Reportage
Wie eine Aargauerin als Flight Attendant ihren Traumjob fand

Rahel Stäuble ist «Chef de Cabine» bei Edelweiss. Es ist ihr Traumberuf. Die AZ begleitete die Aargauerin auf einem Flug nach Skopje. Und zurück.

Nora Güdemann
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Flight Attendant
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Die Edelweiss-Crew bespricht sich vor dem Flug Operation Center 1 am Flughafen Zürich in Kloten.
Der Airbus A320 mit 174 Plätzen bringt Crew und Passagiere in rund 1:40 Stunden von Zürich nach Skopje.
Nach der Besprechung im Operation Center geht die Crew an Bord des Airbus A320.
Zum Job von Rahel Stäuble gehören auch Durchsagen an die Passagiere während des Fluges.
Der Airbus hat am Skopje Airport angedockt. Auf dem Hinflug kamen 107 Passagiere mit, auf dem Rückflug war die Maschine ausgebucht.
Vor dem Boarding für den Rückflug von Skopje nach Zürich bleibt kurz Zeit für eine Pause.
Rahel Stäuble bei den Vorbereitungen für den Bordservice. Für die Piloten gibt es vorab einen Kaffee.
Am Ende des Fluges verteilt Rahel Stäuble Kägi fret an die Passagiere.

Flight Attendant

Chris Iseli

Kurz nach 5.00 Uhr. Über dem Flughafen Zürich geht langsam die Sonne auf. Es wird ein schöner Tag, keine Wolke ist am Himmel. Während sich vereinzelte Reisende gähnend auf die Suche nach Kaffee machen, sind im Operation Center 1 die ersten Piloten und Crew-Mitglieder beim Briefing. Darunter auch Rahel Stäuble. Sie sieht wach aus, trägt roten Lippenstift, rote Jacke und Foulard mit Edelweiss-Emblemen, einen dunkelblauen Rock, schwarze Strümpfe und hohe Schuhe. Ein bisschen müde sei sie aber schon, sagt sie. Den Wecker auf 3 Uhr morgens zu stellen, sei nicht ihr Ding. Zusammen mit drei anderen Flugbegleitern bespricht sie den Kurzstrecken-Flug nach Skopje, die Hauptstadt Mazedoniens.

Dann treffen die Piloten Christian Lyrenmann und Henrik Meyer ein. «Willkommen zum Skopje-Flug», begrüsst Pilot Lyrenmann die Crew. «Die Flugzeit beträgt rund 1 Stunde, 40 Minuten, das Wetter in Skopje ist gut, momentan mit 11 Grad. Je nachdem, welche Piste wir kriegen, heben wir früher ab. Sonst müssen wir warten.» Rahel nickt. Sie trägt die Funktion «Chef de Cabine» und damit die Verantwortung über die Kabinenbesatzung. Auch die anderen drei Flight Attendants haben spezielle Aufgaben, die beim Briefing verteilt werden. Jemand kümmert sich um die Business-Passagiere, jemand um Babys und Kinder an Bord sowie um den Dutyfree-Verkauf. Der «Galley Tiger» koordiniert den Serviceablauf und die Bordküche der Economy-Class.

Nach knapp zehn Minuten ist die Sitzung beendet, die Crew nimmt ihre Koffer, ab durch den Sicherheitscheck und rein in den Shuttle-Bus zum Flieger. Die Crew macht den Eindruck, als kenne sie sich schon lange. Im Bus wird geplaudert, gewitzelt, alle sind per Du.

Arbeitet ihr häufig zusammen?

Rahel: Nein, bis auf die beiden Piloten kenne ich keinen der Crew wirklich gut. Die Stimmung bei uns ist aber immer sehr familiär.

Ist es nicht mühsam, in einem ständig anderen Team zu arbeiten?

Manchmal ist es schon schade, wenn man sich mit jemandem gut versteht und sich dann zwei Jahre nicht mehr sieht, weil die Dienstpläne nicht übereinstimmen. Aber dass die Teams dauernd wechseln, hat einen guten Grund.

Welchen?

So entsteht keine Routine. Denn durch Routine sinkt das Bewusstsein für mögliche Gefahren. Bei wechselnden Crews ist man viel aufmerksamer.

Das Flugzeug, das Crew und Passagiere nach Skopje bringen wird, ist ein Airbus A320 mit 174 Plätzen. «Auf dem Hinflug werden wir nur 107 Passagiere an Bord haben, davon 4 Kleinkinder», informiert Rahel. In der Hand hält sie eine lange Liste mit den Namen aller Passagiere, ein Klemmbrett und ein iPad. Darauf gespeichert sind unter anderem alle Durchsagen, die sie später im Flugzeug machen wird. Rahel kennt die wichtigsten auswendig.

