Brittnau

Wie eine Aargauer Bio-Bauernfamilie die Türkei «konkurrenziert»

Familie Schär kultiviert seit 2013 Haselnussbäumchen und stösst mit ihren Nüssen auf eine grosse Nachfrage.

An der türkischen Schwarzmeerküste werden 76 Prozent der Haselnuss-Welternte produziert. So stammen die meisten in der Schweiz verkauften Haselnüsse aus dem Land am Bosporus. Obwohl dem Hasel unser Klima gut bekommt, bauen nur ganz wenige Landwirte die Schalenfrucht an. Eine dieser Ausnahmen bildet die Familie Schär aus Brittnau, deren Hof der Landwirtschaftliche Informationsdienst (LID) als Beispiel für eine gelungene Diversifikation nennt.

Wie kam es dazu? Sohn Matthias befand sich 2012 nach einer Lehre als Baumaschinenmechaniker in einer Zweitausbildung zum Landwirt, als ihm die Idee mit den Haselnüssen kam. «Ich ass ein Haselnussjoghurt und las in der Deklaration, dass die Haselnüsse importiert sind.» Wenig später sah Schär eine Fernsehdokumentation über Kinderarbeit in türkischen Haselnussanlagen. Seine Reaktion: Ob er auf dem Hof Haselnussbäume pflanzen dürfe, fragte er seine Eltern. Die hatten nichts dagegen.

Ohne Fachwissen geht allerdings wenig, wie der LID zum Projekt von Matthias Schär schreibt. Entsprechende Unterstützung gab es durch den Haselnuss-Spezialisten Andreas Gauch aus Niederwil im Freiamt, der auch als «Crack» in Sachen einheimischer Esskastanien gilt. Sträucher, wie wir sie aus der freien Natur kennen, eignen sich für Kulturen nur bedingt. Angepflanzt wurden in Brittnau veredelte Bäume, deren Stamm sich erst in der Höhe verzweigt und die Früchte dort bildet. Das erleichtert die Arbeit.

«Rossbolle»-Sauger als Erntehelfer

Für die Ernte sind die Schärs gut ausgerüstet. Sobald die Nüsse reifen, werden Netze zwischen die Baumreihen gespannt. Diese fangen die Nüsse auf. Anschliessend kommt ein Sauger zum Einsatz, der eigentlich für das Einsammeln von «Rossbolle» gedacht ist und nun Nüsse aufnimmt. «Die Ernte ist nicht sehr arbeitsintensiv, einzig für das Spannen der Netze benötige ich möglichst viele Helfer», sagt Matthias Schär.

Danach geht es ans Trocknen der Nüsse. Dies geschah dieses Jahr noch mit einem Heizgerät, wie man es auf Baustellen antrifft. «Eine Trocknungsanlage lohnt sich erst, wenn wir mehr ernten können», sagt Schär. Erst im zehnten Anbaujahr liefern die Bäume den vollen Ertrag. Letztes Jahr waren es 500 Kilo, dieses Jahr bereits das Doppelte. Und apropos die Türkei konkurrenzieren: Matthias Schär rechnet in naher Zukunft mit einem Ertrag von drei Tonnen – die Türkei exportiert 183 000 Tonnen.

Maschine in der «Tierwelt» gefunden

Zurück zur Nussernte. Verkauft wird die in geknackter respektive geschälter Form. Zum Einsatz kommt eine Occasionsmaschine aus Frankreich, welche in einer Rubrik der «Tierwelt» gefunden wurde. Die Nüsse werden der Maschine «gefüttert» und diese spuckt sie ohne Schale wieder aus. «Um die Maschine auszulasten, können andere Produzenten ihre Nüsse vorbeibringen und wir knacken diese für sie», sagt Schär. Der grösste Anteil der Haselnüsse wird an den Onlineshop «Biofarm» geliefert, der die Schweizer Bio-Haselnüsse in 100-Gramm-Beuteln anbietet – zu einem Kilopreis von 76 Franken. Vergleicht man diesen mit jenem für türkische Haselnüsse im Coop (19.80 Franken das Kilo), ein stolzer, aber für das Schweizer Bio-Produkt ein berechtigter Preis. Dies bestätigt eine grosse Nachfrage für Schärs Haselnüsse – die Ernten sind jeweils rasch ausverkauft.

Im nun nahenden Winter schneidet Schär die Bäume und während des Sommers muss das Gras zwischen den Baumreihen gemäht werden. Könnten nicht Schärs Schafe diese Arbeit übernehmen? Leider nein, sagt der Biolandwirt. Schafe fressen nicht nur das Gras – sie tun sich an den Haselsträuchern gütlich. Wer aber zum Einsatz kommt, sind Hühner, die in einem fahrbaren Stall untergebracht sind. Sie sollen die Larven des Haselnussbohrers bekämpfen – Spritzmittel entsprechen nicht der Philosophie des Schär-Hofs mit seinem gut frequentierten Bioladen.

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