Visionen 2003
Wie soll sich der Aargau entwickeln? Vergessenes Buch gibt Antworten

Menziken will die Wyna schiffbar machen. Spreitenbach fordert Tempo 30 im ganzen Kanton. Und Bettwil warnt die Regierung: «Mischen Sie sich nicht ein!» Ein vergessenes Aargauer Buch erlaubt einen Blick zurück – und erinnert an die Zukunft.

Jörg Meier
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Das «Buch der Visionen der Aargauer Gemeinden»: 2003 schenkten es die Aargauer Gemeinden dem Kanton zum 200. Geburtstag.
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Noch nicht erfüllt: Festung Aarburg als Touristenattraktion.
Teilweise erfüllt: Verkleinerung des Grossen Rates.
Erfüllt: Es gibt keinen neuen Steinbruch Homberg.
Nicht erfüllbar: Die Schiffbarmachung der Wyna.
Erfüllt: Der Aargau hat eine Bundesrätin.
Erfüllt: Touristische Hinweistafeln an den Autobahnen.
Noch nicht erfüllt: Die Renaissance des Schlosshotels Brestenberg.

Das «Buch der Visionen der Aargauer Gemeinden»: 2003 schenkten es die Aargauer Gemeinden dem Kanton zum 200. Geburtstag.

AZ

Es gibt Bücher, die werden, wenn sie auf den Markt kommen, zwar respektvoll zur Kenntnis genommen. Aber sie lösen kaum Reaktionen aus. Ihre eigentliche Wirkung entfalten sie erst nach einigen Jahren – falls sie dann nicht schon längst vergessen sind. Das «Buch der Visionen der Aargauer Gemeinden» aus dem Jahre 2003 ist ein solches Buch. Es ist das Geschenk der 231 Aargauer Gemeinden an den Kanton Aargau, der damals seinen 200. Geburtstag feierte. Ein ausgesprochen einseitiges Geschenk, denn jede einzelne Gemeinde beschrieb auf einer einzigen Seite, wie sie sich selber in 25 Jahren sieht – und wie sich der Kanton idealerweise entwickeln sollte. Entstanden ist ein Aargauer Charakterbuch, das die Haltungen und Befindlichkeiten der Aargauer Gemeinden widerspiegelt und genauso auch deren Selbstverständnis. 14 Jahre lang ruhte das Buch mit den vielen aufmüpfigen und provokanten Texten weitgehend unbeachtet; höchste Zeit, es wieder einmal zur Hand zu nehmen und zu überprüfen, was aus den Vorstellungen und Forderungen von damals geworden ist.

Kurz, lyrisch, episch

Das Buch ist ein gerechtes Buch: Jede Gemeinde hatte genau eine Seite A4 zur Verfügung; unabhängig von Grösse oder Bedeutung. Alle Stellungnahmen sind unverändert, so wie sie damals von Stadt- oder Gemeinderat verabschiedet worden sind. Schon rein optisch zeigt sich da Aargauer Vielfalt: Es gibt Gemeinden, die brauchten nur einige wenige Zeilen, um die Zukunft zu skizzieren. Endingen etwa beschränkte sich auf einen einzigen Satz – und der ist nicht besonders freundlich gegenüber dem jubilierenden Kanton: «Der Kanton soll vermehrt Bereitschaft zeigen, auf die Anliegen der ländlichen und Randregionen einzutreten und diese Beziehung als Partner und nicht als Vorgesetzter der Regionen zu pflegen.»

Andere Gemeinden hingegen wählten die kleinstmögliche Schriftgrösse, um möglichst viel aufs Blatt bringen zu können. Auch grafisch zeigten sich einige Gemeinden kreativ: Lenzburg verzichtete weitgehend auf Text und setzte stattdessen auf Grafik; leider erschliesst sich dadurch die Aussage nicht auf Anhieb, immerhin wird klar, dass Lenzburg auch «geil» mit drei Ausrufzeichen sein möchte. Und in Ittenthal hatte der Gemeinderat gescrabbelt und Schlüsselwörter rund um die Kernbegriffe «Vision» und «Ittenthal» gelegt. Niederlenz reagierte mit einem Gedicht von Sophie Haemmerli-Marti; Verse geschmiedet wurden auch in Küttigen und Gränichen.

 Das Buch der Visionen der Aargauer Gemeinden wurde 2003, zum Kantonsjubiläum 200 Jahre Aargau, veröffentlicht.

Das Buch der Visionen der Aargauer Gemeinden wurde 2003, zum Kantonsjubiläum 200 Jahre Aargau, veröffentlicht.

Alex Spichale

Einige Gemeinden haben die Formulierung der Vision delegiert. In Auenstein wurden die Jungbürger mit dem Nachdenken beauftragt. In Egliswil und Remigen Primarschüler, in Staffelbach die 3.-Sekler, die unter anderem Laptops in der Schule und die Abschaffung des Religionsunterrichts wünschten.

Die meisten der Visionen sind sorgfältig und freundlich formuliert. Ganz oben auf der Liste steht der Wunsch nach Beibehaltung der Gemeindeautonomie. Gefordert werden aber auch ein schlanker Staat, eine starke politische Führung, die mit weitsichtigem und nachhaltigem Handeln Sicherheit und Entwicklung des Kantons gewährleistet.

