Die nationale Wetterinstanz Meteo Schweiz listete gestern die Temperaturen im Aargau auf: Lägern –11,6 Grad Celsius; Würenlingen PSI –6,3; Buchs –5,4, Beznau –4,6; Leibstadt –4,4; Möhlin –4,3. Doch die wahre Wetterinstanz ist ja eigentlich jene der Menschen, die jeden Tag draussen sind: die der Bauern. Im Lagebericht von «Landi-Wetter» für das Mittelland heisst es: «Temperaturen in Aarau, Baden und Zofingen am Dienstagmorgen um –10 Grad, tagsüber –6 bis –5 Grad. (...) Am Dienstag schwache bis mässige Bise. Dadurch gefühlte Temperaturen unter –10 Grad.»

Landwirte: Ganz gut

Diese Kälte ist laut Ralf Bucher, Geschäftsführer des Bauernverbands Aargau, ganz gut: «Die Kirschessigfliege dürfte das nicht überleben. Und dem Boden tut es auch gut. Wenn er richtig durchgefroren wird, sorgt das für eine Lockerung, so kann man im Frühling besser arbeiten.» Etwas mehr Aufwand hätten viele Landwirte mit Viehhaltung. «So offen, wie die modernen Ställe gebaut sind, haben sie jetzt mit dem Wasser und dem Mist zu kämpfen.»

Das Trinkwasser für die Kühe kann in den Leitungen gefrieren, was man mit einer festinstallierten Begleitheizung lösen kann – oder aber mit einem temporär separat gezogenen Wasserschlauch. Der Mist kann am Boden festfrieren, was die Arbeit des Spaltenschiebers oder Mistroboters erschwert. Den Mist von Hand zu kehren, geht bei diesen Temperaturen auch nicht gut. Grosse Auswirkungen habe das allerdings nicht, sagt Bucher: «Das Ende der Kältewelle ist ja bereits absehbar.»

Krampfen in der Kälte: Unia fordert Arbeitsverbot

Krampfen in der Kälte: Unia fordert Arbeitsverbot

Die einen haben kältefrei, andere Baufirmen aber lassen ihre Arbeiter auch bei extremer Kälte ackern. Die Unia fordert nun eine einheitliche Regelung.

Bau: Pausen und Thermowäsche

Andere, die draussen arbeiten, sind die Leute auf dem Bau. Wie bekommen sie die Minustemperaturen über mehre Tage zu spüren? Pascal Johner, Geschäftsführer des Baumeisterverbandes Aargau, weiss: «In den Bauabläufen kann es zu Verzögerungen kommen. Ab Minus 5 Grad kann man beispielsweise nicht mehr betonieren.» Während der Arbeit auf der Baustelle helfe nur eines: «Mehr Pausen einlegen, sich immer wieder aufwärmen.» Kaffee und heisses Wasser sei Standard in Aargauer Baubaracken. Der Verband empfiehlt seinen Mitgliedern explizit, auf Thermounterwäsche zu setzen.

Bauarbeiter Patrick Hauser bringt in Sicherheit, was sich in Sicherheit bringen lässt.

Schulhausplatz Baden: Bauarbeiter Patrick Hauser bringt in Sicherheit, was sich in Sicherheit bringen lässt.

«Teilweise wird diese auch vom Baumeister an das Personal abgegeben.» Dennoch könne man bei dieser Kälte nicht mehr gleich effizient arbeiten: «Es ist im Prinzip dasselbe wie im Sommer bei grosser Hitze.» Weniger betroffen sei zum Beispiel der Rückbau, auch im Tiefbau seien die Minusgrade ein kleineres Problem: «Mit schweren Maschinen kann man auch arbeiten, wenn der Boden in der obersten Schicht gefroren ist.» Wer nicht mehr weiterarbeiten könne, führe an solchen Tagen interne Sicherheitsschulungen durch. Und einzelne Betriebe nutzten die Gelegenheit, um Überstunden abzubauen.

Autobatterien leer – öV problemlos

Streng haben es Pannendienste wie jener von Bruno Lindenmann in Sarmenstorf. Die Aufträge von Autofahrern, deren Wagen der Kälte nicht standhalten konnten, kamen im Minutentakt herein. Lindenmann war gestern von früh bis spät pausenlos im Einsatz, sodass die Zeit nicht für ein kurzes Telefon mit der AZ reichte. «Es ist gerade sehr, sehr hektisch», bat Manuela Köfer in der Einsatzzentrale um Entschuldigung. TCS-Sprecher Daniel Graf in Bern sagt, man verzeichne rund 30 Prozent mehr Einsätze als an einem durchschnittlichen Wintertag: «Viele Batterien sind schon älter und überstehen mehrere sehr kalte Tage in Folge wie im Moment nicht.»

Keine Auswirkungen hat das Kältehoch Hartmut, das noch bis Freitag andauern soll, auf den öffentlichen Verkehr im Aargau. Reto Häusermann, Leiter Technik bei der BDWM Transport AG in Bremgarten, sagt: «Wir hatten keinerlei Betriebsstörungen.» Sämtliche Weichenheizungen und Kupplungen funktionierten. Der Vorteil sei, dass es sich um eine trockene Kälte handle: «Schwieriger wäre es bei starkem Schneefall.» Vorkehrungen treffen die BDWM bei diesem Wetter dennoch: «Am Donnerstag werden wir die Fahrleitungen wieder einsprühen, was wir pro Winter sechs- bis achtmal machen.» Ein Wachs-Glycol-Gemisch verhindert, dass sich Wasser am Fahrdraht festsetzt. Dieses könnte sonst gefrieren, den Draht isolieren und die Stromübertragung auf den Zug unterbinden.

Erwin Rosenast, Mediensprecher von AAR Bus+Bahn, berichtet auf Anfrage ebenfalls, es sei zu keinen Einschränkungen gekommen: «Weder bei der Bahn noch bei den Bussen mussten wir Vorkehrungen treffen.» Zwar habe es am Montag eine kleine Steuerstörung gegeben, diese sei aber nicht kältebedingt gewesen. Die Gefahr, dass Weichen einfrieren, sei bei einer derart trockenen Kälte «praktisch gleich null».

So schön friert die Schweiz ein

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