Es ist nach wie vor die grosse Unbekannte im Wahlkampf für die Regierungsratswahlen im Herbst, der langsam auf Touren kommen sollte: Will Susanne Hochuli Regierungsrätin bleiben oder tritt sie nicht mehr an? Roland Brogli (CVP) ist zu ersetzen. Stephan Attiger (FDP), Urs Hofmann (SP) und Alex Hürzeler (SVP) haben längst ihre erneute Kandidatur verkündet und sind von ihren Parteien auch längst offiziell portiert. Nur die aktuelle Frau Landammann Susanne Hochuli lässt die Öffentlichkeit nach wie vor im Ungewissen.

Und auch die Insider. Er wisse auch nicht mehr, versichert Daniel Hölzle, Präsident der Grünen Aargau, Susanne Hochuli mache es weiter spannend. Hölzle kann nur auf das Prinzip Hoffnung setzen, dass «seine» Regierungsrätin schliesslich ganz genau weiss, um wie viel es für die Grünen geht und sie die Partei deshalb nicht so lange würde zappeln lassen, wenn sie ihr Mandat zur Verfügung stellen möchte. Von der Parteistärke her hätten die Grünen keinen Anspruch auf eine Vertretung in der Regierung. Und jetzt noch eine Kandidatur aufbauen zu wollen, die weit über die schmale Hausmacht hinaus Wähler mobilisiert, dürfte ein schwieriges, ein nahezu aussichtsloses Unterfangen sein.

Das lässt sich auch mit dem Ausgang der Ständeratswahlen im letzten Jahr illustrieren: Grossrätin und Fraktionschefin Irène Kälin ist mit 29 Jahren zwar noch sehr jung, aber neben Nationalrat Jonas Fricker aktuell wohl die profilierteste Figur der Aargauer Grünen. Aber sie blieb noch um 8000 Stimmen mehr hinter dem absoluten Mehr zurück als vier Jahre zuvor Geri Müller. Und der dürfte trotz erfolgreich ausgesessenem «Gerigate» wohl auch kaum mehr als Zugpferd für eine Majorzwahl infrage kommen. So setzt Präsident Hölzle halt darauf, dass er noch vor den nahenden Sommerferien die erlösende Botschaft von Susanne Hochuli erhält. «Je mehr Zeit verstreicht, desto eher muss sie ja fast wieder antreten», meint Hölzle.

Überlegungen für einen Plan B

Aber gibt es einen Plan B für den Fall, dass doch nicht? Diese Frage stellt sich nicht nur für die Grünen, eine zweite Vakanz würde die Ausgangslage für die Regierungsratwahlen im Herbst grundlegend verändern:

  • Würden die Grünen trotz bescheidenen Erfolgsaussichten einen eigenen Kandidaten oder eine Kandidatin aufstellen oder den Regierungssitz kampflos preisgeben?
  • Würde in diesem Fall die SP versuchen, mit einer zweiten Kandidatur die totale bürgerliche Übermacht in der Regierung zu verhindern?
  • Würden sich FDP und CVP auf ein «Päckli» mit der SVP einlassen und ihr so den zweiten Sitz so gut wie garantieren?
  • Oder würden sie am Ende mit einer eigenen, zweiten Kandidatur liebäugeln, um den Stimmbürgern «eine echte Auswahl» zu bieten, wie SVP-Kandidatin Franziska Roth für sich wirbt?

Trotz der Zuversicht, weiter auf Susanne Hochuli zählen zu können, «haben wir natürlich Überlegungen für einen Plan B angestellt», sagt Daniel Hölzle. Der Name soll geheim bleiben, aber man wäre in der Lage, der Mitgliederversammlung im Notfall eine Ersatzkandidatur vorzuschlagen, so Hölzle.

«Eigenartig und nicht sehr fair»

Niemand will sich in die eigenen Karten blicken lassen, dafür zeigen sich die Parteispitzen allmählich befremdet darüber, dass Susanne Hochuli ihre nicht endlich auf den Tisch legt.
Nationalrat Cédric Wermuth, Co-Präsident der SP, würde es «überraschen», wenn Hochuli nicht mehr antritt. Und er fände es auch «schwer verträglich für das Milizsystem, wenn man in dieser Phase den Wahlkampf noch einmal komplett umstellen müsste». Das ist eine sanft verpackte Kritik an der grünen Regierungsrätin, aber heisst es auch, die SP würde bei einer zweiten Vakanz selber mit einer zweiten Kandidatur antreten?

Cédric Wermuth: "Sie erwarten nicht im Ernst eine Antwort?"

Cédric Wermuth: "Sie erwarten nicht im Ernst eine Antwort?"

«Sie erwarten nicht im Ernst eine Antwort auf diese Frage», sagt Wermuth. Aber abwegig scheint der Gedanke nicht zu sein. Wermuth: «Für mich ist völlig klar, dass Links-Grün Anspruch auf zwei Sitze in der Regierung hat und dass die SP alles daransetzen wird, eine weitere Verstärkung der bürgerlichen Mehrheit in Regierung und Parlament zu verhindern.»

Ihm würden die Grünen fast etwas leidtun, meint FDP-Nationalrat und Kantonalpräsident Matthias Jauslin. Er findet Susanne Hochulis Verhalten «eigenartig und nicht sehr fair, sowohl ihrer eigenen Partei wie der ganzen Aargauer Bevölkerung gegenüber». Jauslin geht zwar nach wie vor davon aus, dass Hochuli ihre erneute Kandidatur bekannt geben wird. Für den Fall, dass doch nicht, hat der FDP-Präsident ein Zusammengehen mit der SVP bisher zumindest nicht ausgeschlossen.

Man mache nicht mit bei einer Aktion mit dem Ziel der Abwahl eines Regierungsmitglieds. Aber im Fall einer zweiten Vakanz würde man die Sachlage neu beurteilen und grundsätzlich «den Anspruch der SVP auf einen zweiten Regierungsratssitz akzeptieren», hatte Jauslin im April erklärt. Heute gibt es zur Frage eines bürgerlichen Tickets mit Stephan Attiger, CVP-Kandidat Markus Dieth und den SVPlern Alex Hürzeler und Franziska Roth oder gar einer zweiten FDP-Kandidatur nur noch «keinen Kommentar». Man konzentriere sich auf die Wiederwahl von Stephan Attiger und die Grossratswahlen.

Das Szenario eines Verzichts von Susanne Hochuli habe man noch gar nie durchgedacht, sagt CVP-Präsidentin Marianne Binder. Sie habe «noch keine schlaflose Nacht beim Gedanken an Frau Hochulis Wundertütenstrategie verbracht». Dass auch sie sich endlich klare Verhältnisse wünschen würde, ist aber offensichtlich. Binder zeigt jedenfalls wenig Begeisterung dafür, dass es Susanne Hochuli «offenbar geniesst, dass viele nervös mit den Hufen scharren und den Wahlkampf nicht aufgleisen können». Dass das gerade für ihre eigene Partei ins Auge gehen könnte, liegt auf der Hand. Würde unser Regierungsrat uns so zappeln lassen, wäre ich schon sehr irritiert», meint Binder.