Ferien sind ja immer eine Reise irgendwohin, vielleicht weit weg, vielleicht auch nicht, und wenn nicht, dann mindestens weit weg von allem, das man sonst immer hat. Gerne auch von sich selber, seinen Gewohnheiten, seiner üblichen Kleidung.

Das ist bei einem Thierry Burkart nicht anders. Der Badener FDP-Nationalrat, 41, Jurist, beschreibt sich auf seiner Website so: «Gradlinig – Überzeugend – Bürgerlich.» Auch einer wie er braucht von Zeit zu Zeit etwas Abstand, ein paar Tage eine andere Linie. Vielleicht könnte man auch sagen: Neue geradlinige Ideen finden sich manchmal auch auf Abwegen.

Beim Vizepräsidenten des Touring-Clubs Schweiz lag die Vermutung, er könnte eine Roadtrip-Story zu erzählen haben, nahe. Dass sie stimmte, überraschte nicht. Überraschend war dafür, was für eine. Denn Burkart sagt: «Ich bin 2009 mit dem Hippie-Camper durch Australien gereist.» Und fügt gleich selbstironisch an: «Das hören Sie wahrscheinlich gerne: ein FDP-Nationalrat und Anwalt im Hippie-Bus.» Natürlich hören wir das gerne. Geht das unter «liberal im Sinne von Freiheit», wie Burkart 2015 über Burkart mal gesagt hatte? Und vor allem: Wie kam es dazu?

Die Antwort ist gar nicht so spektakulär wie erhofft. 2009 fuhr Thierry Burkart mit seiner damaligen Freundin nach Australien. Für einen Roadtrip an der Ostküste, von Sydney im Süden bis nach Cap Tribulation im Norden. Die beiden mieteten für fünf Wochen einen «Hippie Camper». So heissen die mit Bett und Küche vollausgestatteten Minivans, die man bei einer Kette namens «Hippie Camper» mieten kann. Sie sind mit violett-blauen Blumen und Schmetterlingen beklebt, tragen auf der Carrosserie prominent das Markenzeichen der Vermieter. Und Burkart gibt zu: «Mit dem Namen hatte das nicht viel zu tun.» Die Fahrzeuge sind vor allem wegen ihres Komforts und ihres guten Preis-Leistungs-Verhältnisses sehr beliebt. Beim Abschluss des Mietvertrags wird nicht nach der politischen Einstellung gefragt – sondern nach den Kreditkartendaten.

Gefangen zwischen Wald und Hai

Dafür hat es eine andere Roadtrip-Geschichte in sich, die Burkart Down Under erlebte. Und die hat nicht einmal etwas mit dem Hippie-Bus zu tun. Sondern mit einem Land Rover.

Die Insel Fraser Island ist bekannt als grösste Sandinsel der Welt. Alle Strassen sind Sandpisten. Und der kilometerlange Strand an der Ostküste ist bei Ebbe eine Art Autobahn, auf der mit 80 Kilometern pro Stunde mit Jeeps den Wellen entlanggebrettert werden darf. Wohnmobile sind nicht erlaubt – nur geländegängige Allradfahrzeuge, die man vor der Überfahrt mit der Fähre buchen kann. Eine Böschung grenzt den befahrbaren Strand ab von der Inselmitte, wo die Zeltlager stationiert sind. Will man zu seinem Quartier kommen, muss man eine dieser wenigen Auffahrten in der Böschung finden. «Das war ziemlich urwaldmässig», erzählt Thierry Burkart, «es gab nur eine kleine Holztafel als Wegweiser, wenn man die zwischen den Sträuchern überhaupt gesehen hat.»

Am Tag ist Fraser Island ein Traum. Doch in der Nacht kann sie zum Albtraum werden. Das Problem: Das Paradies sieht überall gleich aus. Und wird es dunkel, kommt bald die Flut. Aus der Sandautobahn wird Ozean. Burkart erinnert sich noch genau: «Ich war relativ weit nördlich, und es dunkelte langsam ein.» Er fährt und fährt und fährt. Und findet diese Auffahrt einfach nicht. Ihm wird mulmig. «Habe ich sie schon verpasst? Kommt sie da vorne gleich?» Der Streifen Sand zwischen den Wellen und der Böschung wird enger. Jetzt auszusteigen, gäbe schon nasse Füsse. Das wäre auch keine gute Idee. Das Auto wäre verloren. Und dort vorne steht wieder eine dieser Tafeln. Achtung, Haie. Baden verboten. «Ich kam der Flut so nahe, ich hatte schon das Gefühl, es sei alles vorbei.»

Doch dann – der nervöse Fahrer glaubt schon fast nicht mehr daran – tauchen in der Ferne die Lichter der Fähre-Anlagestelle auf. «Da wusste ich: Jetzt sind wir zu weit.» Er dreht um und gibt Gas. Das Wasser kommt bereits bis unter den Land Rover. Und nach eineinhalb Stunden – «die mir viel, viel länger vorkamen» – kommt tatsächlich der Holzwegweiser mit der rettenden Auffahrt.

Lieber Karte als Navi

Begeistert war Thierry Burkart von Australien trotz seiner brenzligen Erfahrung. «Die Natur, die Tiere. Und diese Weiten, die wir hier nicht haben. Einfach wunderschön!» Und eine richtige Panne habe er zum Glück Down Under nie gehabt.

So fährt Burkart weiterhin sehr gern Auto oder Töff, zu Hause und in den Ferien. Zumindest, solange Ebbe ist. 2016 fuhr er etwa mit einem Wohnmobil ans eidgenössische Schwing- und Älplerfest nach Estavayer-le-Lac, wo er vier Tage campierte. Ein Purist ist er aber nicht: In öffentlichen Bussen reiste er durch den Iran, mit Kollegen wandert und zeltet er gerne in der Schweiz, im Zug fährt er jeweils nach Bern in die Session. Er sagt: «Jedes Verkehrsmittel hat seine Vor- und Nachteile. Man sieht mit dem Auto einfach ein bisschen mehr. Dann ist auch der Weg das Ziel. Das finde ich spannend.»

Im vergangenen Jahr sei er bloss leider auf nur eine einzige Woche Ferien gekommen. «Ich hoffe, dass es dieses Jahr wieder etwas mehr wird.» Und wie ist ein Gradliniger wie er unterwegs – mit Navigationsgerät, Karte, oder ohne Hilfsmittel? «Natürlich habe ich inzwischen auch ein Navi», sagt Burkart, «aber am liebsten fahre ich immer noch nach Karte. Die habe ich immer dabei. Zur Sicherheit.»