Erklärtes Ziel der Aargauer SVP ist es, bei den Regierungsratswahlen am 23. Oktober einen zweiten Sitz zu erringen. Dafür, dass ihre Kandidatin Franziska Roth auf der politischen Bühne bisher kaum in Erscheinung getreten ist, scheint sie den Wahlkampf allerdings eher gemächlich anzugehen. Denn die Zeit, um den Bekanntheitsgrad zu steigern, ist knapp. Und ausserhalb des inneren Parteizirkels wissen bis heute die wenigsten, wofür die SVP-Kandidatin als Regierungsrätin wohl stehen würde.

Das kann sich nun schnell ändern. Einen ersten «grösseren» Auftritt hatte Roth am Dienstagabend bei der SVP in Windisch: Die Ortspartei hatte auch CVP-Kandidat Markus Dieth eingeladen. Es kamen zwar auch nicht mehr als 20 Leute, aber es war zumindest zum ersten Mal, dass sich die Brugger Gerichtspräsidentin auf einem quasi überparteilichen Podium präsentierte. Und sie tat das mit Aufsehen erregenden Forderungen.

Eine Schule wie vor 30, 40 Jahren

Der Abend plätschert anfänglich eher etwas dahin, von einer feurigen kontradiktorischen Auseinandersetzung kann man jedenfalls nicht sprechen. Ganz zum Schluss kommt noch die Bildungspolitik zu Sprache. Alt Grossrat Jörg Hunn will wissen, wie es die Kandidaten mit dem Raumkonzept für die Sekundarstufe II halten. Franziska Roth gibt Markus Dieth recht: Das Sparpotenzial ist zu klein, um bewährte Strukturen über Bord zu werfen, bis auf weiteres sollte Brugg auch das KV behalten.

Doch dann kommts. Roth setzt zu einer bildungspolitischen Grundsatzerklärung an. Sie poltert nicht, wie das manche SVP-Politiker gerne tun, sondern hält ganz nüchtern fest, als ob sie eine Urteilsbegründung verlesen würde: Sparen bei der Bildung ist keineswegs tabu. Sie sagt es zwar nicht wörtlich, aber es hört sich so an: All die vielen Therapien, die Logopädie, die Schulsozialarbeit, auf das könnte man ganz verzichten.

Weiter ist die Regierungsratskandidatin der Meinung, dass es auch mit grösseren Klassen gehen würde. Das ist nicht neu, aber - und das sagt die SVP-Kandidatin jetzt sehr wohl wörtlich: Sie sei nicht für zwei, sondern zehn Schüler mehr, so Roth. Abgeschafft gehört weiter die integrative Schulung, dadurch sinke das Niveau, die schwächeren Schüler seien wieder in Sonderklassen zu unterrichten. Überhaupt mache es ihr Sorgen, wenn sie in ihrem Berufsalltag als Richterin sehe, «wie wenig heute gelernt wird in den Schulen». Das Rezept der SVP-Kandidatin: Die Aargauer Volksschule hat die Grundfähigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermitteln und nichts anderes. Man müsse einen Schritt zu einer Schule machen, «wie wir sie vor 30, 40 Jahren kannten».

Unterstützung vom Präsidenten

Ob zufällig oder nicht (SVP-Bildungsdirektor Alex Hürzeler wurden ja immer mal wieder Wechselgelüste ins Finanzdepartement nachgesagt): Das ist dann gleich ziemlicher starker Tobak für eine Kandidatin, deren Profil man bisher eher für etwas unscharf hielt und die auch im gemässigten bürgerlichen Lager punkten muss. Vielleicht sogar zu stark? Auf keinen Fall, meint SVP-Präsident Thomas Burgherr. Er habe ja immer gesagt, da komme noch einiges, freut er sich mit Bezug auf die Kritik an einen zäh anlaufenden Wahlkampf über den Auftritt der Regierungsratskandidatin, den er allerdings nicht selber vor Ort miterlebte.

Und inhaltlich sei er mit seiner Kandidatin absolut einig. «Ich gebe Franziska Roth vollkommen recht», sagt Burgherr, der die obligatorische Schulzeit in einer Gesamtschule mit acht Jahrgängen und 32 Schülern in einem Zimmer absolviert hat. «Das ging auch, und die Lehrerin hat es bis zur Pensionierung durchgehalten», so Burgherr.

Franziska Roth bei der Nomination als Regierungsratskandidatin

Jetzt ist es definitiv, Franziska Roth wurde als Regierungsratskandidatin nominiert. Was bedeutet die Nomination der Brugger Bezirksgerichtspräsidentin und wie wird sie versuchen, ihren Bekanntheitsgrad zu verbessern?

CVP-Anspruch unbestritten

In der «Sonne» in Windisch erfahren die Gäste nicht mehr, ob auch CVP-Regierungsanwärter Markus Dieth die bildungspolitischen Forderungen seiner Mitstreiterin in dieser Form mittragen könnte, man schreitet zum Apéro. Das spielt auch keine so grosse Rolle, der Anspruch der Sitzanspruch der CVP sei schliesslich «praktisch unbestritten», wie SVP-Ortsparteipräsident Frederik Briner eingangs erklärte. Grosse Differenzen, aus denen eine kontroverse Debatte zwischen CVP-Mann Dieth und SVP-Kandidatin Roth entwickelt hätte, gab es denn auch nicht.

Ausländerkriminalität, Kuscheljustiz, Asylmissbrauch oder zu hohe Regulierungsdichte. Die Themen in Windisch waren die üblichen und die Fragen so gesetzt, dass die SVP-Kandidatin meistens auf den Erfahrungsschatz aus ihrer beruflichen Tätigkeit am Gericht zurückgreifen konnte. Was bei den Zürchern im Fall «Carlos» abgelaufen sei, gehe schon Richtung Verhätschelung; sie als Richterin habe auch ohne «via sicura» schon harte Strafen gegen Raser verhängt; straffällige Ausländer sollten auch wirklich konsequent ausgewiesen werden.