Klima

Wie der Klimawandel Fichten aus Aargauer Wäldern drängt

Im Mittelland wird es trockener und wärmer. Darunter leiden Fichten – die wichtigsten Bäume für Holzverarbeiter drohen längerfristig zu verschwinden.

An der andauernden Hitzephase lässt sich im Kleinen erklären, was den Fichten in Zukunft blüht: Die Hitze trocknet den Boden aus, die Wasserreserven werden immer knapper, die Bäume leiden unter «Trockenstress». Sie vertrocknen zwar deswegen nicht, werden aber deutlich anfälliger für Krankheiten und Borkenkäfer-Befall.

Zurzeit hält sich der Schädling in den Aargauer Wäldern noch zurück, doch die Fichten leiden bereits jetzt unter der Trockenheit. Und: Ausgiebige Regenfälle sind keine in Sicht.

«Das kann jetzt schlagartig kippen», sagt Marcel Murri, stellvertretender Abteilungsleiter Wald beim Kanton Aargau. Deswegen achten Förster besonders auf Bohrmehl bei den Fichtenstämmen – Alarmzeichen, die auf den gefürchteten Borkenkäfer hinweisen.

Die Fichten werden im Mittelland künftig vermehrt in Bedrängnis geraten. Wie stark sie in den kommenden Jahrzehnten zurückgedrängt werden, zeigen die aktuellsten Prognosen der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL eindrücklich (Karten rechts). «Bern geht das Bauholz aus», titelte dazu jüngst der «Bund». Der Rückgang der Fichten ist auch im Aargau nicht aufzuhalten. Die klimatischen Bedingungen verschlechtern sich hier ebenso stark und verdrängen sie zunehmend.

Wann genau die Fichten aus den Aargauer Wäldern verschwunden sein werden, könne nicht genau vorhergesagt werden, sagt Peter Brang, Leiter Forschungsprogramm Wald und Klimawandel der WSL. «Klar ist aber, dass die Fichte vom Klimawandel besonders stark betroffen ist, weil sie sich einer trockenen und warmen Umgebung schlecht anpassen kann.» Im Aargau sei es für sie bereits heute eher zu trocken.

«Fakt ist: Die Fichte wird über Jahrzehnte im Mittelland zurückgedrängt. Sie hat ein Problem, weil sie das veränderte Klima nicht verträgt», sagt Marcel Murri. Die Folge: «Sie werden in höhere Lagen ausweichen und im Aargau innert 50 bis 100 Jahren weitgehend verschwunden sein.»

Die Fichte ist nach der Buche (32 Prozent) im Aargau die weitverbreitetste Baumart (26 Prozent). Dahinter folgen Tanne, Eiche und Esche. Der Grund für die grosse Popularität: Das Holz ist besonders gut geeignet für Dachbalken und andere Bauten. Ausserdem ist die Ernte verglichen mit anderen Bäumen ergiebiger, einfacher und günstiger.

Anders gesagt: Die Fichte bringt am meisten Geld. «Sie ist der Brotbaum der Holzindustrie», sagt Theo Kern, Geschäftsführer des Aargauischen Waldwirtschaftsverbands. «Dieses Holz lässt sich noch zu akzeptablen Preisen verkaufen.»

Zum Rückgang trage aber nicht nur das veränderte Klima bei, sondern auch die veränderte waldbauliche Strategie: «Der naturnahe Waldbau verdrängt die Fichte und fördert die Buche.»

Für eine stärkere Förderung der Fichten spricht sich Sylvia Flückiger seit Jahren aus. In einem Vorstoss forderte die Aargauer SVP-Nationalrätin und Präsidentin der Lignum Holzwirtschaft Schweiz, deren Rückgang aktiv zu verhindern.

«Wir müssen aufforsten mit Nadelholz generell, Weisstanne, Lärche und Douglasie, vor allem aber auch mit Fichten», sagt die Mitinhaberin der Flückiger Holz AG, die bis zu 70 Prozent des Umsatzes mit Fichtenprodukten erwirtschaftet. «Die Fichte ist nach wie vor der Brotbaum der Holzindustrie.» Die verarbeitenden Betriebe seien stark abhängig von ihm.

«Ohne Anpassungen der Holzindustrie wird es nicht gehen», sagt Murri. Allerdings nicht von heute auf morgen: Er rechnet damit, dass im Aargau mindestens noch 30 Jahre genügend Fichten vorhanden sein werden.

Ihr Rückgang wird nicht von allen Seiten beklagt. Denn die Verdrängung des weitverbreiteten Baums sorgt auch für Wälder, deren Durchmischung wieder näher an der Natur ist. Lange Zeit war der Anteil Fichten zu hoch.

Tonja Zürcher hofft künftig auf mehr Abwechslung in den Wäldern. Die Geschäftsführerin des Aargauer WWF sagt: «Die Waldwirtschaft war lange Zeit auf die Produktion ausgerichtet, die Biodiversität spielte dabei kaum eine Rolle.»

Eine grössere Artenvielfalt im Wald könne dazu beitragen, die Folgen des Klimawandels abzuschwächen. Ein Umdenken habe mittlerweile auch beim Kanton stattgefunden, sagt Zürcher. «Nun wird Gegensteuer gegeben, um die Biodiversität zu fördern.»

Das bestätigt Marcel Murri: Seit Jahrzehnten werde nun auf besser durchmischte Wälder hingearbeitet. Das einerseits aus ökologischen Gründen, andererseits um das Risiko besser zu verteilen.

Meistgesehen

Artboard 1