Man muss immer aufpassen, wenn man verknappt und versucht, etwas oder jemanden in wenigen Worten, vielleicht in nur einem einzigen Satz zu ergründen. Aber vermutlich gibt es einen solchen Satz, der wie kein anderer zum Leben von Titus Meier, 37, Brugg, passt: Er will es recht machen, aber nicht allen.

Wer ist dieser Mann, der soeben eine 580-seitige Doktorarbeit als Buch veröffentlicht, damit die jüngere Schweizer Geschichte umgedeutet und ganze Zeitungen zur Debatte herausgefordert hat? Der, nebst Familie und einer Stelle als Klassenlehrer an der Bezirksschule Brugg, sieben Jahre zu einem brisanten Thema geforscht hat? Der nicht nur von Vorgesetzten und Parteifreunden gelobt wird, sondern auch von seinen Schülern, obwohl diese bei ihm am Anfang jeder Lektion aufstehen und bei zu viel Fäkalsprache einen Kuchen mitbringen müssen? Der 2017 in Brugg fast Stadtammann geworden wäre und jetzt fast noch motivierter für die FDP im Einwohnerrat und im Grossen Rat politisiert und gerade als Nationalrat oder von manchen gar als künftiger Regierungsrat gehandelt wird?

Wie eine Jugendliebe

Es ist ein heisser Dienstagnachmittag, wir sitzen in «Mosers Backparadies», Kopfsteinpflaster, Rattan-Sofa mit Sitzkissen, Mineralwasser ohne Kohlensäure. Das ist Brugg hier, «seine Stadt», von der er so viele alte Postkarten gesammelt hat wie sonst niemand – und die er vielleicht so gut kennt wie in seinem Alter niemand. Anfang Schuljahr lädt die Schule Brugg jeweils alle neuen Lehrpersonen zu einer Stadtführung ein. Meier habe mit der Gruppe, so erzählt der langjährige Gesamtschulleiter Peter Merz, jedes Mal die ähnlichen Objekte besucht, «aber sein historisches Wissen ist so enorm, dass er immer neue Geschichten zu erzählen weiss.»

Titus Meier und Brugg: Das ist so etwas wie eine Jugendliebe, die bis heute hält. Denn: «Eigentlich bin ich gar kein Ur-Brugger», räumt Meier mit einer weitverbreiteten Annahme auf. Die Mutter, eine Theaterschauspielerin, kam aus Basel, der Vater, ein BBC-Elektroingenieur, aus Zürich. Sie zogen zuerst nach Untersiggenthal. Dort war es den Städtern zu ländlich, und sie zügelten in die nächstgelegene Stadt. Dafür, dass Titus Meier heute als Ur-Brugger gilt, ist er selber verantwortlich. «Mit 16 bewarb ich mich um die Aufnahme als Ortsbürger. Wegen mir musste sich der Stadtrat fragen, ob man das minderjährig überhaupt kann», erzählt Meier mit spitzbübischem Schmunzeln. Einem, der schon in diesem Alter Stadtführungen leitete, konnte man den Wunsch schlecht absprechen.

Der frisch gewählte Brugger Stadtrat Titus Meier bleibt nicht in der Exekutive

Der frisch gewählte Brugger Stadtrat Titus Meier bleibt nicht in der Exekutive

Nach der Wahlniederlage als Stadtammann-Kandidat gegen Barbara Horlacher hat sich Titus Meier nun entschieden, aus dem Stadtrat zu demissionieren. Somit wird es in der Stadtrat Brugg im März 2018 einer Ersatzwahl kommen. So erklärte er sein Dilemma nach seiner Nichtwahl am 26. November 2017. (4.12.2017)

Keine Chance

Die Geschichte als Zukunft: Der Schritt an die Universität Zürich war nur logisch. 2003, es war sein allererstes Seminar, schlug es sofort ein. Titel: «Totaler Krieg, totaler Widerstand». Meier hörte erstmals von der P-26, dem Bericht der parlamentarischen Untersuchungskommission und den Zeitungsartikeln von 1990, als die Organisation aufgeflogen war. Er stiess schnell auf den Begriff der Geheimarmee. «Als frischer Korporal hielt ich es für unmöglich, dass die Schweiz je eine Geheimarmee gehabt haben soll. Irgendwie hat mich das Thema gepackt.» Er schrieb eine Seminararbeit dazu. Und wusste: Das kann es nicht gewesen sein.

