Uerkheim
Wie eine syrische Familie von Damaskus ins Uerkental flüchtete

Die Gemeinde Uerkheim nimmt mehr Asylbewerber auf, als sie müsste. Eine der Familien im Dorf flüchtete aus Syrien, als das Öl ausging und es weder Wasser noch Licht gab.

Barbara Vogt
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Lama Zyada und Nidal Khalife mit Sohn Christian. Die beiden erwachsenen Söhne wollten nicht mit aufs Bild.

Lama Zyada und Nidal Khalife mit Sohn Christian. Die beiden erwachsenen Söhne wollten nicht mit aufs Bild.

Emanuel Per Freudiger

Als sie zum letzten Mal aus der Wohnung traten und die Türe schlossen, liessen sie ihr Leben hinter sich. Sie brachen auf, nur mit dem Notwendigsten in ihren Koffern. Kleider, Schuhe, Toilettenartikel, Natel. Dinge, die man für den Alltag braucht. Sogar Fotos, die Geschichten über sie erzählen, liessen sie liegen.

Im letzten November flüchtete die Familie Khalife-Zyada, ein Ehepaar und drei Söhne, aus der syrischen Hauptstadt Damaskus in die Schweiz. Sie wohnte in einem Vorort. «Wir wussten nie, ob wir lebend nach Hause kamen», sagt Ehefrau Lama Zyada (45). Es gab Explosionen, Bomben, die auf Häuser fielen, Menschen, die erschossen wurden. Es gab kein Wasser, kein Licht, kein Öl, mangelhaftes Essen.

Weil die Familie Khalife einer christlichen Glaubensgemeinschaft angehört, wurde sie von den Islamisten ausgegrenzt, gar angespuckt. Schliesslich fiel es den Betroffenen leicht, ihre Heimat zu verlassen. «Wir wollten nur noch eines: Unsere drei Söhne in Sicherheit bringen», sagt Lama Zyada.

Auf Einladung des Bruders

Mit dem Auto reiste die Familie in den Libanon aus. An der Grenze wies die Ehefrau eine Einladung ihres Bruders vor, der seit längerem in der Schweiz wohnt und sie alle zu einem Besuch eingeladen hatte. So konnten die Syrier ihr Heimatland unbehelligt verlassen.

Niemand an der Grenze fragte, ob sie wiederkehren würden. Niemand von der Familie wusste, dass sie in der Schweiz mehrere Aufnahmezentren durchlaufen würden. Was sie wussten: Gottes Gnade würde sie an einen sicheren Ort führen.

Jetzt sind sie in der Wohnung im Uerkental. Die Gemeinde hat sie an den Kantonalen Sozialdienst zur Unterbringung von Asylbewerbern vermietet. «Wir haben genügend Wohnungen», sagt Gemeindeammann Markus Gabriel. «Die Asylbewerber, die wir bis jetzt hatten, fielen nie auf.» Auch aus der Bevölkerung habe sich niemand über sie beklagt.

Man nehme die Asylbewerber nicht des Geldes wegen, sagt Gabriel, für die Gemeinde sei es ein Nullsummenspiel. «Aber wir wollen mithelfen, das Problem menschenwürdig zu lösen. Die grossen Zentren sind schlimm für Flüchtlinge.» Trotz alledem wünscht sich Markus Gabriel «z Bärn obe» eine strengere Asylpolitik, damit der Druck auf die Kantone und die Gemeinden verringert würde.

Christliche Flüchtlinge bevorzugt

Die Gemeinde achte darauf, Familien mit christlichem Hintergrund aufzunehmen. Ihnen fiele es leichter, sich zu integrieren, sagt Gabriel. Uerkheim sei ein kleiner Ort, da hätten Familien die Möglichkeit, sich gut einzuleben. Es sei ihnen überlassen, wie sehr sie sich integrieren wollten. «Möchten sie zum Beispiel in den Turnverein gehen, sind sie willkommen.»

