Zehn Fragen
Wie schlecht steht es wirklich um das Kantonsspital Aarau?

Ja, das Kantonsspital Aarau muss effizienter werden, das räumt auch der in Kritik geratene VR-Präsident Philip Funk ein. Wie es in Aarau zu den roten Zahlen kam und neun weitere Fragen zur Situation der Aargauer Spitäler.

Urs Moser
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Eine Operationssituation im Kantonsspital Aarau. Jetzt wird das KSA selber als Patient gehandelt.

Eine Operationssituation im Kantonsspital Aarau. Jetzt wird das KSA selber als Patient gehandelt.

Mathias Marx

1 Warum ist das Kantonsspital Aarau (KSA) in die roten Zahlen gerutscht?

Dafür ist eine Reihe von Faktoren verantwortlich. Die Effizienz sei in letzter Zeit nicht gestiegen, sondern gesunken, räumte Verwaltungsratspräsident Philip Funk nach Bekanntwerden des Defizits ein.

Will heissen: Der (Personal-)Aufwand ist stärker gestiegen als der Ertrag. Allgemein hat sich die Lage mit der neuen Spitalfinanzierung verschärft: Der Kanton finanziert Investitionen nicht mehr mit, die Mittel dafür müssen die Spitäler selber erwirtschaften. Gleichzeitig sinken die Basistarife, die sie verrechnen dürfen.

Ein nicht zu beeinflussender Sonderfaktor im letzten Jahr: In Aarau lag der sogenannte Case Mix Index, die durchschnittliche Schwere der zu behandelnden Fälle, unter dem Vorjahreswert. Allein dadurch nahm der Ertrag um 20 Millionen Franken ab.

2 Wie ernst ist die Lage, ist das KSA wirklich ein Sanierungsfall?

Eine Frage der Definition. Der Regierungsrat selbst sprach davon, er habe Geschäftsleitung und Verwaltungsrat beauftragt, ein «Sanierungskonzept» vorzulegen. Gleichzeitig betonen das Spital wie auch die Regierung, das KSA sei keinesfalls gefährdet, zahlungsunfähig zu werden oder ein Konkursfall.

Das Kantonsspital Aarau macht fast 600 Millionen Franken Umsatz, das relativiert einen einmaligen Verlust von 30 Millionen. Das Problem ist: Eine schwarze Null reicht bei weitem nicht. Um den Investitionsbedarf finanzieren zu können, sollte das Spital eigentlich jährlich 50 Millionen zurückstellen können.

Mit einem Defizit von 30 Millionen ist das Ergebnis also sogar um 80 Millionen schlechter ausgefallen, als es sollte.

3 Wie stehen die Aussichten, dass das Spital wieder in die Gewinnzone kommt und auch dort bleibt?

Wie Verwaltungsratspräsident Funk am Dienstag in der Diskussion um die Forderung nach seinem Abgang erklärte, wurden bereits letztes Jahr Sparmassnahmen im Umfang von 50 Millionen beschlossen und nun ein weiteres Programm im Umfang von 30 Millionen eingeleitet, womit man also im Zielbereich landen würde.

Wie realistisch das – vor allem in weiterer Zukunft– ist, wird sich zeigen müssen. Paradoxerweise macht der Kanton als Eigner selber Druck auf die Tarife und damit die Ertragslage seiner Spitäler, weil er zusammen mit den Krankenkassen für die Kosten der stationären Leistungen aufkommen muss: ab 2017 zu mindestens 55 Prozent (aktuell erst 51 Prozent).

Zum Interessenkonflikt des Kantons – Senkung der Gesundheitskosten auf der einen, Rentabilität der eigenen Spitäler auf der anderen Seite – ist ein Vorstoss der FDP-Fraktion hängig. Und zwar durchaus mit der Stossrichtung, noch mehr Druck auf sinkende Basistarife zu machen.

4 Wie ernst ist die Forderung zu nehmen, der Regierungsrat habe den Verwaltungsratspräsidenten des Kantonsspitals Aarau umgehend abzusetzen?

Gesundheitsdirektorin Susanne Hochuli hat die Antwort im Prinzip bereits gegeben: Eine Ablösung ist ohnehin vorgesehen, aber nicht jetzt, sondern auf Ende der ordentlichen Amtszeit in einem Jahr. Damit dürfte sicher sein, dass der Regierungsrat nicht gewillt ist, bis dahin einen Eklat zu produzieren.

