Ein Traktor nach dem anderen fuhr in Gränichen vor. Draussen parkierten die blumengeschmückten Fahrzeuge, drinnen feierten die herausgeputzten Jungbauern. Weil alle Absolventen des landwirtschaftlichen Zentrums und ihre Angehörigen auf der Liebegg keinen Platz hatten, musste die Feier dieses Jahr erstmals in die Gränicher Mehrzweckhalle verlegt werden. Der Grund: So viele Personen liessen sich im Aargau seit vielen Jahren nicht mehr zu Landwirten ausbilden. 76 Abschlüsse konnten an der Schlussfeier gefeiert werden. Ein Anstieg, der sich auf der Liebegg seit einiger Zeit beobachten lässt und nun einen neuen Höhepunkt erreicht hat.

Stefan Brack ist einer der frisch diplomierten Bauern. Der 23-Jährige sagt: «Landwirt ist ein attraktiver Beruf. Es ist eine schöne Aufgabe, die Bevölkerung zu ernähren.» Auch deshalb, weil die Tätigkeit über die Jahre anspruchsvoller geworden ist, von Büroarbeit über Maschinenreparaturen bis hin zur medizinischen Behandlung von Tieren. «Das macht es für mehr Leute interessant.» Zum neuen Rekord beigetragen habe wohl auch der «Back to the nature»-Trend: Viele würden lieber draussen in der Natur statt drinnen im Büro arbeiten.

Aargau als Agrarkanton

Ralf Bucher, Geschäftsführer des Aargauer Bauernverbands, spricht ebenfalls von einem attraktiven Beruf mit hoher Anziehungskraft – auch auf Aargauer. «Wir stellen fest, dass wieder mehr junge Leute in die Landwirtschaft wollen.» Das gilt auch für Nachwuchsbauern aus anderen Kantonen. Die Zahl an ausserkantonalen Absolventen ist hoch. Basel, Baselland, Bern, Luzern, Nidwalden, Obwalden, Schaffhausen, Solothurn, Schwyz, St. Gallen, Zürich – aus der ganzen Deutschschweiz kommen junge Frauen und Männer in den Aargau, um sich ausbilden zu lassen. Knapp ein Drittel aller Diplome gingen an Nicht-Aargauer.

Diese Entwicklung freut Reto Spörri vom landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg: «Das stärkt unseren Stellenwert.» Seine Erklärung für die Popularität über die Kantonsgrenzen hinaus: «Der Aargau ist ein sehr vielfältiger Agrarkanton.» Auf hiesigen Betrieben kann vom Gemüseanbau über Ackerbau bis zur Tierhaltung alles gelernt werden. Die Aargauer hingegen bleiben ihrem Kanton meist treu: «Es kommt deutlich häufiger vor, dass sich Nicht-Aargauer hier ausbilden lassen, als umgekehrt Aargauer den Kanton für die Lehre verlassen.»

Auf der Liebegg lässt sich zudem ein weiterer Trend feststellen: Die Hälfte der Absolventen hat bereits eine andere Lehre abgeschlossen. Weil viele Bauern einem Zweiterwerb nachgingen, lohne es sich oftmals, einen zusätzlichen Beruf ausserhalb der Landwirtschaft zu erlernen, sagt Reto Spörri. «Wir beobachten diesen Trend seit vier, fünf Jahren.»

Auch Stefan Brack liess sich zuerst zum Zimmermann ausbilden, bevor er die Lehre als Landwirt begann – und dies, obwohl es für ihn schon als Bub nur einen Traumberuf gab: Bauer. Doch der elterliche Landwirtschaftsbetrieb ist noch zu klein, um allein davon leben zu können. Den Zweitberuf hat Stefan Brack derzeit aber gar nicht nötig, bis Ende Monat arbeitet er auf seinem Lehrbetrieb in Hornussen, danach beginnt er auf einem Hof in Möriken. Zittern um eine Stelle nach der Lehre musste er nie: «Das hat sich von allein gelöst, der Job wurde mir angeboten.» Gut ausgebildete Bauern würden umworben, den Absolventen böten sich viele Möglichkeiten.

Das bestätigt auch Ralf Bucher: «Diese Leute sind sehr gefragt, ihnen stehen alle Türen offen.» Bei der Jobsuche könne fast nichts schiefgehen. Die Auswahl an freien Höfen ist gross. Jahr für Jahr verschwinden Betriebe, weil kein Nachfolger gefunden wird. Ein Blick in die Statistik zeigt den Strukturwandel eindrücklich. Im Aargau ist innert zehn Jahren einer von zehn Landwirtschaftsbetrieben verschwunden. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Beschäftigten gar um rund 15 Prozent oder 2000 Personen gesunken.

50 Prozent gehen in die Forschung

«Wir hoffen, dass die steigende Zahl der Absolventen dazu beiträgt, den Negativtrend abzudämpfen», sagt Reto Spörri, warnt aber zugleich vor falschen Erwartungen: «Der Strukturwandel wird trotzdem weitergehen.» Nur die Hälfte der Liebegg-Absolventen übernimmt einen Landwirtschaftsbetrieb. Die anderen 50 Prozent gehen in die Forschung oder arbeiten in vor- und nachgelagerten Betrieben, etwa in der Futtermittelindustrie. Dieser Weg ist auch deshalb interessant, weil in der Wirtschaft deutlich höhere Löhne locken.

Demnach würden aus den diesjährigen Abschlussklassen rund 40 Hofnachfolger hervorgehen – 20 bis 30 zu wenig, um den heutigen Bestand an Landwirtschaftsbetrieben im Kanton zu erhalten. «Dazu müssten wir jedes Jahr 100 bis 120 Personen ausbilden», sagt Spörri. Doch seine Prognose fällt eher vorsichtig aus: «Wir sind froh, wenn wir die Zahl halten können.» Die Herausforderung sei, auch in Zukunft möglichst viele junge Leute von der landwirtschaftlichen Ausbildung zu überzeugen.

Potenzial sieht Spörri bei den Quereinsteigern. Zwar stamme die Mehrheit der Absolventen nach wie vor aus einer Bauernfamilie, doch der Anteil jener Personen ohne bäuerlichen Hintergrund steigt. «Quereinsteiger sind eine Bereicherung, sie schauen die Landwirtschaft mit einem anderen Blick an.»

Doch auch sie werden das Bauernhofsterben kaum stoppen können. Jüngst veröffentlichte die Forschungsanstalt Agroscope eine neue Studie. Schweizweit verschwinden demnach bis 2024 10 000 weitere Betriebe. Besonders hart wird es für kleine Höfe. Das ist auch Stefan Brack bewusst. Deshalb ist sein Ziel klar: Den elterlichen Betrieb in Mönthal übernehmen und vergrössern – damit er dereinst von seinem eigenen Hof leben kann.