Gesundheit
Wie der Aargauer IV-Chef den neuen Umgang mit Schleudertrauma-Patienten beurteilt

Künftig sollen alle Betroffenen Schleudertrauma-Patienten Anrecht auf eine «ergebnisoffene und einzelfallgerechte» Begutachtung haben, befand das Bundesgericht. Erlebt der Aargau seither einen Ansturm? Wir haben beim Aargauer IV-Chef nachgefragt.

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Hält die Missbrauchsgefahr für gering: IV-Chef Daniel Roth.

Hält die Missbrauchsgefahr für gering: IV-Chef Daniel Roth.

Mario Heller

Die IV-Stelle des Kantons Aargau befindet sich links neben der riesigen Aarauer Bahnhofsuhr. Wer rein will in die modernen Büros, muss sich bei der Gegensprechanlage anmelden, erst dann öffnet sich die Tür. Drinnen neben dem Eingang sitzen die Wartenden. Sie sollen hier Hilfe erhalten, um sich wieder auf dem Arbeitsmarkt zurechtzufinden. Ihnen gegenüber zeigen hölzerne Bälle in einer Glasbox an, wie oft dies erfolgreich geschah – den Markierungen zufolge mit wachsendem Erfolg. Im Sitzungszimmer mit Blick auf die Gleise empfängt Daniel Roth, Bereichsleiter der Invalidenversicherung-Stelle, zum Interview.

Herr Roth, elf Jahre hatten Menschen, die unter den Folgen eines Schleudertraumas litten kaum Chancen auf eine IV-Rente. Im Sommer befand das Bundesgericht: Seine bisherige Rechtsprechung war falsch, künftig haben alle Betroffenen Anrecht auf eine «ergebnisoffene und einzelfallgerechte» Begutachtung. Erleben Sie seither einen Ansturm der Schleudertrauma-Patienten?

Daniel Roth: Vom Urteil sind generell Menschen mit Beschwerdebildern betroffen, die heute organisch noch nicht nachzuweisen sind. In Bezug auf Menschen mit einem Schleudertrauma blieb der Ansturm bislang aus. Zudem lässt sich noch nicht abschätzen, ob die Beurteilungen nun zu anderen Ergebnissen führen werden. Dafür war die Zeit seit dem Urteil zu kurz.

Wie wirkt sich der Entscheid auf die Arbeit der IV-Stelle aus?

Durch das Bundesgerichtsurteil wird den medizinischen Begutachtungen im Einzelfall wieder mehr Gewicht verliehen. Die Ärzte stehen damit in der Pflicht, die Grundlage für die rechtliche Beurteilung zu schaffen. Der Entscheid eröffnet neu auch für diese Versicherten den Zugang zu unseren Eingliederungsmassnahmen.

Bislang konnten Patienten, die an nicht organisch nachweisbaren Schmerzen leiden, leicht abgewiesen werden. Die Rechtsprechung ging davon aus: Diese Schmerzen lassen sich überwinden. Nun muss jeder Fall einzeln beurteilt werden. Bedeutet das deutlich mehr Arbeit für die IV-Stelle?

Wir haben ergebnisoffene Abklärungen zu treffen. Das heisst, unsere Fachleute gehen vertieft auf die objektiven Einschränkungen und Ressourcen im Einzelfall ein. Wie sich das auf unsere Arbeitsbelastung auswirkt, lässt sich noch nicht genau sagen. Für uns von der Sozialversicherung Aargau ist der Entscheid aber vor allem eine grosse Chance.

Das müssen Sie erklären.

Der Entscheid erlaubt es uns, Betroffene genauso vertieft und auf ihre Situation bezogen anzuschauen wie alle anderen auch. Die zentrale Frage ist: Was kann eine Person noch leisten? Das gilt es bei jedem IV-Antrag individuell zu prüfen. Der Grundsatz ist immer der gleiche: Eingliederung vor Rente. Deshalb stehen wir hinter diesem Entscheid des Bundesgerichts.

IV-Chef Daniel Roth

IV-Chef Daniel Roth

Mario Heller

Der Grund für die verschärfte Rechtsprechung im Umgang mit Schleudertrauma war ein massiver Anstieg der Rentenbezüger Anfang der 2000er-Jahre. Droht sich diese Entwicklung nun zu wiederholen?

Nach heutigem Stand gehen wir nicht von einer erneuten Zunahme aus. Jedenfalls ist es in den ersten Monaten nicht dazu gekommen.

Vielleicht ist die neue rechtliche Situation noch zu wenig bekannt.

Das glaube ich nicht. Das Urteil war ein grosses Thema – in den Medien und unter Fachleuten.

Aber die Missbrauchsgefahr steigt wieder?

Davon kann keine Rede sein. Die Schwierigkeit bei organisch nicht nachweisbaren Krankheiten ist die Beweisbarkeit. Dort liegt das Problem. In der IV-Stelle der Sozialversicherung Aargau verfolgen wir Missbrauch konsequent. Über alle gutgeheissenen Anträge hinweg liegt die Missbrauchsquote bei rund einem Prozent.

Wer seinen Fall noch vor dem Bundesgerichtsurteil beurteilen liess, hätte heute womöglich bessere Aussichten auf eine IV-Rente. Erwarten Sie nun eine Revisions-Welle?

Als Jurist gehe ich davon aus, dass rechtskräftig bleibt, was rechtskräftig ist und somit nicht alle Fälle neu beurteilt werden müssen. Aber es besteht die Möglichkeit, eine neue Beurteilung einzufordern, wenn sich die gesundheitliche Situation seit der Ablehnung des Gesuchs verändert hat. Bis jetzt sind wir jedoch nicht mit solchen Fällen konfrontiert worden.

Das System der IV wird immer wieder angepasst; die nächste Revision steht an. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für den Aargau?

Obwohl die Neurentenzugänge generell abgenommen haben, trifft dies bei den jungen Menschen nicht zu. Deshalb müssen wir den Fokus vor allem auf Jugendliche legen: Bei ihnen hat die Zahl der Rentenbezüger wegen psychischer Probleme stark zugenommen. Ihr Eingliederungspotenzial ist besonders gross, umso wichtiger ist es, sie auf ihrem Weg in den Arbeitsmarkt gut zu begleiten und sicherzustellen, dass sie den Berufseinstieg erfolgreich bewältigen. Aus Erfahrung wissen wir, dieser Einsatz lohnt sich. Die Zahl der erfolgreichen Eingliederungen steigt insgesamt seit Jahren an. Aber das ist kein Selbstläufer, das ist harte Arbeit unserer Fachleute in der Eingliederung.

Die Invalidenversicherung im Aargau

Die Invalidenversicherung (IV) zahlte im Aargau 2014 insgesamt Leistungen für 262 Millionen Franken aus. Das sind leicht weniger als in den Vorjahren. 2011 waren es noch knapp 270 Millionen Franken. Innerhalb der letzten zehn Jahre ist die Zahl der IV-Bezüger im Aargau ständig gesunken – um fast 2000 Personen. Lag die Zahl 2005 noch bei knapp 18 000, bezogen im letzten Jahr noch rund 16 000 Männer und Frauen eine Rente. Die Zahl der erfolgreichen Eingliederungen konnte von 1834 (2013) innert einem Jahr auf 1848 gesteigert werden. Die Fachleute der IV-Stelle unterstützen Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen dabei, ihre Arbeitsstellen zu behalten oder einen neuen Job zu finden, der trotz Handicap noch machbar ist. Schweizweit beliefen sich die Ausgaben der Invalidenversicherung im letzten Jahr insgesamt 9,3 Milliarden Franken. (Mbü)