Vorweg: Es ist ziemlich streng. Und es empfiehlt sich, die Reise vorbereitet anzutreten. Ansonsten droht die heillose Überforderung. Die ganze Welt in einem Tag? Nur wer auswählt, findet sich zurecht.

Den völlig Ahnungslosen im Bus ist Chauffeur Lorenz ein guter Ratgeber. Er kennt die Weltausstellung. Rund ein Dutzend Mal hat der Freiämter schon den Eurobus nach Milano und zurückgefahren. Eigentlich ist Lorenz bereits pensioniert; aber er ist immer noch passionierter Buschauffeur und deshalb gerne auf dieser Strecke im Einsatz.

Ab Airolo erklärt er die Expo. Wo er parkieren wird, wie sich die Exponauten den Parkplatz merken und ihn wiederfinden können («Wenn Sie den hohen Kamin sehen, dann sind Sie richtig!»). Dann erzählt er über die Expo.

Er tut dies auf Hochdeutsch. Denn heute sitzen kaum Schweizer im Car, sondern eine chinesische Gruppe aus dem Aargau stellt das Gros der Reisenden. Die Chinesen sind sehr fröhlich, fotografieren ununterbrochen, auch den Gotthardtunnel von innen – und sie verstehen offensichtlich kein Hochdeutsch.

Lorenz erzählt, welche Pavillons ihm am allerbesten gefallen haben: Marokko, Kasachstan, Deutschland, Österreich, Holland, China. Aber ganz zuerst sollte man den Schweizer Pavillon besuchen. Da hat man am Morgen gute Chance, ein frühes Ticket für den Turm zu erhalten.

Saubere WCs, gratis Wasser

In Mailand angekommen, will ein Einweisungsposten dem Bus aus dem Aargau den falschen Weg weisen. Doch Lorenz lässt sich nichts vormachen und fährt konsequent in die andere Richtung – und hat recht.

700 Busse können auf dem Parkplatz abgestellt worden; an diesem Morgen sind es kaum zehn. «Ferienzeit», erklärt Lorenz, «sonst sind hier täglich 30 000–40 000 Schulkinder unterwegs. Alle italienischen Schülerinnen und Schüler müssen an die Expo.»

Nach der angenehmen Kühle des klimatisierten Busses ist die feuchte Hitze von Milano noch schwerer zu ertragen. Lorenz zeigt auf die WC-Container, die seien tipptopp sauber, und er tröstet, dass es überall auf dem Expo-Gelände Wassertankstellen gibt, das Wasser ist gratis und mit oder ohne Kohlensäure zu haben. Und um 18.30 Uhr ist die Rückfahrt. Wer nicht da ist, hat Pech gehabt. Der Bus wartet genau fünf Minuten. Mehr nicht.

Der Fussweg führt vom Parkplatz über eine 500 Meter lange Passerelle zum Ausstellungsgelände, eine grüne Oase, zwischen zwei Autobahnen und einem Gefängnis gelegen. Eingangskontrolle, Sicherheitsschleuse.

Dann sind wir drin, die Expo beginnt. Nette Volunteers verteilen Übersichtspläne und Fächer in Form von Melonenschnitzen mit Google- und Apple-Logo verziert.

Erster leichter Schwindel – wie soll man sich in diesem riesigen Gelände orientieren? Wer mag, lässt sich treiben. Geht der Nase nach, absichtslos, probiert aus, schaut, staunt, geht weiter; vielleicht dem Schatten nach. Wer Geduld hat, steht dort an, wo es bereits viele Leute hat. Das wird meistens belohnt. Verlaufen kann man sich nur schwer.

Glänzendes Kasachstan

Entlang der 1,5 Kilometer langen, luftig überdachten Hauptstrasse reihen sich die Pavillons jener rund 60 Länder auf, die mit eigenständigen Auftritten aufwarten. Kasachstan trumpft da gross auf.

Die mit Silberglanz polierten Edelstahl-Fassaden des Pavillons spiegeln den Nationalstolz und den neuen Reichtum des Landes. Brasilien präsentiert ein schwankendes Netz als instabile Ebene, über das sich die Besucher bewegen müssen.

