Windisch
Wie sich Künzli-Schuhe dank eines Dickkopfs und vieler Skizzen zurückkämpfte

Die Windischer Traditionsschuhmarke Künzli hat schwierige Jahre hinter sich. Jetzt wird alles gut, sagt Inhaberin Barbara Artmann.

Mario Fuchs
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Künzli-Schuhe
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Die gewohnten fünf Streifen auf den Künzli-Schuhen werden künftig durch fünf quadratische "Klötzli" ersetzt (Archiv)
Barbara Artmann - Inhaberin von Künzli-Schuhe Windisch.jpg
Heidi Ammon (Mitte) überreicht Barbara Artmann ein Paar essbare Künzli-Schuhe

Künzli-Schuhe

Der Hammer schlug auf einem Orthopädiekongress in Deutschland zu. Barbara Artmann stellte gerade Gesundheitsschuhe vor, als der Anruf kam: Künzli, die Traditionsfirma aus Windisch, mit einem Team voller Herz, hat verloren. K-Swiss, der Schuhriese aus den USA, mit einer Juristenschar ohne Skrupel, hat gewonnen. Obwohl der Riese alles, was seine Sportschuhe zum Welthit machten, vom vermeintlichen Zwergen hat: das K im Namen, die Swissness im Namen (die keine ist), und das Design mit den fünf Streifen. Da sagte Barbara Artmann zu ihren Leuten am Messestand: «Ich muss jetzt allein sein, ich fahr heim.» Von Baden-Baden nach Ennetbaden, 230 Kilometer. Verzweiflung. Tränen. Ein Telefonat mit der Schwester – «und ich flickte mich wieder zusammen».

Am Samstag vor einer Woche, DJ Bobo spielte im Europapark die Premiere zu seiner neuen Welttournee, fuhr Artmann zum ersten Mal wieder die gleiche Strecke. Blauer Himmel, goldene Wolken. «Ich fuhr diesem kitschigen Sonnenuntergang entgegen, mit unserem neuen Design im Kofferraum, zu einem Mega-Künstler, den wir jetzt ausrüsten dürfen, und alles ist vorbei. Da sagte ich mir: So, das feiere ich jetzt!»

Aber mei!

An diesem Januarmittwoch sitzt Barbara Artmann in der Garderobe des Kultur- und Kongresshauses in Aarau. In zwei Stunden wird sie auf der Bühne des Wirtschaftssymposiums Aargau humorvoll und quirlig wie immer von der Leidensgeschichte erzählen. Und von der Zukunft, die folgen soll. Sie sagt: «Jetzt haben wir allen ungeschäftlichen Ärger hinter uns und können so richtig loslegen. Bissl später als gedacht, aber mei!» Für Künzli sei es ganz gut gewesen, sei ein bayrischer Dickschädel gekommen: «Vielleicht gab es ein Schicksal, das gesagt hat: Lueg, dieses tolle Schweizer Firmli braucht einen Mensch, der dranbleibt und durchbeisst. Insofern hamma beide das gfundn, was ma braucht ham.»

So gross wie der Ärger, den die Amis den Aargauern beschert haben, war früh auch das Lob, das Artmann von der Schweizer Wirtschaft entgegengebracht wurde. 2009 gewann sie in dieser Kategorie sogar den «Swiss Award». Ja, sagt Artmann, aber das sei Lob für ihre Dickköpfigkeit, fürs Durchhalten gewesen. Was sie natürlich gefreut habe. Und: Lob für den Namen Künzli und seine Geschichte. Also war es gar kein Lob für die Frau Artmann, sondern für die «Frau Künzli»? Den klaren Strich dazwischen gebe es eben nicht. «Viele nennen mich Frau Künzli. Die bin ich natürlich auch. Und die bin ich gerne. Das ist die Rolle meines Lebens.»

Ideen aus dem Himmel

Nächster Akt in diesem Spiel: das neue Markenzeichen. Die fünf Streifen sind fünf Klötzli gewichen. Doch die Klötzli kamen bei der Kundschaft nicht nur gut an. «Den Frauen gefiels, den Männern war es zu wenig sportlich», sagt Artmann, die selber alle Entwürfe zeichnet, die Farbkombinationen austüftelt. «Da sitze ich dann und male. Und bitte den Herrn Künzli im Himmel, er möge mir gute Ideen in den Kopf schicken.» Die Lösung nach unzähligen verworfenen Skizzen: Die Klötzli blieben, aber wurden anders angeordnet, «a bissl schräg, so wie bei uns alle sin.»

Jetzt, wo die Schuhe im neuen Webshop, an den Füssen von DJ Bobo, Tatort-Kommissar Stefan Gubser oder bald einiger Eishockey-Stars des EHC Kloten zu sehen sind, landen täglich E-Mails und Facebook-Kommentare auf den Bildschirmen in Windisch. «Die Leute sagen: Yeah, jetzt kann man Künzli wieder kaufen!» Wer das tut, will in erster Linie einen Schweizer Schuh, oder einen modisch individuellen Schuh – oder beides. Heimat allein reiche nicht als Verkaufsargument. Und die Leute seien viel kritischer. Wenn etwas in der Schweiz hergestellt sei, müsse alles top Qualität haben: «Und ich glaube, das bringen wir auch.» Die klassischen Schnitte bleiben in der Kollektion, neu dazu kommen junge Schnitte (siehe oben: Bildmitte). Künzli hat die Coolness zurück.

Sofort in den Aargau verliebt

In den letzten 14 Jahren hat die ehemalige Bankerin einen Schuh-Blick entwickelt: «Ich fange immer unten an, wenn ich einen Menschen sehe.» Selber trägt sie immer Künzli-Schuhe – «ausser beim Skifahren». Sie erzählt von Geschichten, die sie hört, wenn sie mit Aargauern aus ihrer Generation spricht: «Oh, mein erster Tschuttschuh!» – «Meine erste Freundin hab ich verführt, weil ich den roten Känguruh-Künzli hatte.» Sie sei dann auch ganz schnell Aargauerin geworden, habe sich «sofort verliebt». Bayerin bleibe sie trotzdem. Das könne man nie ablegen.

Auch bei den Orthopädieschuhen gabs einen Schritt in die Zukunft. Früher hiess es bei einem Fussbruch: Künzli-Schuh oder Gipsen. Heute wird zwar weniger gegipst, doch weil der Kostendruck der Krankenkassen gleichzeitig gestiegen ist, werden dennoch weniger Künzli-Schuhe verschrieben. Deshalb hat Künzli fünf Jahre lang mit der ETH und der FHNW einen neuen Gesundheitsschuh entwickelt. Mit Carbon, an Heilungsphasen anpassbar.

Jetzt muss Barbara Artmann mit ihrem Team nur noch an die Orthopädiekongresse, um die Revolution vorzustellen. Diesmal wird sie nicht mehr von einem Hammer getroffen werden. Sie hat ihn jetzt selber in der Hand, respektive an den Füssen.