300 Meter von der Strafanstalt entfernt - beide gehören zur Justizvollzugsanstalt Lenzburg.

Bild via Google Maps

Pointiert gegen die Rundumbetreuung sprach sich dagegen der Aargauer SVP-Fraktionspräsident Jean-Pierre Gallati aus. In seinen Augen sind hier "50'000 Franken monatlich für einen Schwerverbrecher verschleudert" worden. Dafür habe er "null Verständnis". Verschleudert deswegen, weil "der Fall meines Wissens schon längstens aufgeklärt ist".

Anders würde er argumentieren, "wenn es der Untersuchungszweck gebietet", sprich wenn es darum geht, dass Aussagen eines Häftlings zu Mittätern oder zum Aufdecken eines Netzwerks führen könnten. Er ist also nicht grundsätzlich gegen Anti-Suizidmassnahmen in der Untersuchungshaft. Monatlich 3000 bis 4000 Franken für die psychologische Betreuung des Vierfachmörders wären in Ordnung gewesen, meinte er.

Gefängnisseelsorger Grob antwortete darauf, dass dieses Denken eine gewisse Gefahr in sich trage. "Am Schluss ist man so weit, dass man den Häftlingen ein Barbiturat hinstellt."