Ein Jahr nach ihrer Flucht, sitzt die syrische Familie in ihrer Stube. Seit ein paar Monaten lebt sie in der Wohnung, die auf die Hauptstrasse führt und gegenüber einer Autogarage liegt. «Das Dorf gefällt uns, weil es so ruhig und friedlich ist», sagt Ehefrau Lama Zyada. Nur der 1. August habe sie erschreckt, als sie die Feuerwerke knallen hörte. «Es war wie im Krieg.»

Annette Hunziker, Betreuerin beim Kantonalen Sozialdienst, sitzt ebenfalls bei der Familie. Sie erlebt die syrische Familie als sehr kultiviert und sagt: «Selten bin ich einer solch herzlichen Familie begegnet.»

Grosses Heimweh

Lama Zyada trägt ihre blonden Haare offen und ihr Hals ziert eine Kette mit einem Herzen. An ihrem Handgelenk hängt ein Loomi-Armbändchen. «Ein Geschenk von meinem jüngsten Sohn», sagt sie und legt einen Arm um den siebenjährigen Christian.

Er besucht bereits die zweite Klasse in Uerkheim. Da fühlt er sich wohl: Mit den Schülern spiele er Fangen, die Sprache bereite ihm keine Mühe. «Grüezi wie ghots», sagt er leise, doch seine Augen schauen traurig. Ob er seine Heimat vermisse? «Sehr.» Irgendwann möchte er zurückgehen. Und irgendwann, wenn er gross ist, möchte er Erfinder werden.

In Syrien hatte die Familie Khalife-Zyada ein schönes Leben. Ehemann Nidal (58) war Elektroingenieur, seine Frau Englischlehrerin. Ruhig, beinahe würdevoll, sitzt Nidal Khalife in der grossen Polstergruppe, die bereits in der Wohnung stand, als sie angekommen waren. Die kleine Wohnung biete der Familie genügend Platz, sagt er. «Als wir kamen, war alles schon eingerichtet. Wir haben sogar einen Fernseher.»

Sein grosser Wunsch ist es, bald Deutsch zu lernen, um Arbeit zu finden, und um sich mit anderen Menschen unterhalten zu können. Nichts zu tun, falle ihm schwer. Wohl seien die Leute in Uerkheim freundlich zu ihm, trotzdem fühle er sich isoliert. Regelmässig besuchen er und seine Familie eine Glaubensgemeinschaft, in die auch andere Syrer hingehen.

Bruder besucht die Kantonsschule

Im Schlafzimmer von Sohn Amir (20) liegen neben dem sorgfältig gemachten Bett auf dem Nachtisch zwei Bibeln: eine auf arabisch, eine auf englisch. Der Glaube gebe ihm Halt, sagt der ernste junge Mann. So glaubt er daran, einmal ein gutes Leben zu führen, wo immer dies ist.

Sein Bruder, der 17-jährige Antonio, besucht die Kantonsschule in Zofingen. Ihm fällt es leicht, Freunde zu finden, obwohl er noch Mühe mit der Sprache hat. «Ich bin stets freundlich, die Schweizer kommen automatisch auf mich zu.» Vielleicht auch wegen seiner Stärke, anderen zuhören zu können, wenn sie ihm von seinen Sorgen erzählten. «Vielleicht werde ich Psychologe», sagt er.

Die Zukunft der Familie Khalife liegt im Ungewissen. Mutlos macht sie das nicht. Im Gegenteil: Sie sind dankbar, in Uerkheim ein sicheres Heim gefunden zu haben. «Skypen wir mit unseren Freunden in Syrien, hören wir schreckliche Dinge», sagt das Ehepaar Khalife. Ob ihre Möbel und Lieblingsstücke in ihrer alten Wohnung in Damaskus bis jetzt unversehrt geblieben sind, weiss es nicht. Das sei auch nicht wichtig. «Das sind bloss materielle Dinge. Wichtig ist, dass unsere Familie noch lebt.»

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