Wer dort hinein will, wo das Spalten von Atomen Tagesgeschäft ist, muss vieles hinterlegen: Unterschrift, Augenscan, Handabdrücke.

Sicher ist sicher ist sicher: Eine Anlage, die einem starken Erdbeben, einem Jahrtausendhochwasser und einem Flugzeugabsturz standhalten soll, darf schon gar nicht von innen erschüttert werden.

Roger Gampp, Betriebsleiter, kariertes Kurzarmhemd, markante Brille, Telefon am Gürtel, setzt seinen Helm auf. Hinter der mehrfach gesicherten Stahlbetontür verrät als Erstes der grün-schwarze Vinylboden, dass das «KKB 1» in einem anderen Jahrtausend gebaut wurde. Genauer: 1965 bis 1969. Damit war es zwar nicht, wie man jahrelang annahm, das älteste Kernkraftwerk der Welt – doch heute ist es das dienstälteste. «Inzwischen stimmt das», bestätigt Gampp. «Aber das hören wir nicht so gerne. Wir sind das Erfahrenste», korrigiert er schmunzelnd, während beim Weitergehen die Wandfarbe von mintgrün auf pastellrot wechselt.

Blick in den Kommandoraum von «KKB 1», der im März 2018 nach drei Jahren Unterbruch wieder ans Netz ging.

Blick in den Kommandoraum von «KKB 1», der im März 2018 nach drei Jahren Unterbruch wieder ans Netz ging.

    

Jeder der zwei Reaktoren auf der Aare-insel bei Döttingen hat seine eigene Farbe – vom Anstrich der Wände über die Pultoberflächen bis hin zu den Sichtmappen mit den Schaltszenarien. Sicher ist sicher ist sicher. Nichts darf verwechselt werden. Roger Gampp öffnet die Schleuse zum Kommandoraum.

Über 100 Operateure arbeiten in drei Schichten und sechs Schichtgruppen, rund um die Uhr. Hier einen Knopf alleine drücken darf man erst nach fünf Jahren Ausbildung. Längst wohnen nicht mehr alle in der Gegend. Die Menschen, die das AKW am Laufen halten, kommen auch aus dem Fricktal, Seetal, Tösstal. Immer vor Ort ist der Pikettingenieur, in der Wohnung nebenan. Grössere Zwischenfälle sind selten. «Die letzte Schnellabschaltung hatten wir vor sechs Jahren», sagt Roger Gampp. «Und jetzt sofort Holz aalänge!»

Die Panels sind mit Hunderten Schaltern bestückt, dazwischen Zeiger, Leuchten, Bildschirme. 6000 Werte liefert das System zu jeder Sekunde. Druck, Temperatur, Feuchtigkeit. Die Anzeigen und Bedienelemente stammen aus dem Jahr 1990. «Die kann man heute noch genau so kaufen», erklärt Mike Dost, Kraftwerksleiter, Poloshirt mit Brusttasche, abtrennbare Hosenstösse. «Wenn uns jemand ‹Schrottreaktor› nennt, trifft uns das. Was wir hier haben, ist nicht veraltet, sondern erprobt und bewährt. Das ist Voraussetzung für unsere Sicherheit.»

Fukushima und das Denken

Das Basisalarmsystem funktioniert auch ohne Computer. Und sollte das AKW physisch angegriffen werden, zieht sich das Kommando in das Notstandsgebäude zurück. In die Details will Dost nicht gehen – aus Sicherheitsgründen. Aber so viel sagt er: «Auch für Cyberterroristen sind wir nicht angreifbar.»

Was zuletzt zu reden gab, war nicht Terror, sondern ein Erdbeben. Jenes, das 2011 in Japan zu einem Tsunami und einer Nuklearkatastrophe führte. Mike Dost steht vor einem Schaltkasten, einen auf zwei Meter. «Das ist das, was in Fukushima fehlte. Gefilterte Containment-Druckentlastung. Wurde bei uns schon in den 90er-Jahren nachgerüstet.» Fukushima habe die Arbeit in der Beznau nicht verändert. «Es hat verändert, wie die Welt die Kernenergie wahrnimmt.» Man könne eine schlechte oder eine gute Meinung von ihr haben.

