Familienbegleitung
Wie die Müllers mit Strategie und Regeln zu einer «richtigen Familie» wurden

Eine Mutter erzählt, wie ihre Familie mit professioneller Hilfe gerettet wurde. Am Anfang war sie sehr skeptisch, heute hat sie die Zügel in den Händen – und fürchtet den Augenblick, wenn die Familienbegleitung beendet wird.

Aline Wüst
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Diese drei Puppen mit den glücklichen Gesichtern haben die Kinder der Familie Müller gebastelt.

Diese drei Puppen mit den glücklichen Gesichtern haben die Kinder der Familie Müller gebastelt.

Aline Wüst

Das Haus liegt in einem Aargauer Dorf. Neben dem Haus ein Gemüsegarten. Vor dem Haus ein Sandkasten mit grossem Bagger. Und im Haus? Da lebt «eine richtige Familie». Das sagt die Mutter der Familie, die da wohnt – und sie sagt es mit Stolz.

Denn vor drei Jahren hätte sie das noch nicht gesagt. «Damals gab es nicht Vater, Mutter und drei Kinder. Damals waren wir alle gleich. Ohne Regeln und Struktur.» Damals wuchs Tina Müller (Name geändert) alles über den Kopf.

Dass heute so vieles anders ist, hat einen Grund und einen Namen: Seit zwei Jahren wird die Familie Müller durch die sozialpädagogische Familienbegleitung unterstützt, und zwar von Madeleine Pfulg.

Sie erinnert an die Super-Nanny aus dem Fernseher. Und ist doch ganz anders: Madeleine Pfulg bleibt länger und gibt keine pfannenfertigen Ratschläge, sondern unterstützt die Familien, geeignete Regeln aufzustellen und Strategien zu erarbeiten und diese umzusetzen.

Sie kommt einmal in der Woche und ist auch per Telefon erreichbar, wenn es einen Notfall gibt.

Als vor vier Jahren Tina Müllers Jüngster auf die Welt kam, war der Tiefpunkt erreicht. Sie konnte sich nicht richtig über ihren Sohn freuen. Die Schwangerschaft war geprägt von Komplikationen.

Es war ihr alles zu viel, sie hatte keine Kraft mehr. Ihr Mann arbeitete den ganzen Tag. Kinder zu haben, das sei ihr grosser Wunsch gewesen, sagt Müller. Sie habe doch alles richtig machen wollen.

«Zugeben, dass ich es nicht schaffe, das fiel mir lange sehr schwer.» Lieber habe sie nach aussen so getan, als sei alles in Ordnung. Sie dachte: «Ich muss das schaffen.»

Doch es ging bergab. Ihre Kinder fielen in der Schule auf, vor allem der Mittlere, der eine Behinderung hat. Die Lehrer orteten die Probleme zu Hause. Das verletzte Tina Müller. «Alles, was ich machte, war schlecht.»

Als dann vor drei Jahren zur Diskussion stand, dass eine Beistandschaft für die Kinder errichtet werden sollte, war die Familienbegleitung die letzte Hoffnung, um das zu verhindern.

Tina Müller sagt, dass sie zuerst skeptisch war, Angst hatte, vor der Kontrolle der Familie durch eine fremde Person. Nun, zwei Jahre später, fürchtet sie den Moment, in dem die Familienbegleitung beendet wird. Und das ist bald.

Im Haus hat es viele Sachen. In den Ecken türmen sich Spielsachen. An den Wänden und Türen hängt selbst gebasteltes der Kinder. Der Kleinste ist nun vier Jahre alt. Ein herziger Bub, der dem Besuch auf Geheiss die Hand schüttelt.

Vieles hat sich verändert. Während früher von morgens bis abends der Fernseher lief, gibt es heute fixe Zeiten dafür. Eine halbe Stunde pro Tag darf der Mittlere beispielsweise schauen. Braucht er seine halbe Stunde nicht, weil er lieber nach draussen geht, hat er sie am nächsten Tag zugut.

«Manchmal gibt es auch heute noch ein Geschrei. Aber ich weiss, wenn ich die Regeln durchsetze, wird es immer besser», sagt Müller.

Früher hat sich abends jeder irgendetwas zum Essen genommen. Ist vor den Fernseher verschwunden.

Heute essen abends alle zusammen. Die Familienmitglieder sprechen miteinander, hören einander zu. Und Tina Müller sagt: «Ich wusste gar nicht, dass meine Kinder so viel zu erzählen haben.»

Und während früher schon mal die Fünftklässlerin die Rolle des Familienoberhaupts übernommen hat, sind es nun die Eltern, die die Zügel in den Händen halten.

