Prozess

Wie ein Autonarr Aargauer Garagisten reinlegte und über 10 Autos ergaunerte

Ein 50-jähriger Deutscher, der seit Jahren in der Schweiz lebt, hat Autohändler um Autohändler betrogen. (Symbolbild)

Ein 50-jähriger Deutscher, der seit Jahren in der Schweiz lebt, hat Autohändler um Autohändler betrogen. (Symbolbild)

Ein 50-jähriger Deutscher, der seit Jahren in der Schweiz lebt, hat Autohändler um Autohändler betrogen. Und das nur dank «überzeugtem Auftreten» und etwas Geschick am Computer. Jetzt muss er für vier Jahre ins Gefängnis.

Holger, aufrechte Haltung, Füsse und Hände verschränkt, ist bei der Sache. Er hört gut zu, antwortet rasch, aber leise, so dass man ihn fast nicht hört. So, als würde er eigentlich schon gern die Wahrheit erzählen, aber als sei es ihm nicht wohl, dass so viele Leute zuhören wollen.

Hinter ihm sitzen zwei Zivilkläger – zwei von zahlreichen Garagisten, die er betrogen hat. Seine neue Partnerin, die er heiraten will, wenn’s sein muss auch im Gefängnis, und deren Kinder. Ein Polizist, der ihn bewacht, eine Juristin in Ausbildung, ein Reporter. Vor ihm: Das Gesamtgericht Kulm unter Gerichtspräsident Müller.

Holger, Al-Pacino-Gedenkjacke, blaue Jeans, Föhnfrisur, wollte sich ein Leben leisten, das er sich nicht leisten konnte. Die Vorwürfe gegen den 50-Jährigen sind happig: gewerbsmässiger Betrug, mehrfache Urkundenfälschung, mehrfacher betrügerischer Missbrauch einer Datenverarbeitungsanlage.

Er sagt, als ahne er das Urteil bereits: «Wenn ich wieder draussen bin, will ich aufräumen mit dem Scheiss, den ich gemacht habe. Alles zurückzahlen.» Sein Verteidiger fragt: «Und was, wenn Ihnen das nicht gelingen sollte?» Holger: «Warum sollte mir das nicht gelingen?»

17-mal betrogen – dank «überzeugtem Auftreten»

Punkt für Punkt geht der Richter die Anklageschrift durch – es sind 17 Straftatendossiers. 17-mal gewann Holger das Vertrauen von jemandem, 17-mal missbrauchte er es. Holger, der mehrfach betrieben wurde, chronisch verschuldet und immer wieder arbeitslos ist, betrügt erstmals im Januar 2012.

In einer renommierten Aarauer Autogarage schliesst er einen Leasingvertrag für einen VW Sharan ab – auf den Namen seines Arbeitgebers. Die Leasingfirma verlangt jedoch eine Bestätigung von Holgers Zeichnungsberechtigung. Statt seinen Arbeitgeber zu fragen, schreibt Holger auf das Bestätigungblatt die Namen des Technischen Leiters und der Personalleiterin, und unterschreibt gleich für beide selbst.

Der Leasingvertrag kommt zustande, wird aber bald wieder vorzeitig aufgelöst, weil niemand die Rechnungen bezahlt. Dann wird es Sommer, und Holger will wieder ein Auto. Bei einer Garage in Frick unterschreibt er den Kaufvertrag für einen Mercedes-Bus, Viano CDI, 48‘500 Franken.

Zwei Wochen später unterschreibt er auch gleich noch für einen Mercedes-Van, B200, 35‘900 Franken. In der Anklageschrift heisst es: Holger «täuschte mit überzeugtem Auftreten dem Verkäufer seine Zahlungsfähigkeit und seinen Zahlungswillen vor und erhielt die Fahrzeuge wenige Tage später ausgehändigt».

Per Mail schickt er der Garage einen eigenhändig erstellten Beleg der Neuen Aargauer Bank über zwei provisorische Zahlungen. Dafür, dass die Buchungen nur provisorisch sind, hat er eine Begründung parat: Er erwarte gerade den Eingang von 89‘000 Franken aus einem Aktienverkauf. Mehrere Tage gelingt es ihm, die Garage mit falschen Angaben hinzuhalten – bis die beiden Mercedes schliesslich vom Betreibungsamt Kulm konfisziert werden.

Holger unterschreibt mit «Rosmarie Frischknecht»

Doch Holger gibt nicht auf. Im Herbst 2012 ist er drei Monate mit der Wohnungsmiete im Rückstand. Um dem Vermieter zu zeigen, dass er die Ausstände bezahlt habe und so die fristlose Kündigung zu verhindern, fälscht er eine Belastungsanzeige der NAB.

