Rheinfelden
Wie ein Beziehungsstreit in Südfrankreich bis vor das Rheinfelder Bezirksgericht führen kann

Im Ferienhaus bei Saint-Tropez wollten Karin und Roger über ihre Beziehung sprechen. Mit dem Geschäftsauto und einem E-Bike im Gepäck fuhr das Paar nach Südfrankreich. Dort kam es zur Eskalation. Roger fuhr mit dem E-Bike nach Hause. Schliesslich trafen sie sich wieder vor Gericht.

Mario Fuchs
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«Mit so etwas hatte ich in keiner Art und Weise gerechnet»: Roger fuhr mit dem E-Bike in die Schweiz zurück.Keystone

«Mit so etwas hatte ich in keiner Art und Weise gerechnet»: Roger fuhr mit dem E-Bike in die Schweiz zurück.Keystone

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Ein Ferienhaus in der Nähe von Saint-Tropez, mitten in der Natur: Hier wollten Karin und Roger (Namen geändert) im Juni 2014 ihre Beziehung wieder einrenken. Zusammen, getrennt, zusammen, getrennt – on und off. So ging das seit Jahren.

Eigentlich waren die zwei gerade «off», Karin (52) hatte das Haus für sich alleine gebucht. Aber als Roger (47) vorschlug, sie solle ihn doch mitnehmen, dann könnten sie endlich in Ruhe über alles reden, wollte sie ihm diese Chance geben.

Mit Rogers Geschäftsauto und einem E-Bike im Gepäck fuhr das Paar nach Südfrankreich. Nach der Ankunft redeten sie zwar, aber dann kam es «vermehrt zu Streitigkeiten».

So steht es im Strafbefehl, den die Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg gegen Karin ausgestellt hat. Der Vorwurf: Nötigung, 8000 Franken bedingte Geldstrafe, 2000 Franken Busse.

Der Streit im Ferienhaus eskalierte. Je nach Version war daran die eine oder die andere Person schuld.

Karin sagt, Roger habe sich wieder einmal bedrängt gefühlt und sie deshalb weggestossen, die Treppe hinunter.

Deshalb habe sie sich wehren wollen und sich in der Küche mit der Bratengabel bewaffnet.

Roger, in Rheinfelden als Zeuge geladen, sagt, er habe Karin nicht gestossen. Er habe gemerkt, dass die Diskussion sehr emotional werde, und «deshalb entschieden, aus der Situation herauszugehen». Dann sei Karin plötzlich mit der Bratengabel vor ihm gestanden.

Roger wollte weg, packte seine Sachen. Karin hatte nichts dagegen: Sie war von Anfang nicht ganz sicher gewesen, ob das mit den gemeinsamen Ferien wirklich eine gute Idee war.

Aber als sie bemerkte, dass Roger sein Auto bepackt, sagte sie zu ihm: «Du kannst machen, was du willst, aber das Auto bleibt hier.»

Sie habe einfach nicht ohne ein Auto in der Abgeschiedenheit bleiben wollen. Sie forderte von ihm, den Autoschlüssel herauszugeben. Und hatte dabei immer noch die Bratengabel in der Hand. Drohte, die Pneus zu zerstechen, falls er abführe.

«Ich habe nur auf die Reifen geschaut. Ich wäre nie auf ihn losgegangen. Ich habe diesen Menschen trotz allem geliebt!», sagt Karin vor dem Gericht.

Sie wisse nicht einmal, ob sie wirklich die Kraft dazu gehabt hätte, die Reifen zu zerstechen. Und Roger erinnert sich: «Mit so etwas hatte ich in keiner Art und Weise gerechnet. Ich gab ihr natürlich den Schlüssel heraus.»

Roger entscheidet sich für ein anderes Verkehrsmittel: Mit dem E-Bike und mit dem Zug fährt er via Italien bis in die Schweiz zurück.

Hier meldet er sich auf dem Polizeiposten, weil er sich Sorgen um sein Geschäftsauto macht: Denn Karin hat gar keinen Führerausweis.

Die Polizei fragte Roger, warum er denn sein Auto dagelassen habe? Er antwortete, weil seine Freundin den Schlüssel habe.

Warum denn seine Freundin den Schlüssel habe? Weil sie mit einer Bratengabel vor ihm gestanden sei.

Die Polizei nahm das als Nötigung auf. Und weil Nötigung ein Delikt ist, das von Amtes wegen verfolgt werden muss, sitzen Roger und Karin jetzt wegen eines Streits in Südfrankreich in Rheinfelden vor Gericht.

«Das habe ich nie gewollt!», beteuert Roger. «Mein einziges Anliegen war, mein Auto wieder zurückzuerhalten.»

Das habe er auf dem Posten auch so gesagt. Das sei alles ein riesiges Missverständnis. «Ich will nicht, das Karin verurteilt wird!»

Und Karin, verwundert und verärgert, sagt: «Ich verstehe wirklich auch nicht, warum das so aufgebauscht wurde.»

Ihr Verteidiger fordert einen Freispruch. Der Vorfall sei «Ausdruck einer Verzweiflung» gewesen. Man befinde sich hier in einer Verhandlung, die offensichtlich niemand gewollt habe.

Gerichtspräsidentin Regula Lützelschwab sieht das auch so, entscheidet auf Freispruch und nimmt die Parteikosten auf die Staatskasse.

Rogers Gang zur Polizei sei «wahrscheinlich eine etwas unglückliche Wahl gewesen».

Sein Auto im Übrigen hat er unversehrt zurückerhalten: Ein Bekannte fuhr es für Karin zurück in die Schweiz.

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