Wer durch die Maschen blickt, erkennt unten einen Garten; vielleicht eine Metapher – so wie die Besucher Mühe hatten, das Gleichgewicht auf dem Netz zu halten, muss auch der ganze Planet um die Balance des Ökosystems ringen. China lockt mit tausend Bambus- Paneelen, die ein irritierendes Lichterspiel erzeugen.

Einen fantastischen Leichtbau aus Aluminium in Form eines Hightech-Bienenstockes zeigt Grossbritannien. In der Dämmerung sollen die Alu-Waben magisch aufglimmen, in Interaktion mit einem realen Bienenschwarm im englischen Nottingham.

Das Thema der Expo Milano lautet «Den Planeten ernähren, Energie für das Leben»; die Länder sind aufgefordert, ihre eigenen Ideen vorzustellen. Geniale Ideen sind wenig zu entdecken.

Aber das ist keine zuverlässige Aussage. Denn nach und nach erlahmt die Aufmerksamkeit. Und wenn der Kopf müde ist, der Magen leer und die Beine schwer, nützen auch noch so raffinierte Multimedia-Installationen nichts mehr. Und davon gibt es hunderte an dieser digitalen Expo. Entsprechend erregt jede Präsenz von realer Natur grosse Aufmerksamkeit. Zum Beispiel die vertikalen, haushohen Beete, die sich nach der Sonne richten und deren Pflanzen wunderbar gedeihen.

Expo Milano: So sieht es im Schweizer Pavillon aus.

Expo Milano: So sieht es im Schweizer Pavillon aus.

Die Expo macht müde

Um 16.37 Uhr, nach dem Verlassen des eher fantasielosen amerikanischen Pavillons, wo Präsident Obama die Besucher mit ernstem Blick und wichtigen Worte empfängt, ist die Energie verbraucht. So bleibt noch Zeit für eine kleine Beizentour und eine vorläufige Bilanz.

Die Expo in Mailand erweist sich als Ort, wo 145 Nationen friedlich und fröhlich nebeneinander sind; allein schon deshalb lohnt sich der Besuch. Wer will, erhält viel Material zum Nachdenken; aber die Auseinandersetzung mit dem Thema in den unzähligen länderspezifischen Variationen braucht Zeit und ist, weil multimedial und häufig abstrakt, eher eine kopflastige Sache.

Ja, der Tagestrip aus dem Aargau hat sich gelohnt – und sei es nur, um festzustellen, dass man ein zweites, drittes Mal kommen möchte, jetzt, wo man begriffen hat, wie die Expo funktioniert.

Die Buspassagiere sind so früh wieder auf dem Parkplatz beim Kamin, dass die Rückfahrt bereits um 18.24 Uhr starten kann. Die chinesische Gruppe bleibt noch einen Tag in Milano. 

Zwei Frauen aus Aarau sitzen im Bistro hinter dem Schweizer Pavillon an der Expo in Mailand. Der Besuch der vier Türme, dem Herzstück des Schweizer Auftritts, steht ihnen noch bevor. Sie hätten keine Ahnung, wie sie in diese Türme kämen und was sie da erwarte, sagen sie und lachen. Für die Besucher der Weltausstellung wäre es ein Segen, wenn der Zutritt zu den Pavillons überall so unkompliziert organisiert wäre wie bei den Schweizern. Ab 19 Uhr ohne Buchung Es gibt zwei Möglichkeiten, zu einem kostenlosen Ticket mit Zeitangabe zu kommen: Entweder holt man sich – möglichst noch am Vormittag – ein Billett direkt am Schalter vor dem Lift oder man bucht bis spätestens am Vortag ein entsprechendes Zeitfenster im Internet (www.padiglionesvizzero.ch) und druckt es aus oder lädt es aufs Smartphone. «Als Notnagel haben die Besucher die Möglichkeit, die Türme ab 19 Uhr ohne Buchung zu besuchen», präzisiert Andrea Arcidiacono von der zuständigen Bundesstelle Präsenz Schweiz. Viel Zeit bleibt am Abend nicht mehr. Der Schweizer Pavillon schliesst um 21 Uhr, die Expo und die Restaurants um 23 Uhr. Die vier Türme, die das Brugger Architekturbüro Netwerch entwarf, sind mit Kaffee, Wasserbecher, Salz und Apfelringli gefüllt. Die Besucher können sich nach Wunsch bedienen. Damit will die Schweiz zum Nachdenken über die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln auf der Welt anregen. Aktuell fährt der Lift nur noch in die zweite Etage, weil die Wasserbecher und die Apfelringli in den beiden obersten Etagen ausgegangen sind. Türme werden nicht leer Sind die Brugger Architekten mit der Umsetzung ihrer Idee zufrieden? Noah Baumgartner sagt: «Ja, ich denke die Botschaft kommt bei den Besuchern an und wird häufig als ‹die beste thematische› Umsetzung genannt.» Überraschend sei, dass sich das Verhalten der Gäste je nach Verfügbarkeit der Lebensmittel verändere. Ist von einem Lebensmittel wenig vorhanden, sind die Besucher zurückhaltend. Wogegen in einem vollen Turm mehr konsumiert wird. Was in den oberen Etagen an Kaffee und Salz zurückbleibt, rutscht später nicht nach, sondern wird nach der Expo an Nichtregierungsorganisationen in Mailand verteilt.In den ersten drei Monaten besuchten rund 8400 Personen pro Tag den Schweizer Pavillon. Zwei Walliser, die sich am Nachmittag auf dem Dach des deutschen Pavillons ausruhen, schafften es nicht in die Türme. Ihr Zug fährt um 17.30 Uhr. Tickets hätten sie erst für 18 Uhr bekommen.

