Alternative Energie
Wie die Anwohner mit den Windrädern leben lernen

In der Gemeinde Entlebuch (LU) stehen drei Windenergieanlagen – eine davon ist von jener Firma, die auch in Kirchleerau und Kulmerau einen Windpark mit vier Anlagen plant.

Christine Fürst
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Windenergieanlage auf der Alp Lutersarni.

Windenergieanlage auf der Alp Lutersarni.

Christine Fürst

Der Nebel lichtet sich und der wolkenverhangene Himmel gibt den Blick auf die Windenergieanlagen frei. Hinter einem kleinen Waldstück stehen sie, nur die Rotoren sind zu sehen – und ein Geräusch ist zu hören, das sofort einen oft erwähnten negativen Aspekt einer Windenergieanlage im Kopf aufflammen lässt. Die Anlagen sollen ja ziemlich lärmig sein. Doch dann stellt sich heraus: Das war nicht die Anlage, das war ein Flugzeug.

Der Wind zieht einem um die Ohren. Doch genau dieser Wind bringt die beiden Windräder im Gebiet Feldmoos ob Entlebuch zum Laufen. Die Rotoren drehen, ein Rauschen ist in regelmässigen Abständen zu hören. Die weidenden Pferde und Kühe lassen sich davon aber nicht stören.

Der Anblick der Anlagen ist imposant, majestätisch oder monströs – das ist Ansichtssache – ragen sie im Nebel in die Höhe. Der Nebel verleiht ihnen etwas Mystisches. In der Gemeinde Entlebuch stehen auf den Hügelzügen bereits drei Windenergieanlagen. Zwei kleinere werden vom Familienunternehmen WindPower AG und das grösste der Zentralschweiz auf der Alp Lutersarni wird von der Centralschweizerischen Kraftwerke AG (CKW) betrieben. Die Anlagen befinden sich mitten im Unesco Biosphärenreservat Entlebuch. Die Siedlungsdichte ist ähnlich jener in Kirchleerau. Dort und im Gebiet Kulmerau plant die CKW einen Windpark mit vier Anlagen.

Die Areggers sind Windpioniere

Roland Aregger und seine Familie werden zurecht oft als Windpioniere bezeichnet. Bereits seit 1990 schlummerte die Idee, eine Windkraftanlage auf dem Bauernhof seiner Familie zu erstellen, in Areggers Kopf. Die Familie machte Windmessungen, begann sich zu informieren, um die Technik zu verstehen. Roland Aregger hatte zuvor nichts mit erneuerbaren Energien am Hut und arbeitete mit einer landwirtschaftlichen Ausbildung auf dem Hof seiner Eltern. Heute ist alles anders. Aregger führt im Dorf Entlebuch ein Beratungs- und Planungsbüro im Bereich Windenergie.

Im Jahr 2002 wies die Gemeindeversammlung den Zonenplan Landschaft mit einer entsprechenden Aussparung für eine Sonderzone Windenergie zurück. Die Sonderzone wurde danach in den Zonenplan Landschaft integriert und nur ein Jahr später wurde dieser von der Gemeindeversammlung mit grossem Mehr genehmigt. Das war der Startschuss für den Bau der ersten Anlage hinter dem Aregger-Bauernhof. «Das Projekt muss im Ort verankert sein. Die Akzeptanz aus der Bevölkerung ist sehr wichtig», sagt Aregger.

2005 wurde die erste Anlage errichtet. 60 Meter hoch, 26 Meter lange Rotoren. Sie wird zweistufig betrieben: Bläst der Wind stark, schaltet die Anlage in eine grössere Generatorstufe. Am Tag des Besuchs drehen die Räder zuerst im zweiten Gang. Es ist zu hören, wie die Luft regelmässig durch die Rotoren gedrückt wird. Dann lässt der Wind nach und die Anlage steht kurz still, schaltet eine Stufe runter und läuft weiter. Die Anlage ist kaum mehr zu hören. Die zweite Anlage wurde 2011 erbaut, sie ist 50 Meter hoch und stand vorher in Holland. In beide Anlagen hat Aregger zusammen mit seinem Vater und seinen beiden Brüdern rund zwei Millionen Franken investiert.

