Villigen
Wieso eine Aargauer Bauernfamilie von Namibia nach Hause zurückkehrt

Im südafrikanischen Staat Namibia besassen Olga und Cornelius Ohnemus Land in der Grösse des Kantons Schaffhausen – diese Fläche liess sich nur mit Unterstützung aus der Luft bewirtschaften. Nach 28 Jahren kehren sie nun in den Aargau zurück.

Manuel Bühlmann
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30'0000 Hektaren gehörten der Familie Ohnemus.
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Die unendliche Weite Namibias.
Eine Aargauer Bauernfamilie kehrt nach einem Vierteljahrhundert Afrika nach Hause zurück

30'0000 Hektaren gehörten der Familie Ohnemus.

Zur Verfügung gestellt

Das Flugzeug ist in Einzelteile zerlegt. Verstaut im Container neben dem Bauernhof hoch über Villigen. Nassberg heisst das Gebiet, das so ziemlich das Gegenteil der trockenen namibischen Halbwüste ist – wo die Reise des Containers begann und das Afrika-Abenteuer der Familie Ohnemus endete.

30'000 Hektaren Land gehörten zur Farm von Olga (50) und Cornelius (59) Ohnemus im Süden Afrikas. Zum Vergleich: Das entspricht in etwa der Grösse des Kantons Schaffhausen. Allein mit Traktor oder Jeep liess sich dieses riesige Gebiet kaum bewirtschaften; das Flugzeug erleichterte die Arbeit. Aus der Luft erspähte Cornelius Ohnemus, wo ein Wasserloch verstopft, ein Zaun beschädigt war. Dann landete er auf den kleinen Landepisten, wo es keine gab, auf der kaum befahrenen Strasse. Um Freunde zu besuchen, setzten sich die Ohnemus schon mal ins Flugzeug. Das nächste Dorf war 80 Kilometer entfernt.

Nun leben sie oberhalb von Villigen, besitzen 40 statt 30'000 Hektaren. Ein Flugzeug braucht es dazu nicht. Auf dem Nassberg haben sie einen Hof gefunden, der abgelegen genug ist. «Nachdem wir so lange in der Wildnis gelebt hatten, war das für uns ein zentrales Kriterium», sagen die beiden. Ein Vierteljahrhundert verbrachte die Familie im südlichen Afrika. 1988 wanderte das Ehepaar aus, Sohn Alain war damals 3 Jahre alt. Sie verkauften den gemeinsamen Reiterhof im aargauischen Oberhof; den Ort, an dem sie sich kennen gelernt hatten. Das Auswandern reizte sie auch wegen des Wetters. «Der Hof lag am Nordhang, kaum ein Sonnenstrahl fand den Weg zum Haus. Schrecklich», erinnert sich Olga Ohnemus.

Statt für Australien, Paraguay oder Simbabwe entschieden sie sich für Südafrika. Sie reisten erst nach Johannesburg, zogen weiter nach Port Elizabeth. Dort bauten sie einen Betrieb auf, lebten sich ein, fühlten sich wohl.

Doch die zunehmende Kriminalität trübte die Idylle. Der Nachbar wurde mehrmals überfallen, das eigene Haus ausgeräumt. Die Täter warfen einen Betonklotz durch die Sicherheitsfenster. Die Polizei fand die Möbel später in einer Township. Unbekannte schossen auf das parkierte Familienauto. Die Kinder, die darunter spielten, blieben unverletzt. «Irgendwann ging ich nur noch mit einer Waffe raus, um die Wäsche aufzuhängen», sagt Olga Ohnemus. «Wir waren eingesperrt im eigenen Haus.»

Weil sie nicht wollten, dass die Kinder in ständiger Angst aufwachsen, beschlossen sie, ins benachbarte Namibia auszuwandern. «Ruhe und Frieden» erhofften sie sich. Sie fanden das «Paradies», wie sie es nennen. Cornelius Ohnemus startet auf dem Laptop ein Video, das der Sohn zusammengeschnitten hat: endlose Weiten, wilde Tiere, Sonnenschein. Ein riesiger Spielplatz für Tochter und Sohn. Ihre Spielkameraden sind zutrauliche Tiere – darunter drei Paviane.

Doch auch dieses Paradies, so sollte sich zeigen, hat seine Schattenseiten. Die Behörden setzten die Farm auf die Enteignungsliste: Fortan mussten sie damit rechnen, dass sie zum Verkauf der Farm an den Staat gezwungen würden, zu einem viel zu tiefen Preis, so wie das anderen Farmern passiert war.

Über 10 Jahre lebten sie im Ungewissen. Cornelius Ohnemus spricht von einer «Zeitbombe». Auch wenn sie vor der Enteignung verschont blieben, die staatliche Willkür bekamen sie dennoch zu spüren. Etwa dann, wenn der Tierschutzinspektor gesunde Tiere für krank erklärte und sie deswegen kein Fleisch mehr verkaufen durften.

Dazu kam die ansteigende Kriminalität. «Über die Jahre wurde es immer schlimmer. Wir mussten ständig auf der Hut sein», sagt Cornelius Ohnemus. Die Fenster vergittert, der Schlafbereich mit einer doppelten Tür gesichert, der Wachhund abgerichtet. Gewaltexzesse auch hier: Der Nachbar wurde bei einem Überfall erschlagen, seine Leiche verbrannt.

Trotzdem fiel der Familie der Entscheid zur Rückkehr in die Schweiz schwer. Vor allem der Sohn wäre gerne in Namibia geblieben. «Doch wir sahen keine Zukunft.» Nun soll er stattdessen den Hof in Villigen übernehmen. Nicht nur von der Fläche her ein deutlich kleinerer Betrieb: Über 1000 Wildtiere – Springböcke, Oryxantilopen, Elenantilopen –, 6000 Schafe, 400 Rinder waren es dort; 50 Tiere sind es hier. Vielleicht vermag die Wahl der exotischen Rasse das Fernweh ein wenig zu lindern: Die Ohnemus haben sich für hierzulande seltene Zebu-Rinder entschieden. Ein Tier trägt den Namen «Afrika».