5 Heisst das, die strategische Führung des KSA geniesst weiterhin das uneingeschränkte Vertrauen des Kantons als Spitaleigner?

Auch wenn es die Regierung so ausdrücken sollte, es wäre wohl auch etwas übertrieben. Immerhin hat der Regierungsrat nach Bekanntwerden des 30-Millionen-Defizits öffentlich von einer «ungenügenden Information» des Verwaltungsrats an den Eigentümer und «Aufträgen zur strategischen Ausrichtung» an die Führungsorgane gesprochen.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Kanton in die Geschäfte eingreift. Vor vier Jahren wurde dem Kantonsspital eine Durchleuchtung der Führungsstrukturen durch die HSG St. Gallen verordnet.

6 Wie steht eigentlich das zweite Kantonsspital, das in Baden, finanziell da?

Deutlich besser als das in Aarau. Man erwarte einen Abschluss im Rahmen des Vorjahrs, hiess es aus Baden, als die roten Zahlen in Aarau durchsickerten. Die definitiven Zahlen gibt das Kantonsspital Baden Ende Monat bekannt, aber an der Einschätzung habe sich nichts geändert, so Sprecher Marco Bellafiore.

Baden erzielte 2013 einen Gewinn von rund 24 Millionen, in Aarau war es schon damals mit einer Million nicht viel mehr als eine schwarze Null.

7 Dann macht es die Spitalführung in Baden also besser?

Das lässt sich so einfach nun auch wieder nicht behaupten. Die Voraussetzungen sind nicht die gleichen. Aarau ist deutlich grösser und hat auch ein grösseres Angebot an hoch spezialisierter Medizin, was kostenintensiv ist.

Hinzu kommt auch eine kompliziertere Infrastruktur auf dem weit verzweigten Campus-Areal, was die Optimierung der Effizienz der Betriebsabläufe erheblich erschwert und die Kosten markant verteuert.

8 Wäre ein grosses Kantonsspital nicht ohnehin die bessere Lösung als zwei Standorte?

Könnte man die Spitallandschaft ohne Rücksicht auf historisch gewachsene Strukturen und (regional-)politische Befindlichkeiten neu planen, wäre das sicher eine Option.

Nicht nur Aarau, auch Baden hat einen sehr grossen Investitionsbedarf zur Erneuerung der Infrastruktur. Die Idee, die beiden Spitäler durch neues Zentralspital zu ersetzen, wurde ernsthaft geprüft.

Abgesehen vom wohl unüberwindbaren regionalpolitischen Widerstand stellte sich heraus, dass die Einsparungen gar nicht markant wären. Wohl käme der Neubau eines grossen Spitals etwas billiger als die Sanierungen in Aarau und Baden.

Aber bis zur Inbetriebnahme wären dennoch auch an den alten Standorten erhebliche Investitionen notwendig, die dann für die Katz gewesen wären. Der Regierungsrat verfolgte stattdessen ursprünglich die Strategie, die beiden Kantonsspitäler an den bisherigen Standorten unter der gemeinsamen Führung einer einzigen «Kantonsspital Aargau AG» zu vereinigen. Das Projekt hatte politisch keine Chance.

9 Die Spitalversorgung ist schliesslich eine öffentliche Aufgabe; sollte nicht der Kanton für die Infrastruktur aufkommen?

Das sieht die auf Bundesebene festgelegte neue Spitalfinanzierung nicht vor. Der Aargau war bei der Umsetzung mit der Übertragung auch der Liegenschaften an die verselbstständigten Spitäler ein Musterknabe.

Andere Kantone praktizieren weiterhin versteckte Subventionierungen. Das macht es für die Aargauer Spitäler doppelt schwierig, denn bei der Festlegung der Basistarife (in denen der Investitionsanteil enthalten ist) kommt es auch auf den Kostenvergleich mit Häusern in anderen Kantonen an.

10 Greift der Kantonden Spitälern gar nicht mehr unter die Arme?

Die Spitäler beklagen sich darüber, dass auch die Abgeltung sogenannter gemeinwirtschaftlicher Leistungen heruntergefahren wird. Für die Sanierungsvorhaben stünden zwei Milliarden zur Verfügung, die vom Kanton als Darlehen beansprucht werden könnten. Darauf sind die Spitäler aber gar nicht scharf.

Auf dem freien Markt erhalten sie Geld zu attraktiveren Konditionen. Insbesondere die Rückzahlungsfrist von 12 Jahren wird als viel zu kurz beurteilt.