Eigentlich würde die Geschichte ja glänzend in die Sammlung «Märchen aus Tausend und einer Nacht» passen. So wundersam ist ihr Inhalt, so schwer zu glauben, was sich an der Südküste Englands ereignet hat.

Doch die Story aus der Welt des Fussballs hat sich tatsächlich so zugetragen und am Samstag-Nachmittag in Southampton ihr schönstes Kapitel geschrieben. In einer Hafenstadt, in welcher der Fussball für viele Menschen mehr als nur ein Farbtupfer in einem harten Existenzkampf ist.

Einen Sieg noch hatte der FC Southampton im 46. und letzten Spiel für den Aufstieg in die Premiere League gebraucht. Doch die Frage war: Würden die Nerven der Spieler gegen Coventry dem immensen Druck standhalten?

Sie hielten. Mit 4:0 fertigten die «Saints» den Absteiger ab, und die Fans sangen mit aller Kraft den Klassiker «When the Saints go marching in». Wie die Post danach im ausverkauften St. Mary’s abging und die Rückkehr nach sieben Jahren in die höchste Spielklasse zelebriert wurde, liess erahnen, wie die ganze Region Hampshire nach diesem Erfolgserlebnis gelechzt hatte.

Der Aufstieg in die Premier League steht fest: Nach dem Schlusspfiff gibt es für die Fans von Southampton kein halten mehr

Der Aufstieg in die Premier League steht fest: Nach dem Schlusspfiff gibt es für die Fans von Southampton kein Halten mehr

Aufgewachsen in Menziken, lebend in Ennetbaden

Dass in der feiernden Menge auch Schweizer – ja gar Aargauer – Fahnen geschwenkt wurden, hatte mit jenen Männern zu tun, die aus der Schweiz gekommen waren und dieses Fussballwunder erst ermöglicht hatten: Markus Liebherr und Nicola Cortese.

Letzterer ein Italiener, aber aufgewachsen und zur Schule gegangen im aargauischen Menziken und später in Ennetbaden lebend.

Vor drei Jahren hatte Cortese die operative Führung des englischen Traditionsvereins übernommen und in dieser Zeit so erfolgreich gearbeitet, dass die Lokalzeitung «Daily Echo» in ihrer 32-seitigen Sonderausgabe am Samstag überschwänglich schrieb: «Wir sind dabei, eine der unglaublichsten Geschichten in der Historie des englischen Fussballs zu erleben.» Denn wie ein Phoenix war der serbelnde Klub unter Corteses Führung aus der Asche gestiegen.

Auftrag: Fussballklub kaufen

Die glückliche Fügung für den FC Southampton war, dass exakt zu jener Zeit 2009, als es ihm am dreckigsten gegangen war, mit Fussballliebhaber Markus Liebherr ein schwerreicher Schweizer Unternehmer deutscher Herkunft die Bühne betreten hatte.

Dieser hatte seinen Freund Cortese beauftragt, einen Fussballklub zu kaufen. Kennen gelernt hatten sich die beiden in Ennetbaden; die Tochter von Liebherr war die Nachbarin der Familie Cortese.

Cortese, der viele Jahre als Banker Spitzensportler darin unterstützt hatte, mit ihrem Geld geschickt umzugehen, und der deshalb auf Erfahrung im Umfeld des Spitzenfussballs und gute Kontakte zurückgreifen konnte, wurde in Southampton fündig und machte den Deal für Liebherr perfekt.

Weil dieser aber die Bedingung gestellt hatte, er kaufe nur, wenn Cortese den Klub als Executive Chairman führe, verliess der Italo-Schweizer die Bank Heritage und siedelte mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Südengland über.

Zwei Jahre zu früh Ziel erreicht

Und begann im Juli 2009 seinen Job mit dem Ziel, den erstellten Fünfjahresplan erfolgreich umzusetzen. Zwei Jahre zu früh wurde dies nun mit der Rückkehr in die Premier League erreicht.

Lediglich drei Jahre, nachdem die «Saints» in die League One, die dritte englische Liga, abgestiegen und vor dem Konkurs gestanden waren. Doch obschon der FC Southampton Corteses erste Saison mit zehn Minuspunkten hatte beginnen müssen, wurde am Ende nur knapp ein Playoff-Platz um den Aufstieg verpasst.

Schon in der zweiten Saison aber gelang die Promotion. Selbst der plötzliche Tod des 62-jährigen Besitzers Liebherr brachte den medienscheuen Macher, der sich der heimischen Presse verweigert, nicht aus der Spur.

«Der Klub ist mein Baby», liess sich Cortese vernehmen. Er führte im Auftrag von Erbin Katharina Liebherr die Arbeit im selben Stil weiter. Nach einem schwachen Saisonstart ersetzte er Trainer Alan Pardew durch den wenig bekannten Nigel Adkins aus Scunthorpe – und landete einen Volltreffer.

Kein Triumph des Geldes wegen

Unter Adkins schaffte Southampton 2011 nicht nur die Rückkehr in die zweite Liga, die Championship, sondern jetzt, ein Jahr danach, auch noch die Sensation des Durchmarschs in die erste Liga.

Obwohl gemäss englischen Quellen allein zwischen 2009 und 2011 33 Millionen Pfund investiert wurden, kann der Erfolg nicht als ein «Triumph des Geldes» bezeichnet werden. Er wurde nicht durch die Verpflichtung teurer Stars erkauft; nur wenige aus dem Kader haben schon Premier-League-Partien absolviert.

Cortese hatte das Gespür für junge, hungrige und talentierte Spieler gehabt. Und dazu mit dem Transfer von Rickie Lambert einen entscheidenden Schachzug getan. Bei Southampton erst wurde der 30-jährige Stürmer zum grossen Goalgetter und mit 27 Treffern zum Torschützenkönig in der Championship.

Auch dank Lamberts Toren hat Cortese es geschafft, den 90-Millionen-Pfund-Jackpot zu knacken. Diese gigantische Summe ist der Aufstieg in die Premier League wert.

Kaum zu fassen, aber angesichts der horrenden Summe an Fernsehgeldern, die in England ausgeschüttet werden, den Vermarktungseinnahmen und den ausverkauften Stadien gleichwohl eine realistische Zahl. «Wir wollen in der Premier League kein Abstiegskandidat sein, sondern unter die ersten sechs», hat Cortese in einem seiner raren Interviews erklärt.

In Southampton glauben sie ihm wohl spätestens seit Samstag alles.