Keime im Trinkwasser
Wie die Fäkalbakterien ins Trinkwasser gelangten

In den Gemeinden Kirchleereau, Mooslerau und Beinwil kann das Leitungswasser noch immer nur in abgekochtem Zustand getrunken werden. Vor einigen Tagen wurden darin Fäkalbakteiren entdeckt. Der Kantonschemiker erklärt, wie es dazu gekommen ist.

Claudia Landolt
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Escheria-coli-Baktieren

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AZ

Das Trinkwasser in den drei Aargauer Gemeinden ist derzeit nur mit allergrössten Vorsicht zu geniessen. Messungen des Amt für Verbraucherschutz des Departements Gesundheit und Soziales des Kantons Aargaus haben ergeben, dass sich Fäkalbakterien, sogenannte Escherichia coli (kurz: E. coli) im dortigen Trinkwasser befinden (die az berichtete). Betroffen sind rund 4800 Einwohner.

Noch immer ist das Trinkwasser verunreinigt. Die am Montag untersuchten Proben in Kirchleerau und Mooslerau weisen in beiden Gemeinden einen tieferen, aber insgesamt nach wie vor einen zu hohen Anteil an Kolibakterien auf. Laut Departement Gesundheit und Soziales kann es bis zu zehn Tagen dauern, bis sämtliche Leitungen dekontaminiert sind.

Der Grund für die Verunreinigung liegt in den heftigen Regenfällen der letzten Woche. Die Gemeinde Beinwil teilte mit, dass die Verunreinigung wahrscheinlich von Oberflächenwasser stamme, das irgendwo in die Grundwasserkammer eingedrungen sei. Der Trinkwasserinspektor des Kantons, Peter Zimmerli bekräftigt, dass die Kontamination mit dem Fäkalbakterium E. coli durch die extrem starken Regenfälle verursacht wurde. Die genauen Ursachen sind im Detail allerdings noch Gegenstand der laufenden Untersuchung.

Tipps zum Umgang mit kontaminiertem Wasser

Das Leitungswasser muss mindestens fünf Minuten abgekocht werden. Das Wasser sollte dabei sprudeln. Wasserkocher und Kaffeemaschinen sind dazu nicht geeignet.

Auch zum Zähneputzen darf nur abgekochtes Wasser verwendet werden.

Babynahrung möglichst nur mit Mineralwasser zubereiten.

Lebensmittel ( z. B. Gemüse) sollten ebenfalls nur mit abgekochtem Wasser abgespült werden. Auch gekocht werden sollte nur mit zuvor abgekochtem Wasser.

Eine «Extremsituation»
Zimmerli möchte allerdings betonen, dass es sich um eine Ausnahme, um «ein Extremereignis» handelt. «Seit Jahrzehnten sind in diesen Gemeinden keine solchen Kontaminationen mit E. Coli die Wasserfassungen. Zimmerli: «Das Eindringen von Oberflächenwasser in Wasserfassungen ist im Normalfall nicht möglich.» Es war also die schiere Menge an Niederschläge, die die Filtrationsfähigkeit der Wasserfassungen strapaziert hat - und nicht etwa bauliche Mängel der Wassersysteme.
In der Tat waren die Niederschläge der letzten Woche für die Region ungewöhnlich. In der vergangenen Woche fiel im südlichen Teil des Kantons in 48 Stunden bis zu 55 Liter Wasser pro Quadratmeter vom Himmel. Wie massiv das ist, zeigt der Vergleich mit der Durchschnittsmenge für den Monat Oktober: Diese beträgt beträgt durchschnittlich 72 Liter. In der Folge traten in Beinwil etwa kleinere Bäche über das Ufer, Wiesen wurden überschwemmt; infolgedessen gerieten Bakterien über das Oberflächenwasser ins Grundwasser.
Die entdeckten Fäkalbakterien gelten als Indikator für eine Infiltration von Oberflächenwasser in Reservoire. «Sind diese Bakterien nachweisbar, muss davon ausgegangen werden, dass sich auch noch andere Bakterien oder Viren im Wasser befinden, welche Krankheiten verursachen können», erklärt Zimmerli. Dieses Bakterium ist eines der besterforschten Bakterien, und es hat zudem den Vorteil, dass es sehr schnell nachgewiesen werden kann.«
Im Normalfall kein gefährlicher Erreger
Das Bakterium E. coli ist ein typischer Darmbewohner, der meist keinen Schaden anrichtet - ganz im Gegenteil hält die gesunde Darmflora schädliche Erreger in Schach. Ausserhalb des Verdauungstrakts kann E. coli jedoch Infektionen verursachen, zum Beispiel Bauchfell- oder Hirnhautentzündungen. Eine Ausnahme sind spezielle Escherichia-coli-Stämme (kurz EHEC, EPEC, ETEC und EIEC). Einige davon befallen nur Säuglinge, andere können auch bei Erwachsenen schwer verlaufende Durchfallerkrankungen auslösen. Deshalb haben diese Stämme als sogenannte Killerbakterien in der Presse Furore gemacht.
Rohes Fleisch (auch Wurst) oder Milch können den Erreger übertragen, ebenso durch menschlichen und tierischen Kot respektive Urin verseuchtes Badewasser. Vor allem bei Kindern, älteren Menschen oder Kranken mit geschwächter Abwehr kann neben Durchfall, Übelkeit und Erbrechen das sogenannte hämolytisch-urämische Syndrom auftreten, durch das Nieren versagen können. Handelt es sich um EHEC-Infektionen, können Antibiotika die Symptome noch verstärken, weil die sterbenden Keime besonders viel der schädlichen Gifte freisetzen.Unterschiedlich häufige Wasserproben
In kleineren Gemeinden führen die Wasserversorgungen jährlich zweimal und in grossen Gemeinden teilweise monatlich Wasserproben durch. Die Kontrollen werden nach starken Regenfällen durchgeführt. Zusätzlich werden periodisch Inspektionen durchgeführt und Probeentnahmen von speziell ausgewählten Stellen durchgeführt. Zimmerli betont: «Die Wasserversorgungen versuchen mit grossem Aufwand, Konsumenten stets mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Unvorhergesehene Extremereignisse wie die starken Regenfälle können aber nicht immer abgesichert werden.»
Gereinigt respektive entkeimt wird das Oberflächenwasser nicht etwa durch Chloranalgen, sondern mittels UV-Anlagen. Diese, übrigens nicht kostenintensiven Anlagen, gewähren laut Zimmerli «eine viel höhere Sicherheit». Dabei werden die im Wasser vorhandenen Keime wie Legionellen, Protozoen und E.coli-Bakterien werden mit sehr hoher UV-Bestrahlung unschädlich gemacht. Das Kurzwellen-Licht des UV-Strahlers durchdringt die Zellkerne der Bakterien und zerstört deren Erbsubstanz (DNA), so dass der Mikrorganismus abstirbt. Die drei betroffenen Gemeinden verfügen nicht über eine solche Anlage, weil sich bis anhin das Problem einer Kontamination nicht gestellt hat. Dieses Szenario hat sich nun geändert.