«Aber die Fakten sollten stimmen, wenn man darüber diskutieren will.» Würde etwa ein Mitarbeiter bei seinem Jahreseinsatz eine Strahlendosis von 5 Millisievert abbekommen, sei dies deutlich unter dem erlaubten Wert von 20 Millisievert für beruflich strahlenexponierte Personen. «Das ist gleich viel, wie wenn der Arzt Sie in ein CT schickt.» Die Forderung der Atomgegner, den Grenzwert für ein 10 000-jährliches Erdbeben auf 1 Millisievert zu beschränken, sei somit «völlig unverhältnismässig».

Zwölf Bundesordner Nachweise

Block 1 fährt auf Volllast. Keine Selbstverständlichkeit. Fast drei Jahre lang stand er still. Nach Revisionsarbeiten durfte er 2015 nicht wieder anfahren. Aus «vorübergehend» wurde «vorerst» wurde «bis auf weiteres». Zuerst passte ein massangefertigter neuer Deckel nicht auf den Reaktordruckbehälter, dann wurden bei Ultraschallmessungen mit neuer Technik Unregelmässigkeiten im Ring C des Reaktordruckbehälters festgestellt.

Was Atomkraftgegner sofort als «Löcher» verspotteten, stellte sich nach aufwendigen Tests an einem originalgetreuen Nachbau des 17 Zentimeter dicken geschmiedeten Rings definitiv als Einschlüsse von Aluminiumoxid heraus.

Jetzt steht die 50 Tonnen schwere Replika vor dem Kraftwerk, eingebettet in Jurakies und Lavendel. «Wir haben von Anfang an gewusst, dass es gut kommt. Aber die Gewissheit hatten wir erst mit den letzten Resultaten», sagt Roland Schmidiger, stellvertretender Kraftwerksleiter und Leiter Projektierungen. Er tätschelt den Nachbau, fast, als wollte er das Eisen für seine Verdienste loben.

Der Kontakt zur Schmiede Forgemasters in Sheffield GB sei ein «Glücksfall» gewesen. Sie war fähig, den Ring nach den Dokumenten von 1967 genau gleich herzustellen. Analysen zeigten in der Folge, dass das Aluminiumoxid bei dieser Art von Fabrikation unvermeidlich ist: Das in Form gegossene Eisen kühlt sich ab, die Oxide sammeln sich im unteren Teil. Und, überlebenswichtig für Beznau: Sie beeinflussen die Sicherheit des Reaktors nicht, wie die Aufsichtsbehörde Ensi nach Prüfung der zwölf eingereichten Bundesordner an Nachweisen bestätigte. «KKB 1» durfte im März dieses Jahres wieder ans Netz.

Es habe auf allen Hierarchiestufen Zweifler gegeben, sagt Schmidiger. Es sei normal, dass ein Stillstand die Leute verunsichere. Aufgeben, Block 1 in Pension schicken – war das eine Option? Kopfschütteln. «90 Prozent unserer Kosten stammen vo Produktionsausfall. Die Energie, die wir nicht liefern konnten, war verkauft, wir mussten sie anderswo beschaffen.» Natürlich seien die 350 Millionen Gesamtkosten «nicht grad günstig» gewesen. Aber nichts zu unternehmen, hätte viel mehr gekostet. «Am Projekt zu arbeiten war das Beste, was wir tun konnten.»

Das Spalten von Atomen ist wieder Tagesgeschäft Nummer 1. Betreiberin Axpo rechnet mit einer Lebensdauer von 60 Jahren. Im Dezember wird «KKB 1» 49.