Das Handy vibriert auf dem Beifahrersitz, eine Nachricht blinkt auf, der Verkehr stockt: «Nur mal kurz schauen, wer geschrieben hat» – zack! Schon ist es passiert. Im besten Fall bleibt es bei einem Blechschaden. Im schlimmsten Fall werden Menschen verletzt. Obwohl bekannt ist, dass unaufmerksame und abgelenkte Autofahrer immer wieder Unfälle verursachen, greifen täglich viele Lenker während der Fahrt selbst zum Smartphone. Das hat die Schwerpunktaktion der Aargauer Kantonspolizei gezeigt. 

Die Beamten erwischten 120 Fahrer beim Telefonieren mit dem Handy. Mehr als 30 weitere Autolenker wurden angezeigt, weil sie während der Fahrt SMS oder Whatsapp-Nachrichten schrieben oder ähnliches. Die Ergebnisse werfen einige Fragen auf. Wieso ist dieses offensichtlich fahrlässige Verhalten so weit verbreitet? Was lässt sich dagegen tun?

Stefan Krähenbühl, Mediensprecher der Stiftung Roadcross Schweiz, und Verkehrspsychologin Jacqueline Bächli-Biétry sind zwei Experten auf dem Gebiet der Verkehrssicherheit. Beide antworten mit den Stichworten «Selbstüberschätzung» und «Kontrollillusion». «Das Autofahren als Aufgabe wird häufig unterschätzt. Es herrscht eine weit verbreitete Selbstüberschätzung», sagt die Verkehrspsychologin. «Besonders in Verkehrssituationen, die vermeintlich monoton erscheinen, wie das Fahren auf der Autobahn, besteht ein erhöhtes Risiko.»

Stefan Krähenbühl bestätigt das. «Durch die Handynutzung beim Fahren wird die Reaktionszeit massiv eingeschränkt», warnt er. Dem Griff zum Handy liege eine gewisse Routine inne. Niemand habe dabei das Gefühl, gleich die Kontrolle zu verlieren. «Dies ist jedoch eine Kontrollillusion. Alle haben das Gefühl, sie hätten die Situation im Griff. Aber es ist vor allem der Verkehr, der zu unberechenbar ist. Deshalb ist es wichtig aufzuklären.» 

Prävention sei ein «Dreiergespann»: Gefahrenaufklärung, Gesetze und Kontrollen. Letztere setzen ein Zeichen, sagt Krähenbühl. Bei der Aufklärung sei es vor allem wichtig, auf die Kontrollillusion aufmerksam zu machen. Es gelte aber auch praktische Strategien aufzuzeigen, die Autofahrern beim Fahren im Alltag helfen, das Telefon nicht in die Hand zu nehmen. Mit ihrer Schwerpunktaktion habe die Aargauer Kantonspolizei einen wichtigen Beitrag zur Prävention geleistet, findet Stefan Krähenbühl.

Sowohl Krähenbühl als auch Bächli-Biétry raten: Das Smartphone ausser Reichweite legen – und am besten auf lautlos stellen. «So kommt man gar nicht erst in Versuchung», sagt die Verkehrspsychologin. «Der Mensch ist nun mal neugierig.» Man müsse sich Strategien schaffen oder zumindest die nötige Technik einrichten. Wobei auch das Telefonieren über die Freisprechanlage ablenkt. 

Alarmierend dagegen: Die Ablenkung am Steuer nehme zu, so Krähenbühl. Vor allem die intensivere Smartphone-Nutzung trage dazu bei. Zugenommen habe damit auch eine gewisse Erwartungshaltung. Privat, aber auch im Beruf, werde häufig eine ständige Erreichbarkeit erwartet.

«Hier wird in Zukunft definitiv ein gewisser Dialog notwendig», sagt Krähenbühl und spricht von bestimmten Berufsgruppen wie den Servicetechnikern, bei denen das Telefonieren unterwegs zur Routine gehört. «Man muss darüber sprechen, wie man das Problem lösen will.»

Sind die Gesetze streng genug? Diese müssten harte Konsequenzen nach sich ziehen, findet der Roadcross-Mediensprecher. Das sei momentan auch der Fall. «Die Schwierigkeit liegt eher bei den ressourcenintensiven Kontrollen», findet Krähenbühl. «Die Kantone die Ressourcen zur Verfügung stellen und Zeichen setzten.» Man müsse zeigen, dass es keine Toleranz gibt und dass Verstösse geahndet werden. «Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich gross», vermutet auch Bächli-Biétry. «Es ist sehr unwahrscheinlich entdeckt zu werden.»