Welche Verschwendung, könnte man sagen: Marco (Name geändert) verbrachte zwei Jahre seines Lebens fast ausschliesslich in der virtuellen Spielwelt von «World of Warcraft». Doch Marco bereut nichts – obwohl er froh ist, dass sich sein Leben nicht mehr ums Drachentöten dreht. Was bleibt, ist Nostalgie – «meine Figur war ein Held», sagt er.

Marco spielt noch heute – ein bisschen. Ab und an reizt es ihn, ein bisschen mehr Zeit zu investieren, besser zu werden. Doch er weiss, das ist mit seinem Leben nicht mehr vereinbar. Marco ist kein Gamer (eine Stunde gamen täglich mache noch keinen Gamer). Marco verteufelt das Gamen nicht (auch sein Kind dürfte spielen, wenn er irgendwann eines hat).

Marco ist ein ganz normaler Typ. 28 Jahre alt, Student mit drei Nebenjobs, der sich sein Leben selbst finanziert. Er ist sportlich, gross, hat eine eindringliche Stimme. Marco lebt im Aargau, aufgewachsen ist er in Deutschland.

Ich bin gut

Angefangen hat das mit dem Gamen vor etwa 17 Jahren. Damals war Marco 11 Jahre alt und Internet war teuer. Marco zockte nach der Schule allein an seinem Computer, spielte aber genauso gern Fussball. Dann wurde das Internet günstiger und Marco begann, online mit anderen zu spielen.

Nun bestand die Möglichkeit, sich mit anderen Spielern zu vergleichen – wie auf den Fussballplatz. Marco merkte: Ich bin gut.

Als im Januar 2005 das Onlinerollenspiel «World of Warcraft» auf den Markt kam, war Marco Student. Mit ihm begannen Millionen von Menschen, «World of Warcraft» zu spielen – verbunden in einer virtuellen Welt im Netz. Heute gibt es unzählige Spiele wie «World of Warcraft», sie heissen auf Deutsch etwas umständlich Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspiel.

Marco ging bald nicht mehr zur Uni, zockte lieber. Allein zu Hause – verbunden mit Millionen Gleichgesinnten. Ruhm im Spiel erlangt nur, wer viel Zeit einsetzt. Marco spielte fünfmal in der Woche sechs Stunden. Plus drei Stunden Vorbereitungszeit täglich, damit die Figur optimal vorbereitet ist. Das Gamen war ein Fulltime-Job. Bloss Geld verdiente er keines damit.

Süchtig nach Belohnung

Gespielt wurde in Gilden, Gruppen von 40 Spielern. Es gibt Anführer, die organisieren, dass sich alle 40 Spieler zur gleichen Zeit an einem Ort im Spiel treffen. Sie tragen Headsets und können so miteinander reden. Pinkelpausen müssen koordiniert werden. Essen mit der Familie liegt nicht drin.

Manchmal kämpfen die Gilden während zweier Monate täglich sechs Stunden, um einen Drachen zu besiegen. «Gelingt es, ertönen Jubelrufe, wie beim Abpfiff einer Fussballmeisterschaft.» Die Glücksgefühle seien überwältigend. «World of Warcraft» kenne ein ausgeklügeltes Belohnungssystem.

Stetig wird der Spieler belohnt. Mit besseren Eigenschaften wie Stärke, Intelligenz und Ausdauer – und mit Zuspruch. Marco genoss die Bewunderung, die er bekam im Spiel. «Wenn du rumläufst und sich plötzlich ein Kreis von Bewunderern um dich bildet, ist das schon schön.» Bewundert wird ein Spieler, weil er zum Beispiel einen Drachen erlegt hat, den nur ganz wenige Spieler überhaupt je zu Gesicht bekommen. «Das Feedback im realen Leben ist nie so stark.»

Als Marco den Eltern mitteilte, dass er zu studieren aufhöre, kappten sie ihm tagsüber das Internet. Er zockte darum im Internetcafé, bis sein Geld aufgebraucht war. Bei den Eltern war kein Geld mehr zu holen. Der Brief von der Bundeswehr kam ihm darum gerade recht. Marco ging zur Armee. Nach der ersten strengen Einführungszeit konnte er abends zocken und verdiente erst noch gut.

Nach 20 Monaten war Schluss mit der Armee. Marco begann eine Ausbildung in einer anderen Stadt, die Eltern zahlten, er ging morgens zur Schule, spielte den Rest des Tages. Er plante, nach der Schule zu arbeiten und sich damit das Gamen zu finanzieren.

Entgegen seiner Absicht zog es Marco immer stärker in die reale Welt zurück. Immer häufiger zwackte er Zeit beim Gamen ab, um Leute zu treffen oder Sport zu machen. Heute spielt er noch abends zur Entspannung, statt fernzusehen. Beim Spielen von «World of Warcraft» lernte er dann seine Freundin kennen – eine Aargauerin. Nach längerer Fernbeziehung zog er zu ihr.

Wie bei den Vogelzüchtern

Die Glücksgefühle seien im realen Leben weniger stark, dafür nachhaltiger, sagt Marco. Hätte er ein eigenes Kind, würde er das Spielen nicht verbieten. Er würde dem Kind aber zeigen, wie viele andere tolle Dinge man ausser gamen machen kann. Ihm das zu zeigen, dafür hätten seine Eltern damals zu wenig Zeit gehabt.

Marco hat sich darum selber gesucht, was ihm Spass machte. Ein hohes Suchtpotenzial sieht Marco auch in den Handy-Spielen. Bei diesen Spielen sei das Belohnungssystem der Onlinegames perfektioniert worden – kein Wunder also, dass Kinder und Erwachsene ständig am Spielen seien.

Mit seinen «World of Warcraft»-Freunden hat Marco heute noch Kontakt. Hin und wieder treffen sie sich sogar real in den Ferien. Dann erzählen sie sich die heroischsten und lustigsten Geschichten von gemeinsamen «World of Warcraft»-Abenteuern. Gesprochen werde dann überhaupt meist übers Spiel. «Das ist wie beim Vogelzüchterverein. Die sprechen über Vögel, wir übers Gamen.»

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