Pandemie

Wie Aargauer Vereine in der Coronakrise Menschen mit Beeinträchtigungen helfen

Outdoor-Treffen mit sicherem Abstand: Aliko Ferrari (rechts) freute sich über den Ausflug auf der Lägern in Wettingen. Mit ihm auf dem Bild ist Marcello Zufferli.

Outdoor-Treffen mit sicherem Abstand: Aliko Ferrari (rechts) freute sich über den Ausflug auf der Lägern in Wettingen. Mit ihm auf dem Bild ist Marcello Zufferli.

Die Coronakrise bedeutet gerade für Menschen mit Beeinträchtigungen eine grosse Herausforderung. Die Vereine Stützpunkt Alltag und Insieme Aarau-Lenzburg helfen ihren Klienten während der Pandemie auf innovative Art und Weise.

Als Mitte März klar wurde, dass eine Zeit lang alles anders wird, musste auch der Verein Stützpunkt Alltag schnell handeln. Der Aargauer Verein bietet seit 2016 ein Begleitangebot für Menschen mit kognitiven und/oder psychischen Beeinträchtigungen an. Für Menschen, die trotz ihrer Beeinträchtigung ausserhalb von Heimen selbstständig leben.

«Mit der Pandemie stellte sich die Frage, wie können wir die Klientinnen in dieser herausfordernden Zeit adäquat begleiten?», sagt Alexander May, Sozialpädagoge und Leiter des Stützpunkts. Insgesamt neun Klienten bekommen von den sieben Mitarbeitern des Stützpunkts wöchentlich mehrere Stunden Unterstützung. «Am Anfang herrschte eine grosse Unsicherheit und viele Klienten hatten Angst», sagt May. Es galt, die Ruhe zu bewahren. Die Menschen mit Beeinträchtigungen bekommen durch den Stützpunkt Alltag nicht nur praktische Hilfe im Alltag, sondern auch eine psychosoziale Begleitung durch eine Bezugsperson.

«Wir verstanden unseren Auftrag darin, den Klientinnen einen Rahmen zu bieten, damit sie diese Zeit psychisch gut überstehen, darin, die Grundversorgung sicherzustellen und mit ihnen gemeinsam die Verhaltensregeln des BAG zu trainieren.»

May und seine Mitarbeiter mussten rasch ein Pandemiekonzept erstellen sowie Schutzmasken, Handschuhe und Desinfektionsmittel besorgen. «Klientinnen in Quarantäne mussten mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt werden», sagt May. Zudem standen bei zwei Klienten Umzüge an. Die Kommunikation mit den Personen mit Beeinträchtigungen fand zu einem grossen Teil über Video-Chat statt, «so waren wir sogar in der Lage, Klientinnen in lebenspraktischen Fragen, wie zum Beispiel beim Fiebermessen, anzuleiten.»

Wichtige alltägliche Struktur war plötzlich weg

Dadurch, dass die Arbeitsplätze der Menschen mit Beeinträchtigungen geschlossen wurden, fiel für diese eine wichtige alltägliche Struktur plötzlich weg. Auf Initiative des Vorstandes von Insieme Aarau-Lenzburg, Regionalverein für und mit Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, half der Verein Stützpunkt Alltag, individuelle Tagesstrukturen und Freizeitangebote für die Klienten aufzubauen: «Über die Video-Chat-App Zoom und auch über Whatsapp gibt es regelmässige Treffen, Quizveranstaltungen, Viren versenken – analog zum Schiffe versenken – und sogar ein regelmässiges Lotto», erzählt Alexander May. Die Preise, die es zu gewinnen gab, wurden den Gewinnern ein paar Tage später in den Briefkasten gelegt. «Durch die Kreativität der Chorleiter und Tanzlehrer von Insieme konnten sogar Chorproben und Tanzstunden stattfinden. Einfach digital», schwärmt May.

Zusammenarbeit war schon vor der Coronakrise gut

Die Zusammenarbeit mit der Organisation Insieme Aarau-Lenzburg war schon vor der Pandemie eine gute: «Die Präsidentin von Insieme Aarau-Lenzburg, Mary-Claude von Arx, hat uns immer wieder unterstützt.» Aber gerade während der Pandemie erwies sich die Zusammenarbeit als überlebensnotwendig für den Verein Stützpunkt Alltag: «Es war schon vor der Pandemie eine Herausforderung, das System Stützpunkt Alltag aus finanzieller Sicht am Laufen zu halten. Mit der Pandemie war es eine Frage der Zeit, bis wir unsere Dienstleitungen einstellen mussten», sagt Alexander May.

Die Dienstleistungen des Stützpunkts Alltag werden durch Ergänzungsleistungen der Hilflosenentschädigung, Spenden sowie einem symbolischen Eigenbeitrag der Klientinnen finanziert. Doch wegen der Pandemie entstand ein Mehraufwand, auch in finanzieller Hinsicht. Dies brach dem Verein fast das Genick. Die Reserven hätten bis Ende April gereicht.

«Als der Vorstand von Insieme Aarau-Lenzburg von dieser Situation erfuhr, sicherte er uns seine Unterstützung in Form von Mitarbeit und Übernahme der ungedeckten Kosten zu», erzählt Alexander May. «Für Insieme Aarau-Lenzburg bedeutet dies kein selbstverständliches Opfer, das Geld stammt aus dem Vermögen, welches innerhalb der 60-jährigen Vereinsgeschichte angespart worden ist», sagt May.

Outdoortreffen mit kleinen Gruppen

Vor zwei Wochen haben die beiden Vereine damit angefangen, Outdoortreffen in Gruppen mit maximal fünf Personen zu organisieren. «Es gibt Klienten, die niemanden haben. Es war uns wichtig, ihnen zu zeigen, dass wir für sie da sind», sagt May. Mit dem nötigen Sicherheitsabstand trafen sie sich zum Picknick. Aliko Ferrari war bei einem solchen Treffen dabei. Für den 37-jährigen Klienten des Stützpunkts Alltag war das Picknick Ende April eine willkommene Abwechslung während der Coronazeit: «Es war schön, am Wochenende wieder etwas zu unternehmen. Ich bin gerne draussen unter den Leuten. So lange nichts unternehmen zu dürfen, fand ich besonders schwierig.»

Alexander May ist zuversichtlich: «Die Situation scheint sich zu beruhigen.» Das Wichtigste sei es gewesen, die Klienten während Corona nicht alleinzulassen: «Gemeinsam mit Insieme Aarau-Lenzburg haben wir die Menschen mit Beeinträchtigungen während dieser besonderen Zeit begleiten können.» Dafür brauchte es viel Solidarität, Einsatzbereitschaft und eine grosse Portion Kreativität.

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