Ihre Kollegen checken das Equipment, öffnen die Gepäckablagen. Ein Mann mit Leuchtweste kommt in die Kabine, liefert einen Korb mit typischen Flugzeug-Sandwiches. «Wir sind bald fürs Boarding fertig», sagt Rahel und verstaut die Brote in einer der viereckigen Schubladen der Bordküche. Pilot Lyrenmann pflichtet ihr bei. Da heute nur wenige Passagiere an Bord seien, könne er beim Flug etwas «Speed ineloh» – also schneller fliegen.

Nachdem «Boarding completed» durch die Lautsprecher tönt, beginnt das bekannte Sicherheitscheck-Prozedere, die Flugbegleiter instruieren die Passagiere mit den Anweisungen für den Notfall. Dann startet die Maschine. Über dem Bodensee beginnen die Vorbereitungen für den Bordservice, aber zuerst gibts Kaffee für die Piloten. Ausserdem hat die Crew eine eigene Lunch-Box an Bord, aus der sich ebenfalls zuerst die Piloten bedienen können. Danach geht Rahel mit ihrer Kollegin und dem klassischen Servicewagen durch den Gang, schenkt Getränke aus. Später gibts Kägi fret für die Passagiere. Danach hat die Flugbegleiterin kurz Zeit, zu plaudern.

Warum hast du dich dazu entschieden, Flight-Attendant zu werden?

Ich habe eine Lehre als Restaurationsfachfrau gemacht und danach Erfahrungen in verschiedenen Restaurants und Hotels gesammelt. Den Traum, Flugbegleiterin zu werden, hatte ich schon immer. Ich reise sehr gerne. Und seit ich als Kind das erste Mal eine Flugbegleiterin gesehen habe, wollte ich das unbedingt auch werden.

Wie wurdest du zur «Chef de Cabine»?

Zuerst absolvierte ich eine einmonatige Grundausbildung. Dann habe ich drei Jahre als Crewmitglied gearbeitet. Nächster Schritt ist, selbst Einführungen für neue Flight Attendants zu geben. Durch eine interne Bewerbung, mehrere Weiterbildungen und die wachsende Erfahrung wurde ich zum Senior-Crewmitglied.

Welche Eigenschaften muss man als Flight Attendant haben?

Man muss belastbar und flexibel sein. Natürlich sollte man auch Freude an verschiedenen Kulturen haben, weltoffen und kommunikativ sein.

Inwiefern unterscheiden sich Flugbegleiter von normalem Servicepersonal?

Der Hauptunterschied ist, dass ein Flugbegleiter für die Sicherheit der Gäste verantwortlich ist. Und natürlich ist der Platz für den Service viel eingeschränkter als in einem Restaurant.

Im Flugzeug nach Skopje sitzen hauptsächlich Personen, die dort ihre Familien besuchen. «Ich mache die Strecke alle vier Wochen», sagt ein Mann. Die Stimmung so früh am Morgen ist sehr ruhig, die meisten Passagiere schlafen. Eine Frau läuft mit bleichem Gesicht in Richtung Toilette – Flugangst. «Wir haben viele Medikamente an Bord», sagt Rahel. «Gröbere medizinische Notfälle gibt es ab und zu. Wir sind aber gut geschult, können in unseren Unterlagen vieles nachlesen oder jederzeit Rat bei Medair via Funk einholen.»

Hast du schon Situationen auf einem Flug erlebt, bei denen du Angst hattest?

Nein. Ich weiss, wie die Flugzeuge konstruiert sind und dass alle nach den vorgegebenen Standards geprüft werden. Ausserdem absolvieren wir ja ständig Weiterbildungen und wissen daher, was zu tun ist.

Du hast also keine Angst. Aber was tust du, wenn sich die Passagiere fürchten? Zum Beispiel bei starken Turbulenzen?

In einer solchen Situation ist es sehr wichtig, dass ich die Passagiere beruhige und Verständnis für ihre Bedürfnisse zeige. Ich erkläre, was momentan passiert und warum es passiert. Denn wenn die Passagiere die Hintergründe kennen, geht meist auch das Angstgefühl zurück.

Und wenn sich die Passagiere daneben benehmen? Zum Beispiel Sex auf der Flugzeugtoilette...

(Lacht) So etwas habe ich noch nie erlebt. Es kommt aber vor, dass Leute versuchen, auf der Toilette zu rauchen – das ist aus Sicherheitsgründen verboten. Edelweiss fliegt die Leute in die Ferien, die Passagiere sind meist entspannt und kooperativ. Zudem ist Alkohol für die Economy-Class kostenpflichtig. Das träg auch dazu bei, dass sich nur wenige daneben benehmen.

Ist es nicht anstrengend, ständig zu lachen?

Nein.

