Kesb
Wie geht es den entführten Kindern von Christian Kast heute?

Christian Kast aus Sisseln entführte seine Kinder aus einer betreuten Wohngruppe. Er wollte sie vor der Kesb «in Sicherheit bringen». Jetzt leben sie auf den Philippinen. Wie geht es ihnen heute?

Mario Fuchs
Merken
Drucken
Teilen
Familie Kast in ihrem Zuhause auf den Philippinen.

Familie Kast in ihrem Zuhause auf den Philippinen.

Screenshots: SRF

Der «Fall Kast». Seit Tagen bewegt er die Schweiz. Oder zumindest die Schweiz, die Zeitungen liest und Fernsehen schaut. Ein Aargauer Vater namens Christian Kast, 48, Kältetechniker, aus Sisseln im Fricktal, und seine Familie wurden zu einem Synonym. Je nach Optik steht ihr Name, ihr «Fall», entweder für die typische Willkür der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) und den lobenswerten Kampf eines Rebellen, der seine Kinder vor dem Staat in Sicherheit bringt. Oder eben als Beweis dafür, dass es die Kesb zwingend braucht und Massnahmen wie die Fremdplatzierung von Töchtern im Extremfall absolut gerechtfertigt sind.

Bis 12 ist die Schule gratis

Sonntagabend, Zürich Oerlikon, Haltestelle Fernsehstudio. Um 19.30 Uhr laufen gerade die letzten Proben für die Premiere von «Arena/Reporter». Danach nehmen sich die Moderatoren Jonas Projer und Christa Rigozzi Zeit für die angereisten Journalisten von az, «Blick» und «WOZ». Projer sagt: «Das Schlimmste, was passieren kann, wäre ein Totalausfall der Technik.» Und Christa Rigozzi fügt an: «Inhaltlich haben wir keine Bedenken. Das ist schliesslich unsere Aufgabe.» Produzentin Franziska Egli führt durch die Regie und die alte «Benissimo»-Telefonzentrale, wo die Zuschaueranrufe entgegengenommen werden. Seit 16 Uhr klingeln die Apparate.

Christian Kast mit Frau und Tochter. Sie und das Mädchen sind inzwischen auf den Philippinen. Foto: HO Christian Kast mit Frau und Tochter. Sie und das Mädchen sind inzwischen auf den Philippinen. Foto: HO

Christian Kast mit Frau und Tochter. Sie und das Mädchen sind inzwischen auf den Philippinen. Foto: HO Christian Kast mit Frau und Tochter. Sie und das Mädchen sind inzwischen auf den Philippinen. Foto: HO

Schweiz am Wochenende

Dok-Autor Simon Christen hatte die Familie in Südostasien besucht. Nebst der grossen Kesb-Diskussion mit Experten und Anrufern im Studio interessiert die Zuschauer im Aargau vor allem eines: Wie geht es den Kindern heute auf den Philippinen? Haben sie es dort besser als in der solothurnischen Wohngruppe, in die sie nach einem rechtskräftigen Entscheid des Familiengerichts Laufenburg fremdplatziert worden waren?

21.40 Uhr, die Sendung beginnt. Die Journalisten richten sich in der Lounge vor grossen Bildschirmen ein. Auch Christa Rigozzis Manager und ein Duo von der SRF-Medienstelle ist da. Rigozzi und Projer begrüssen die Zuschauer souverän. Der Film startet. Die Familie lebt im abgelegenen Küstendorf in der Provinz Leyte. Die Kinder wohnen bei Mutter Margie. Sie seien hier frei, wachsen arm, aber glücklich auf, «so wie es auch bei uns mal gewesen ist». Bis zum Alter von 12 Jahren können die Kinder gratis in die Dorfschule, danach kostet es. Die Kasts können es sich leisten. Ansonsten spielen die Kinder, wie und wo sie wollen; in den Gässlein, auf Blechdächern, am offenen Meer. Ohne Aufsicht. Das sei normal: Die meisten wohnten bei ihren Grosseltern, weil die Eltern in der Hauptstadt arbeiten. Mutter Margie räumt ein, dass Kinder auch vernachlässigt und missbraucht würden. Aber das sei Privatsache. Deshalb gehe es auch niemanden etwas an, wie sie ihre Kinder erziehe.

Kesb um Hilfe gebeten

Pro Monat überweist Christian Kast aus der Schweiz 1000 Franken. Ein kleines Vermögen. Den grossen Teil verwendet er, um ein Haus zu bauen. Hier wolle er künftig seine Winter verbringen. Und die restlichen 9 Monate in der Schweiz Klimaanlagen montieren. Margie sagt: «Mein Traum war es, zu arbeiten, aber dann habe ich ein Baby bekommen.»

Als die Familie gemeinsam in der Schweiz gelebt hatte, war Nachbarn aufgefallen, dass die Kinder oft alleine unterwegs waren. Auch am Rhein. So wurde bei der Kesb eine Gefährdungsmeldung eingereicht. Vater Kast sagt: «Wir hatten vorher schon Probleme gehabt.» Er hätte sich auch gewünscht, dass die Kesb mal auf den Tisch klopfe und seiner Frau sage, wie es in der Schweiz laufe. Er habe deshalb um Hilfe gebeten bei der Familienberatung, aber keine erhalten.

Als die Kesb dann auf Kontrollbesuch kam, lagen die Überreste eines Streits vom Vorabend auf dem Boden: Gegenstände, die die Mutter in der Wut herumgeworfen hatte. «Es het scho schlimm usgseh», gibt Kast zu. Zu Beginn ihrer Beziehung habe er sich sogar einmal aus Angst vor seiner Frau im Keller eingeschlossen. Später war er es, der ihr Angst machte: Er gab ihr eine Ohrfeige. Gegen die Kinder aber habe es nie Gewalt gegeben: «Nie. Niemals. Niemals. Niemals! Aber ganz sicher, gar nie! Das wär das Letzte, was wir gemacht hätten.»

Eine schwierige Frage

Auf den Philippinen will er in Fisch- und Hummerzucht oder in den Tourismus investieren. «Wir haben vielleicht einen oder zwei Touristen hier im Jahr. Das ist ein perfekter Standort. Wir werden die Ersten sein, die investieren.» Wenn es der Wunsch seiner Tochter Alina sei, in die Schweiz zu kommen, könne sie. Aber natürlich erst mit 18, wenn sie «aus diesen ganzen Kesb-Geschichten herausgewachsen» sei. «Irgendwie wäre es mir wohler, sie würde Deutsch lernen. Ich weiss noch nicht ganz, wie ich das bewerkstellige, denn ich bin nur 3 Monate im Jahr hier.

Wenn Alina alt genug ist, alles zu verstehen, wird sie ihren Eltern dankbar sein? Christian Kast sagt, das sei eine schwierige Frage. «Das kann ich jetzt nicht beantworten. Das wird die Zukunft zeigen.»