Die Organisation NCBI Schweiz (das steht für "National Coalition Building Institute", also etwa "Brückenbauer-Institut") führt mit Unterstützung der öffentlichen Hand diverse Integrationskurse durch. Der neuste richtet sich an eritreische und syrische Familien und heisst „Erfolgreiches Familienleben in der Migration“. Die eritreische Jugendpsychiaterin Dr. Fana Asefaw, Ron Halbright vom NCBI Schweiz und der irakische Kulturvermittler Salahaddin Al Beati aus Aarau bilden dazu 15 weibliche und männliche "Brückenbauer" aus, die ihre Landsleute mit Workshops unterstützen sollen.

Herr Halbright, mit den neusten Workshops sollen eritreische und syrische Familien "gestärkt" werden, heisst es in der Medienmitteilung. Durch Rollenspiele sollen "Konfliktthemen wie Geld, Arbeitsaufteilung und Umgang mit Stress geübt werden". Wie unterscheidet sich denn die Art und Weise, wie ein Eritreer mit Stress umgeht, von der eines Schweizers?

Ron Halbright: Der Eritreer hat mehr Stress. Er ist aus einer Diktatur geflüchtet, hat eine Reise durch die Wüste und über das Mittelmeer überlebt und mit angesehen, wie andere dabei gestorben sind. Dann kommt er hierher, ist mit einer neuen Sprache und einer neuen Kultur konfrontiert. Ein Schweizer wird in einer groben Stresssituation normalerweise durch seine Familie und durch Freunde getragen, allenfalls kann er ein Beratungsangebot in Anspruch nehmen. Der Eritreer hat sein Umfeld verloren. Und er weiss meist auch nicht, wo er Hilfe bekommt.

Mit welchen Problemen ist eine Migrantenfamilie sonst noch konfrontiert?

Die Rollen innerhalb der Familien müssen überdacht werden. In Eritrea oder Syrien müssen die Kinder den Eltern fast uneingeschränkt gehorchen und dürfen oft nicht widersprechen, hier in der Schweiz ist das schon lange nicht mehr so. Schwierig wird es, wenn die Kinder hier zur Schule gehen. Sie fangen dann an, Ansprüche zu stellen, wollen wie ihre Kameraden ein iPhone haben. Auch Ferien sind ein Thema – wenn die Lehrerin nach den Ferien verlangt, dass die Kinder ein Bild ihrer Ferienreise malen, können die Flüchtlingskinder nicht mithalten. Das frustriert sie, sie tragen die Ansprüche nach Hause, und das führt zu Konflikten zwischen Kindern und Eltern.

Und die Mutter hat nichts zu sagen.

Es ist tatsächlich so, dass viele Eritreer und Syrer aus einer Welt kommen, wo noch der Mann das Sagen hat. Das wurde in der Schweiz bis in die Siebzigerjahre hinein auch so gelebt. Hier haben wir während 50 Jahren einen Prozess zur Gleichberechtigung durchgemacht, der auch mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden war. Migrantenfamilien müssen diesen Prozess nun innert weniger Monate durchleben.

Wird ihnen in den Kursen einfach mitgeteilt, wies in der Schweiz läuft? Oder versucht man, Veränderungen zu bewirken?

In unseren Workshops erfahren sie direkt, welche Vorteile die Gleichstellung bringt. Ziel ist, dass die Männer erkennen: Ich verliere zwar die Herrschaft über die Familie, gewinne aber mehr, wenn meine Frau eine gleichberechtigte Partnerin wird, Deutsch spricht, Verantwortung mitträgt und auch erwerbstätig sein kann.

Die Familienkurse finden nur in Zürich statt. Warum nicht im Aargau?

Das ist eine Frage der finanziellen Ressourcen. Aber im November gibt es im Aargau andere Kurse: Das Amt für Migration und Integration des Kantons Aargau finanziert in Zusammenarbeit mit den Städten Aarau und Baden Workshops für junge männliche und weibliche Eritreer mit. Diese sind im Alter von 17 bis 25 Jahren und sollen lernen, wie sie sich im Aargau zurechtfinden – und zwar von Landsleuten, die schon mehrere Jahre da sind. Das ist glaubwürdig, motivierend, zudem sind keine Dolmetscher nötig. Eine schnellere Integration zahlt sich mehrfach aus.

Was lernen die Jungen konkret?

Das sind wichtige Themen wie die Lebensorientierung nach der Flucht, Frauen- und Männergesundheit. Auch Umgang mit Regeln, Gesetzen, Rechten und Pflichten. Oder die Berufswahl. In Eritrea kommen die Jungen ins Militär. Dort wird ihnen gesagt, was sie zu arbeiten haben. Kein Berufsberater fragt sie, was sie wollen oder was sie können. Hier in der Schweiz gibt es über 200 Ausbildungsberufe, das überfordert jeden. Selbst die Schweizer Schüler werden auf diese Wahl während mehrerer Schuljahre vorbereitet.

Im Aargau scheint es besonders grosse Probleme mit jungen Asylbewerbern zu geben, die sich betrinken. Wird der Umgang mit Alkohol auch thematisiert?

Ja. Zudem: Den wenigen Jugendlichen, die sich stark betrinken, fehlt oft eine Orientierung, sie können nicht schlafen, sind traumatisiert. Sie trinken Alkohol, um sich zu beruhigen und zu vergessen. Je besser sie integriert sind, desto mehr Alternativen haben sie zu diesem Verhalten.

Weitere Informationen: www.ncbi.ch/eri.info