Die Areggers haben zwanzig Milchkühe, die täglich auf den Weiden sind. Auf die Tiere haben die Anlagen laut Aregger keinen Einfluss. Im Gegenteil: «Manchmal liegen die Tiere der Reihe nach im Schatten des Turms der Windenergieanlage.» Auch die Geräusche, die je nach Anlagemodell unterschiedlich sind, will er nicht als Lärm bezeichnen: «Wenn man genau hinhört, hört man die Anlage schon, doch man hört auch den Brunnen plätschern.» Die Frage sei immer, was einen störe und was nicht. Sein Vater, Sepp Aregger, ergänzt: «Es ist ja schön, wenn man die Anlagen hört, dann wird Strom produziert.»

«Gute Sache, aber liefert nicht konstant Strom»

Was sagen die Anwohner zu den Windrädern auf dem Feldmoos? «Eine Schönheit ist es sicher nicht», sagt einer. Er hat selber eine Photovoltaikanlage installiert und findet es schade, dass die erneuerbaren Energien noch wenig genutzt werden. Er ist der Meinung, dass der Töffverkehr in Richtung Glaubenbergpass im Sommer meist lärmiger sei. Manchmal würden die Anlagen einen Schatten aufs Gebäude werfen, das sei nicht angenehm. Eine weitere Anwohnerin sagt dasselbe, jedoch läge der Schatten nur im November jeweils eine halbe Stunde am Nachmittag auf ihrem Gebäude. Weil sich dann der Schatten wegen der drehenden Rotoren ständig bewegt, sei es auch schon vorgekommen, dass sie sich nicht in der Küche aufhalten konnte. Doch mittlerweile habe sie sich an die Windräder gewöhnt. Roland Aregger sagt, dass die Windenergieanlagen nun bei Schattenwurf auf ein Gebäude gestoppt werden.

Auch Christian Jenni von der Fohlen- und Pferdeweide von Brunnen sagt, er habe sich an die Anlage gewöhnt. Das regelmässige Rauschen nehme er nicht mehr wahr. Die 2011 erbaute Anlage Feldmoos liegt auf Jennis Land. «Auf dem Feld habe ich noch nie einen toten Vogel gesehen», sagt er. Er bestätigt, dass der Verkehr lärmiger sei als die Windkraftanlagen oberhalb seines Hofes. «Ich finde die Windkraft einerseits eine gute Sache, andererseits aber auch fragwürdig, weil sie nicht konstant Strom liefert.»

Die Alp Lutersarni liegt direkt gegenüber vom Gebiet Feldmoos. Dort wurde im letzten September die grösste Windenergieanlage der Zentralschweiz in Betrieb genommen. Sie ist 80 Meter hoch und die Rotorblätter sind je 41 Meter lang. Auf einer Tafel steht, dass die Anlage während des herbstlichen Vogelzuges und in den für Fledermäuse heiklen Zeiten abgestellt ist.

Am Tag des Besuches ist die Alp in dichten Nebel gehüllt, nur am Morgen ist das Windrad aus Entfernung sichtbar. Das Geräusch der sich drehenden Rotoren ist leise zu hören. Maja Reinhard, die mit ihrer Familie rund 250 Meter Luftlinie entfernt von der Anlage wohnt, bestätigt, dass die Anlage meist kaum zu hören sei. Je nach Windlage höre man selten ein Heulen. «Wir haben uns auch daran gewöhnt», sagt sie. Und: «Wenn wir weg von der Atomenergie wollen, müssen wir eine andere Richtung einschlagen.»

Eine weitere Anwohnerin von Lutersarni ist überzeugt, dass die Windräder mehr Touristen in die Region locken und dass die Gemeinde davon profitieren könnte. Auch Roland Aregger hat immer wieder Touristen auf dem Hof zu Besuch. Eine Gruppe aus Winterthur kommt gerade mit dem Car angefahren und die Areggers führen sie ein in die Welt der Windenergie.

In Entlebuch sind die Windenergieanlagen bereits Wahrzeichen, dies bestätigt auch Gemeinderätin Astrid Brun. Das Windrad der CKW zeigte sich im Nebel zwar nur kurz. Doch auf der Heimreise im rund 30 Kilometer entfernten Wauwil ist der Turm der grossen Anlage zu sehen. Ein Wahrzeichen nicht nur für das Dorf, sondern für die ganze Region.

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