Es hat sich viel verändert, das sagt auch Madeleine Pfulg. «Frau Müller ist stärker geworden, sie kann Regeln umsetzten.» Und da sagt Frau Müller mit Tränen: «Ich kenne das gar nicht, dass mich jemand lobt. Das ist so schön zu hören, dass ich etwas gut mache.»

Auch wenn heute noch nicht alles perfekt ist, es schwierige Momente und Rückschläge gibt, kann Tina Müller sagen: «Wir sind eine richtige Familie.»

Und auch wenn sich die Beziehung zur Tochter noch lockern muss, weil die 12-Jährige für die Mutter die engste Vertraute ist.

Kann sie akzeptieren, dass das Mädchen mehr Freiheiten braucht, ihre eigenen Entscheidungen treffen soll und nicht die persönlichen Probleme ihrer Eltern lösen kann.

Dann sagt Madeleine Pfulg: «Wenn bei der Familie alles schlecht gewesen wäre, wären die Kinder nicht so liebenswert. Ihr freundliches Wesen, das haben alle drei Kinder von Zuhause mitbekommen.» Tina Müller strahlt. Sie ist stolz über ihre «richtige Familie». Und sie sieht mutig der Zukunft entgegen.

Unterstützung für Familien: Es gibt verschiedene Angebote im Aargau

Eine Familienbegleitung ist dann sinnvoll, wenn Kinder auffällig werden, weil es zu Hause Schwierigkeiten gibt. Gründe dafür können beispielsweise psychische Erkrankung eines Elternteils, Krisen oder auch eine Trennung sein. Es ist auch möglich, dass den Eltern schlicht die Kraft fehlt, die Tagesstruktur aufrechtzuerhalten.

Die betroffenen Familien sind häufig an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geraten und wissen keine Lösung mehr. «Diese Familien sind oft verunsichert und glauben nicht mehr an ihre Wirkung», sagt Daniela Lenz, Koordinatorin von Sozialpädagogische Familienbegleitung (SpFplus) Aargau.

Die Familienbegleiterinnen unterstützen die Familien vor Ort. Die Besuche finden in regelmässigen Abständen statt. Eine Familienbegleitung dauert in der Regel ein bis zwei Jahre. «Es geht bei der Familienbegleitung um individuelle Unterstützung und nicht darum, ein ideales Familienbild zu erreichen», sagt Lenz.

Die Familienbegleitung wird häufig von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde angeordnet. Es wird davon ausgegangen, dass die Familie zur Lösung der Schwierigkeiten wesentlich beitragen kann, aber sie eine Unterstützung vor Ort oder zu Hause benötigt.

Für Daniela Lenz zentral ist: «Für Kinder ist die Bindung an ihre Familie emotional ausserordentlich wichtig und sie wünschen sich, dass ihre Eltern diese Rolle einnehmen können.»

Die Familienbegleitung wird von der Familie selber bezahlt, wenn sie genug Geld besitzt. Kann die Unterstützung nicht finanziert werden, muss die Gemeinde dafür aufkommen. Oft erarbeiten Familien mit der Gemeinde zusammen ein individuelles Finanzierungsmodell.

Der Ursprung der Familienbegleitung liegt bei der Pro Juventute. Die Sozialpädagogische Familienbegleitung SpFplus gibt es seit sechs Jahren. SpFplus hat in den vergangen sieben Jahren rund 230 Familien unterstützt.

Seit rund zwei Jahren gibt es im Aargau zudem das Pilotprojekt «HotA,Hometreatment Aargau». Im Fokus stehen dabei vor allem mehrfach belastete Familien insbesondere Familien mit psychisch krankem Kind oder Elternteil. Abgerechnet wird deshalb auch über die Krankenkasse. Das Pilotprojekt wurde soeben bis Ende 2016 verlängert. Es besteht eine Leistungsvereinbarung mit dem Gesundheitsdepartement des Kantons. Bis Mitte 2015 sollen dank einer externen Evaluation Aussagen über die Wirksamkeit dieser Art von Familienbegleitung getroffen werden können.

Möglich sein sollte dann auch Vergleich von Kosten und Nutzen von aufsuchender Familienarbeit und Heimplatzierung. Grund für dieses Pilotprojekt ist eine Analyse des Kantons zur Lage von Aargauer Familien aus dem Jahr 2008. Darin wurde Handlungsbedarf in Unterstützung der Familiensysteme geortet. Eine der daraus abgeleiteten Massnahme ist die aufsuchende Familienarbeit und -begleitung. Es gilt der Grundsatz bei sogenannten Multiproblemfamilien genug früh professionelle Unterstützung anzubieten, und zwar mit dem Ziel Fremdplatzierungen von Kindern zu vermeiden. (wua)