Prager Frühling
Wie der BTV Aarau Hana Turek die Flucht in die Schweiz ermöglichte

Hana Badrutt-Turek (75) flüchtete nach dem Einmarsch der Russen vor 50 Jahren mit ihrem Sohn aus Prag. Fluchthilfe leistete ihr dabei der BTV Aarau.

Jörg Meier
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Hana Badrutt-Turek.

Hana Badrutt-Turek.

Claudio Thoma

Als die Panzer kamen, war Hana Turek 25 Jahre alt. «Wir wohnten an der Strasse, die vom Flughafen ins Zentrum führt. In der Nacht vom 21. August wurde ich durch den Lärm geweckt. Ich eilte ans Fenster und sah eine endlos lange Schlange von Panzern, die an unserem Haus vorbeirollten in Richtung Zentrum.»

Dieses Bild werde sie nie vergessen, erklärt Hana Badrutt-Turek, noch lange habe sie der Einmarsch der Russen auch in den Träumen verfolgt. Schon vor dem Einmarsch fühlte sie sich unfrei. «Wir konnten unsere Meinung höchstens leise äussern. Wir durften nicht ins Ausland reisen, arbeiteten viel und konnten uns doch nichts leisten.»

Nach der Besetzung von Prag durch die Russen ist für Hana Turek klar, dass sie das Land verlassen will. Zusammen mit ihrem fünfjährigen Sohn. Und für immer. Doch wie konnte das gelingen? Hier kommt der BTV Aarau ins Spiel.

Das Volleyball-Turnier

Der BTV Aarau hatte damals gute Kontakte zu den Sportlern von Slavia Prag. Man lud sich gegenseitig zu Meetings und Turnieren ein. So war auch der Bruder einer Freundin von Hana Turek während des Prager Frühlings als Hammerwerfer zum Meeting aus Prag nach Aarau gekommen und dann gleich in der Schweiz geblieben. Er berichtete, wie gut er in Aarau aufgenommen worden sei.

Da war für Hana Turek klar, dass auch sie nach Aarau wollte, zumal ihre Freundin auch bereits in die Kantonshauptstadt aufgebrochen war. Hana Turek schaffte es, ein zweiwöchiges Visum zu erhalten und reiste nach Aarau, um sich das alles vor Ort einmal gründlich anzusehen. «Ich kam als Fremde und wurde überall willkommen geheissen» erinnert sie sich. «Sogar eine Arbeitsstelle als Bauzeichnerin hat man mir angeboten.»

Doch Hana Turek reiste wieder zurück nach Prag. Denn die frisch geschiedene Mutter konnte sich ein Leben ohne ihren Sohn in der Schweiz nicht vorstellen. Es erwies sich jedoch als fast unmöglich, mit dem Buben in die Schweiz auszureisen. Aber Hana Turek gab nicht auf. Sie lernte deutsch und wartete auf die günstige Gelegenheit. Sie ergab sich 1969 und wieder mit Unterstützung des BTV Aarau. Dieser lud Hana Turek, die eine leidlich gute Volleyballspielerin wart, zu einem Turnier nach Aarau ein. Sie erhielt prompt ein Visum für zwei Wochen.

Wiederum reiste sie nach Aarau. Doch diesmal mit ihrem Sohn und für immer. «Das Volleyball-Turnier war eine reine Erfindung unserer Freunde beim BTV», sagt sie und lacht. Immerhin spielte sie danach viele Jahre Volleyball beim BTV.

Anfänglich war sie mit anderen Tschechinnen und Tschechen im ehemaligen Hotel Kreuz in Aarau untergebracht. «Ich bin bis heute dankbar für die Unterstützung, die wir erhalten haben», sagt sie.

Integration in Aarau

Hana Turek konnte damals rasch ihre Stelle in einem Architekturbüro antreten, eine Tagesmutter kümmerte sich um ihren Sohn; die Kindergärtnerin schaffte sich ein tschechisches Wörterbuch an. «Nur am Schweizerdeutschen bin ich fast verzweifelt», erinnert sich Turek. «Ich dachte, das verstehe ich nie!»

Später wechselte Hana Turek zu Sprecher & Schuh, wurde Schweizerin, heiratete. Jahrelang hatte sie kaum mehr Kontakt zu ihrer alten Heimat; jetzt besucht sie einmal pro Jahr ihre Verwandten in Prag oder diese kommen zu ihr nach Rohr.