Er schreibt von einer echten Belastungsanzeige ab, kopiert das Bank-Logo aus dem Internet, fügt den Betrag von 6580 Franken ein, unterschreibt mit «Rosmarie Frischknecht». «Ich wollte damit einfach Zeit gewinnen», sagt Holger, «die Mieten habe ich letztlich bezahlt.»

«Das Lehrgeld darf durchaus hoch sein, aber ich glaube, wir dürfen ihm glauben, dass er es jetzt wirklich hoffentlich endlich begriffen hat.» Verteidiger

Auch Leasingfirmen, bei denen er oder seine Ex-Partnerin mal einen Citroën, mal einen Mercedes geleast haben, hält Holger mit gefälschten Belastungsanzeigen hin. Immer wieder äussert er bei Garagisten Kaufabsichten, immer wieder werden ihm teure Wagen überlassen, immer wieder zahlt er nichts.

Einen Autohändler im Freiburgischen lädt er zum Fussballspiel Basel-Real Madrid ein – er sei am Bau des St.-Jakob-Parks beteiligt gewesen. Das stimmt zwar, Tickets hat Holger dennoch keine. Doch sein Versprechen wirkt: Am Tag darauf besucht Holger den Händler in dessen Garage, zeigt grosses Interesse an einem Jeep Grand Cherokee, kommt nochmals einen Tag später wieder, macht eine Probefahrt, bestätigt den Kauf mit Handschlag.

Weil es bis zur Lieferung des Neuwagens noch etwas dauert, erhält Holger einen Alfa Romeo als Leihwagen. Der Garagist bedankt sich mit einem 100-Franken-Gutschein für einen Landgasthof in der Nähe, noch am Tag der Fahrzeugübernahme löst das Paar ihn ein.

Doch die 96‘600 Franken für den Kaufpreis werden auch diesmal wieder nur auf dem Papier überwiesen. Der Garagist wird misstrauisch, wird vom Bruder von Holgers Partnerin über die betrügerischen Machenschaften informiert, holt sich das Auto sofort zurück.

Verteidiger: «Das Lehrgeld darf durchaus hoch sein»

Holger gibt dem Bezirksgericht ruhig Auskunft, sagt aber nur das Nötigste: «Das ist richtig, ja», ist einer seiner längsten Sätze. Meistens sagt er nur «korrekt» oder einfach «Ja».

Für die Staatsanwältin ist der Fall klar: Holger sei ein «raffinierter Betrüger», dem es «immer wieder gelang, an das Objekt der Begierde zu gelangen, ohne auch nur ansatzweise über die finanziellen Mittel dafür zu verfügen.» Auch nicht für Holger spricht, dass er 2013 bereits im Tessin wegen Betrugs verurteilt wurde. Die Staatsanwältin fordert deshalb eine unbedingte Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren.

Der Verteidiger versucht, die Anklageschrift zu zerpflücken. In einzelnen Punkten sei sein Mandant schuldig, in anderen nur teilweise, in vielen aber müsse er freigesprochen werden. Detailliert erklärt er zu jedem Straftatendossier die Begründung.

Sein Fazit: Eine bedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten und eine Busse von 400 Franken müssten reichen. Holger sei von Anfang an geständig gewesen. «Das Lehrgeld darf durchaus hoch sein», sagt der Verteidiger, «aber ich glaube, wir dürfen ihm glauben, dass er es jetzt wirklich hoffentlich endlich begriffen hat.»

Etwas mehr als eine Stunde Zeit nimmt sich das Bezirksgericht, um den Fall zu beraten und ein Urteil zu fällen. Präsident Müller betont danach: «Wir haben einstimmig entschieden.»

Holger wird zwar in zwei Fällen wegen Betrugs und Urkundenfälschung freigesprochen. Doch das nützt ihm nicht viel: Er muss eine Freiheitsstrafe von 4 Jahren verbüssen und mehrere tausend Franken Schadenersatz zahlen.

Vor allem wegen seiner «dreisten Vorgehensweise» und seiner Vorstrafe aus dem Tessin. Gerichtspräsident Müller verabschiedet sich: «Der Beschuldigte geht zurück in Sicherheitshaft und die Übrigen sind entlassen. Ich wünsche einen schönen Abend.»

Holger, immer noch die gleiche aufrechte Haltung, geht ungerührt mit dem Polizisten mit. «Adieu mitenand.» Jetzt kennen alle die Wahrheit, und vielleicht ist es auch ihm wohler damit.

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