Auflösung des Aargaus

Viel interessanter aber sind jene Äusserungen, aus denen unverhohlene Kritik, ja Ärger und Misstrauen gegenüber dem Kanton sprechen. So tönte es aus Bettwil geradezu klassenkämpferisch: «Verhindern Sie, dass ein kleiner Teil der Aargauer immer reicher, der grössere Teil immer ärmer wird», heisst es aus der höchstgelegenen Gemeinde im Kanton. Und in Sachen Gemeindeautonomie noch deutlicher an die Adresse der Regierung: «Mischen Sie sich nicht ein, wo es nicht nötig ist!»

Ebenfalls aus dem Freiamt meldete sich Geltwil, die drittkleinste Gemeinde im Aargau: «Das Töchterchen aus dem Freiamt bittet die Mutter herzlich, auch auf das Wohlergehen ihrer Kinder zu achten. Sonst muss sie den nächsten runden Geburtstag alleine feiern».

Sins teilte mit, man denke offen darüber nach, ob die Gemeinde besser im Kanton Zug oder im Kanton Aargau aufgehoben sei. Die Oeschger machten eine klare Aussage: «Die Einwohner werden sich noch viel mehr als heute als Fricktaler und nicht als Aargauer fühlen.» Auch aus Zetzwil tönte es radikal: Leider werde es den Kanton Aargau bis zum Jahr 2028 nicht mehr geben. Rund ein halbes Dutzend andere Gemeinden teilte 2003 diese Überzeugung. So sah man in Buchs einen neuen Kanton Nordwestschweiz mit eigenem Flughafen in Basel und einem stets europäisch spielenden FC Aarau in einem neuen Stadion; das Freiamt würden die Buchser ohne zu zögern dem Kanton Urschweiz abgeben.

Als das Buch 2003 erschien, gab es 231 Gemeinden im Aargau. Vehement wehrten sich die meisten der kleinen und kleineren Gemeinden gegen die vom Kanton geforderten und geförderten Fusionen. So schrieben die Linner auf ihrem einseitigen Manifest: «Die Gemeindeautonomie verleiht uns Linnern Flügel!» Genützt hat es wenig. Linn als selbstständige Gemeinde gibt es seit 2013 nicht mehr; die Zahl der Gemeinden ist seit 2003 auf 213 gesunken. Aus Hottwil im Fricktal tönte es kurz, aber heftig: «Lasst die kleinen Gemeinden leben!»

Anders sah das damals die Stadt Baden. 2003 träumte der Stadtrat von einer neuen Stadt Baden, die sich aus rund 20 umliegenden Gemeinden zusammensetzen würde. 14 Jahre später wissen wir, dass das bis 2028 nicht klappen wird. Auch die Badener Stadtbahn lässt wohl noch länger auf sich warten.

Klare Vorstellung haben viele Gemeinden, was den politischen Betrieb im Kanton betrifft. Fislisbach forderte energisch die Verkleinerung des Grossen Rates auf 100 Köpfe; Stilli wollte das ebenfalls. Berikon möchte weniger polemische Parlamentarier, dafür solche, die sich für das Wohl des Kantons und nicht bloss für die eigene Popularität einsetzen. Bremgarten und Oberbözberg machten den gleichen Vorschlag; allerdings waren die inzwischen wegfusionierten Oberbözberger noch radikaler: Bremgarten verlangte, dass für jedes neue Gesetz zwei alte eliminiert werden müssten; Oberbözberg wollte gar eine Quote von 1 zu 5. Hellikon rief zur Mässigung auf: «Der Kanton soll nur jeweils so viele Projekte starten, wie auch überblickt werden können.»

Eher kryptisch mutete die Forderung aus Fisibach an: «Der Aargau, obwohl Durchgangskanton, setzt sich für eine gerechte Verteilung des Fluglärms ein.»

Hanfanbau und Expo 2027

Geradezu kühn sind die Vorstellungen des Münchwiler Gemeinderates: Bis zum Jahr 2028 wird der Zahlungsverkehr im Aargau mit Euro abgewickelt, das Ausländerstimmrecht ist Tatsache, alternativer Strom ist günstiger als Atomstrom und Hanfanbau ist alltäglich geworden. Was die Bildung betrifft, hatten einige Gemeinden ganz klare und auch ähnliche Vorstellungen. So sieht Birmenstorf Tagesschulen mit gleichem Lohn für Kindergärtnerinnen und Lehrpersonen, schweizweit gibt es nur noch ein einziges Bildungssystem mit einheitlichen Lehrmitteln.
Der von verschiedenen Gemeinden geäusserte Wunsch nach einer Aargauer Bundesrätin ging bereits im Jahre 2006 in Erfüllung. Andere Visionen haben es schwerer. So ist es zwar immer noch denkbar, dass die nächste Expo im Aargau stattfinden wird, wie das Wohlenschwil schon vor 14 Jahren vorgeschlagen hat. Aber ob es tatsächlich dazu kommt, dass Gemeindebehörden und Kantonsangestellte am Valentinstag einander Geschenke verteilen, wie sich das Densbüren wünscht, scheint doch eher unwahrscheinlich.

Spreitenbach plädiert für Tempo 30 im ganzen Kanton und fordert, «dass der Kanton seine Untertanenmentalität endlich und unwiderruflich ablegt».

Wer sich nun fragt, was im Visionenbuch zu den Flüchtlings- und Asylthemen steht, dem sei eine einfache Antwort gegeben: Nichts. Diese Themen, die heute so sehr beschäftigen, waren vor 14 Jahren noch nicht der Rede wert.