Kein Anstehen beim Schweizer Pavillon

Zwei Frauen aus Aarau sitzen im Bistro hinter dem Schweizer Pavillon an der Expo in Mailand. Der Besuch der vier Türme, dem Herzstück des Schweizer Auftritts, steht ihnen noch bevor. Sie hätten keine Ahnung, wie sie in diese Türme kämen und was sie da erwarte, sagen sie und lachen. Für die Besucher der Weltausstellung wäre es ein Segen, wenn der Zutritt zu den Pavillons überall so unkompliziert organisiert wäre wie bei den Schweizern. Ab 19 Uhr ohne Buchung Es gibt zwei Möglichkeiten, zu einem kostenlosen Ticket mit Zeitangabe zu kommen: Entweder holt man sich – möglichst noch am Vormittag – ein Billett direkt am Schalter vor dem Lift oder man bucht bis spätestens am Vortag ein entsprechendes Zeitfenster im Internet (www.padiglionesvizzero.ch) und druckt es aus oder lädt es aufs Smartphone. «Als Notnagel haben die Besucher die Möglichkeit, die Türme ab 19 Uhr ohne Buchung zu besuchen», präzisiert Andrea Arcidiacono von der zuständigen Bundesstelle Präsenz Schweiz. Viel Zeit bleibt am Abend nicht mehr. Der Schweizer Pavillon schliesst um 21 Uhr, die Expo und die Restaurants um 23 Uhr. Die vier Türme, die das Brugger Architekturbüro Netwerch entwarf, sind mit Kaffee, Wasserbecher, Salz und Apfelringli gefüllt. Die Besucher können sich nach Wunsch bedienen. Damit will die Schweiz zum Nachdenken über die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln auf der Welt anregen. Aktuell fährt der Lift nur noch in die zweite Etage, weil die Wasserbecher und die Apfelringli in den beiden obersten Etagen ausgegangen sind. Türme werden nicht leer Sind die Brugger Architekten mit der Umsetzung ihrer Idee zufrieden? Noah Baumgartner sagt: «Ja, ich denke die Botschaft kommt bei den Besuchern an und wird häufig als ‹die beste thematische› Umsetzung genannt.» Überraschend sei, dass sich das Verhalten der Gäste je nach Verfügbarkeit der Lebensmittel verändere. Ist von einem Lebensmittel wenig vorhanden, sind die Besucher zurückhaltend. Wogegen in einem vollen Turm mehr konsumiert wird. Was in den oberen Etagen an Kaffee und Salz zurückbleibt, rutscht später nicht nach, sondern wird nach der Expo an Nichtregierungsorganisationen in Mailand verteilt.In den ersten drei Monaten besuchten rund 8400 Personen pro Tag den Schweizer Pavillon. Zwei Walliser, die sich am Nachmittag auf dem Dach des deutschen Pavillons ausruhen, schafften es nicht in die Türme. Ihr Zug fährt um 17.30 Uhr. Tickets hätten sie erst für 18 Uhr bekommen.