Das kauft man ihr ab, denn Rahel lacht nicht nur, wenn sie bei den Passagieren ist. Sie lacht ein Lachen, umrahmt von rotem Lippenstift – eine Vorschrift der Edelweiss. Vorschrift, genauso wie die hohen Schuhe, welche die Flugbegleiterin inzwischen gegen solche mit tiefem Absatz gewechselt hat. «Aus Sicherheitsgründen. Die hohen Schuhe sind nur dafür da, am Flughafen schön zu stolzieren und einen guten Eindruck zu machen.» Sie sagt, dass ihr die Uniform gut gefalle, sie schön aussehe: «Ausserdem ist sie neu. Wenn ich mit der alten Uniform im Zug sass, wurde ich ab und an mit einer Billettkontrolleurin verwechselt.»

Wegen des guten Wetters oder Pilot Lyrenmanns «Speed» landet der Flieger etwas zu früh am Flughafen in Skopje. Nachdem die Passagiere ausgestiegen sind, betritt eine Reinigungs-Equipe die Kabine. Boden und Sitze werden gesaugt, Müll aufgesammelt. Und die Crew hat Zeit, kurz die mazedonische Sonne zu geniessen. «Das liebe ich an meinem Beruf. Wenn es in der Schweiz kalt und regnerisch ist, steige ich ins Flugzeug und fliege meist dahin, wo die Sonne scheint», sagt Rahel. Aber sie hat nicht nach jeder Landung Zeit zum Sonne-Tanken. «Das jetzt ist eine Ausnahme, weil wir zu früh da waren.»

Was fliegst du lieber, Kurz- oder Langstrecke?

Eindeutig Langstrecke! Je nach Destination bleiben wir vier bis fünf Tage dort und ich habe Zeit, die Gegend zu erkunden. Wenn man schon länger dabei ist, kann man sich auch Destinationen wünschen. Ausserdem sind die Flugzeuge grösser, wir haben mehr Personal an Bord, können uns intensiver um die Passagiere kümmern und mehr Service anbieten.

Was stört dich an der Kurzstrecke?

Es ist schon manchmal stressig, vor allem wenn wir vier Starts und vier Landungen pro Tag haben. Das kommt aber nicht oft vor. Und nach manchen Tagen weiss ich gar nicht mehr, wo ich überhaupt war. Man fliegt, kümmert sich um die Passagiere, aber die Destination spielt keine grosse Rolle mehr.

4126 Flugstunden – du bist viel unterwegs. Wie bringst du Privatleben und Arbeit unter einen Hut?

Im Privatleben muss man manchmal auf Dinge verzichten. Ich kann nicht immer überall dabei sein. Ausserdem erfordert mein Job Spontanität und Verständnis von Familie und Freunden sowie eine gute Vorausplanung. Aber ganz ehrlich – wer hat nicht schon mal davon geträumt, beispielsweise dem ganzen Weihnachtsstress zu entfliehen und die Geschenke unter einer Palme auf den Malediven auszupacken?

Wie kommt dein Partner mit deinem Beruf klar?

Er freut sich, mich gelegentlich auf den Flügen zu begleiten.

Beim Rückflug von Skopje nach Zürich ist das Flugzeug voll – Rahel und die Crew haben mehr zu tun. In der Pause gibt es für sie Instant-Kaffee und die Flugzeug-Sandwiches, die auch die Passagiere bekommen haben. «Wir peppen sie aber noch auf», sagt Rahel, schmiert Tomatensauce auf den Käse und legt das Brot zum Aufwärmen in den Ofen. Sie isst im Stehen.

Ist dein Beruf ein Traumberuf?

Für mich auf jeden Fall. Ich kann mir nichts anderes vorstellen. Mir gefallen die Gastgeberrolle und die Erlebnisse mit den Passagieren. Ein Mädchen hat mal ein Bild von mir gemalt und dazu geschrieben: «You are so beautiful».

Nach etwas mehr als einer Stunde Flugzeit beginnt der Landeanflug auf Zürich. Es ist kurz nach 12 Uhr. Die Crew hat danach Feierabend, der Flieger geht weiter nach Mallorca. Nach der Landung klatschen ein paar einzelne Passagiere.

Wie findet ihr Applaus? Soll man überhaupt noch klatschen?

Wir freuen uns immer, wenn applaudiert wird. Das heisst ja, dass die Passagiere mit uns und den Piloten zufrieden waren. Ich würde es schade finden, wenn das niemand mehr macht.

Rahel und Pilot Lyrenmann stehen vor der Gangway und verabschieden die aussteigenden Passagiere, einige sagen Merci für den guten Flug. Rahel: «Auf den Skopje- und Pristinaflügen bedanken sich viele mit 'Danke Captain, besch guet gfahre!'»

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