Zufällig, auf einer Zugfahrt, lernt er ein ehemaliges P-26-Mitglied aus Brugg kennen. «Was er mir erzählt hat, hat nicht mit dem Bild der PUK übereingestimmt. Das hat den Historiker in mir gekitzelt.» Meier telefonierte in Bern herum, wollte Akten einsehen, stellte fest: keine Chance.
Titus Meier ist einer der Sorte, die einen erst einmal leicht überfordern. Das scheint er zu wissen, und wusste er zu nutzen. Er kennt das Ende einer Frage, bevor man sie fertig gestellt hat, würde aber aus Anstand nie vorher antworten. Er redet schnell und präzis, wertet nicht. Sagt nicht «Krieg», sondern «Szenario, in dem man im Falle einer Besetzung des Gebietes durch einen Gegner den Gegner in dessen Rücken mit Material aus dezentralen Depots bekämpft hätte». Er schafft es, in einem Satz von der französischen Résistance über das Öffentlichkeitsprinzip bis zur Nato zu kommen.

Dabei redet er so, dass man, wenn man selber kein Generalstabsoffizier der Schweizer Armee ist wie er, trotzdem alles versteht. In einem Bericht der Schulpflege Brugg hiess es, als man seinen Rücktritt als Schulpfleger nach zwei Amtsperioden ausserordentlich bedauerte: «Mit seinem Anspruch an Genauigkeit trug er viel zur guten Entscheidfindung bei.»

Das alles hat ihm viele Türen von Zeitzeugen geöffnet. Angetrieben von der Neugier, trug er Teil um Teil das Puzzle P-26 zusammen. Aber: «Ich habe immer Rücksicht genommen, wenn jemand nicht reden wollte.» Wenn es beim zweiten Versuch immer noch «Nein» hiess, habe er das akzeptiert. In vielen Familien mit P-26-Mitgliedern spreche man bis heute nicht offen darüber. «Vielleicht gibt mein Buch einigen die Gelegenheit, zu erzählen, was sie sonst erst auf dem Sterbebett oder gar nie sagen würden», hofft Meier.

Dass es jetzt eine Diskussion gibt über die Geschichte, freut ihn. «Für mich war es wichtig, dass dabei niemand sagen kann: Vielleicht ist in dieser einen geheimen Schachtel noch ein Dokument, dass alles über den Haufen wirft. Das kann ich heute ausschliessen.» Dass man ihm Vorwürfe macht, er habe die P-26 «reingewaschen», lässt ihn kalt: «Ich habe als Historiker nicht darüber zu urteilen, ob das gut oder schlecht war. Ich muss es akzeptieren, dass man das damals als notwendig angesehen hat.» Es sei ihm nie darum gegangen, etwas zu rehabilitieren. «Aber die Öffentlichkeit hat das Recht, mindestens nachträglich Transparenz zu erhalten über das Handeln der Verwaltung. Das ist wesentlich: dem Volk das Vertrauen zurückzugeben.»

Grundsätzlich interessant

Ob er bald selber das Vertrauen des Volkes sucht, weiss Titus Meier noch nicht. Seine Partei, die FDP, hat ihn wieder für die Nationalratsliste angefragt. Und was ist mit dem Regierungsrat? «Grundsätzlich sind Exekutivämter immer interessant. Aber ich bin mit meinen 37 auch in 10 Jahren noch jung für ein Regierungsratsamt.» Er sei ein animal politique, und Bundesbern würde ihn momentan reizen. «Aber die Familie ist das, was einen hält, drum will ich auch auf sie Rücksicht nehmen.»

Er sei vorerst einmal froh, dass das Buch jetzt fertig sei. «Und meine Frau ist auch sehr froh.» Als Historiker habe er in der Politik einen grossen Vorteil: «Ich bin relativ gelassen, was Veränderungen angeht.» Eines ist klar: Er wird es recht machen. Aber nicht allen.